Spastik als Folge einer Querschnittlähmung

Bei einer Spastik gehorchen die Muskeln nicht mehr der willkürlichen Steuerung, sondern zeigen eine Eigenaktivität, die bei starker Ausprägung den gesamten Alltag erschweren kann.

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Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) definiert die Spastik als

„gesteigerten, geschwindigkeitsabhängigen Dehnungswiderstand der Skelettmuskulatur in Folge einer Läsion dezendierender (absteigender, Anm. d. Red.) motorischer Bahnen, der in der Regel mit anderen Symptomen wie Muskelparesen, Verlangsamung des Bewegungsablaufs, gesteigerten Muskeleigenreflexen und pathologischen Fremdreflexen einhergeht“ (DGN, 2008).

Über einen afferenten, zum Rückenmark führenden Nerv registriert die Nervenzelle Anzeichen dafür, dass ein Muskel gedehnt zu sein scheint. Dafür sitzen im Muskel selbst sogenannte Muskelspindeln, die für die Messung der Muskeldehnung zuständig sind. Zu einer Dehnung von Muskelspindeln kann es z. B. durch einen äußeren Einfluss, wie das Überfahren einer Türschwelle mit dem Rollstuhl, kommen. In einem Reflex versucht das Rückenmark nun, der Dehnung entgegenzuwirken. Da der Muskel dabei aber nur kurz zuckt, sich also nur für einen Moment zusammenzieht, kommt es sofort wieder zu einer Dehnung und der Kreislauf beginnt von vorn. „Durch eine Schädigung im Gehirn oder Rückenmark fehlen dem Zentralnervensystem dämpfende Impulse. Diese fehlenden dämpfenden Impulse führen dazu, dass die Muskelspannung sozusagen ungebremst einschießen kann“ (Galgan/Gerhard, 2007).

Diese Muskelspannung kann in ihrer unterschiedlichen Ausprägung in eine Skala eingeordnet werden. Die Ashworth-Skala gehört zu den am häufigsten verwendeten Instrumenten zur Einstufung einer Spastik und nennt vier Grade (Zäch/Koch, 2006):

  1. Keine Zunahme der Muskelspannung bei passiver Bewegung
  2. Leichte Erhöhung der Muskelspannung bei passiver Bewegung. Beschrieben wird hier das sogenannte „Taschenmesserphänomen“: Wie beim Öffnen eines Taschenmessers ist der Widerstand zunächst erhöht und lässt dann nach. Auf eine Spastik desselben Grades kann aber auch ein leichter Widerstand am Ende der Bewegung hindeuten.
  3. Deutliche Erhöhung der Muskelspannung während der gesamten Bewegung, Extremität kann aber leicht bewegt werden.
  4. Die betroffene Extremität bleibt starr und kann nicht gebeugt oder gestreckt werden.

Bewegungsabläufe sind mit einer Spastik deutlich verlangsamt. Muskeln können so versteift sein, dass alltägliche Dinge, wie Waschen und Anziehen, zur Herausforderung werden. Kommen durch äußere Reize, wie Berührung, Kälte oder Wärme, unkontrollierbare Muskelzuckungen (Spasmen) hinzu, können diese auch ein Verletzungsrisiko bedeuten.
Bei Tetraplegie kann eine Spastik indirekt Einschränkungen im Bereich der Atemmuskulatur bedeuten und die Nahrungsaufnahme beeinträchtigen (Maierl, 2012).

Dennoch ist die Spastik in Teilbereichen nicht ausschließlich negativ zu betrachten:

  • „Ein Patient mit einer Querschnittlähmung kann diese zur Stabilisierung des Körpers, beispielsweise bei Transfermanövern, nutzen“ (Universitätsklinikum Heidelberg, 2013).
  • Aus der erhöhten Muskelspannung resultiert ein gesteigerter Energieverbrauch, der dazu führt, dass Betroffene fast nie übergewichtig sind.
  • Sie trainiert die Muskulatur, die dadurch erhalten bleibt. „Am Gesäß bleiben die Muskeln bestehen und polstern so das ‚Hinterteil‘, dies schützt vor Dekubitus. Die Patienten haben dadurch auch ein besseres Gleichgewicht im Sitzen“ (Koch, 2014).
  • Die Muskelaktivität in den Beinen unterstützt den Rückfluss des Bluts zum Herz und wirkt Wassereinlagerungen entgegen.
  • Bei Tetraplegikern können Spasmen das Husten unterstützen (Koch, 2014).
  • Zudem kann eine Spastik als Signalgeber für Infektionen dienen, weil sie sich bei vielen Betroffenen im Falle von Entzündungen oder anderen Beschwerden erhöht (Teuschel, 2013).

Die Spastik beeinflussen

Als Basistherapie lässt sich der Spastik durch Physiotherapie begegnen. Standard ist dabei die aktive und passive Muskeldehnung und das Durchbewegen; Behandlungskonzepte nach Bobath, Hippotherapie u. a. können kombiniert werden (Maierl, 2012).

Die medikamentöse Therapie ist lediglich eine Ergänzungstherapie, sollte die Physiotherapie nicht ausreichen. In Studien konnten antispastische Medikamente (Baclofen, Tizanidin, Diazepam) die Situation Betroffener allerdings nicht wesentlich verbessern. Die Anwendung von Botulinumtoxin kann vor allem bei fokaler Spastik (auf einen begrenzten Bereich bezogen) helfen: „Bei therapieresistenter spastischer Blasendysfunktion hat sich die lokale Applikation von Botulinum-Toxin A bewährt“ (DGN, 2008). Die Behandlung mit Botox muss in bestimmten Abständen wiederholt werden (Maierl, 2012).

Die chirurgische Durchtrennung ausgewählter Nervenbahnen zur Unterbrechung des spinalen Reflexbogens bei schwerer Spastik wird heute nur noch selten angewandt (DGN, 2008). Elektrostimulation, Magnetstimulation von Muskeln und Nerven sowie Entspannungsübungen gehören zu den gängigen nichtinvasiven Therapieformen. Jede Intervention sollte in ihrem Ziel genau festgelegt und fortlaufend auf ihren Therapieerfolg hin überprüft werden. Dazu kann die Ashworth-Skala herangezogen und Einstufungen vor und nach der Behandlung können verglichen werden (Maierl, 2012).

Alltagshilfen, je nach Ausprägung

  • Hilfsmittel: Sicherheitsgurte im Roll- oder Duschstuhl sowie in liegender Position, um Stürze zu vermeiden; Esshilfen
  • Dekubitusprophylaxe: entlastende Lagerung,  Hautkontrolle und Durchbewegen
  • Antispastische Lagerung beim Schlafen und zur Vermeidung von Atemnot (Froschlagerung oder Schneidersitz)
  • Leichte Beugung im Hüft- und Kniegelenk während das Liegens auf dem Rücken oder in der 30°-Seitenlage
  • Minimale Positionsveränderungen
  • Dehnung der Hüftbeuger in Bauchlage
  • Kinästhetik
  • Basale Stimulation
  • Autogenes Training
  • Ggf. Lagerung im Schneidersitz oder Einsatz eines Spreizkissens, um den intermittierenden Katheterismus trotz Spastik der Adduktoren möglich zu machen. Eine Volumenzunahme in Blase und Darm, Harnwegsentzündungen oder ein Dauerkatheter können die Muskelspannung verstärken, sodass auch in Bezug auf die Spastik auf ein gut funktionierendes Darm– und Blasenmanagement zu achten ist (Veit/Quigley, 2001).
  • Berührung von besonders empfindlichen Körperpartien wie Kniekehlen, Bauchdecke oder Fußsohlen vermeiden (Zäch/ Koch, 2006) und Reize wie Wärme oder Kälte im Auge behalten (Maierl, 2012)

Generell ist unter Berücksichtigung der Faktoren, die eine Spastik beeinflussen können, eine Analyse der Umgebung sinnvoll, um verstärkende oder vermindernde Faktoren feststellen und anpassen zu können: „Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Auftreten der Spastik und einer bestimmten Tageszeit, Aktivität, Körperposition, Stimuli?“ (Maierl, 2012). – Je genauer Betroffene und Angehörige sowie Pflegekräfte um die Einflussfaktoren Bescheid wissen, umso besser können sie mit der Spastik umgehen.

Weitere Informationen

Ein möglicher Grund für das Auftreten von Spasmen könnte ein Serotoninüberschuss sein. Siehe: Serotoninüberschuss verursacht Spastik