Meine Querschnittlähmung und ich: Mein Darm, der finstere Halunke

Elefanten scheiden bis zu 50 Kilogramm am Tag aus. Wombats scheiden würfelförmig* aus. Und ich scheide – dank meiner Querschnittlähmung – nach Zeitplan aus. Darauf ist mein Darm trainiert. Und ich darf mit dieser Dressur auch nicht lax werden, sonst rächt er sich auf finstere Art und Weise.

Vielleicht wissen Sie es, vielleicht auch nicht, aber eine Rückenmarksverletzung geht fast immer mit einer Darmfunktionsstörung einher. Die meisten Menschen mit Querschnittlähmung können den Drang zum Stuhlabgang (wenn überhaupt) nur eingeschränkt wahrnehmen, und auch der innere und äußere Schließmuskel kann nicht oder nur teilweise kontrolliert werden. Das heißt, dass es nicht immer ganz so einfach ist, zur gewünschten Zeit am gewünschten Ort auszuscheiden.

Mit der Zeit lernt man damit umzugehen. Man lernt abführende und stopfende Lebensmittel zu identifizieren. Man lernt auf Ballaststoffe und Fettgehalt im Essen zu achten und die Trinkmenge sowie den Essrhythmus genau zu erfassen und anzupassen.

Ihnen fällt auf, dass ich den Satz oben mit „Mit der Zeit…“ angefangen habe, ja? Weil nämlich am Anfang so eine Darmfunktionsstörung wie die Pest am Arsch sein kann. Ich spreche da aus Erfahrung. Als ich ganz frische verletzt war, entleerte sich mein Darm, der finstere Halunke, wann immer er lustig war. Das war für mich extrem schwer zu akzeptieren. Schwerer als der Mobilitätsverlust, schwerer als die Empfindungsstörungen, schwerer als die nicht funktionierende Sexualität.

Explosionsartige Entleerungen

Als ich nach Hause entlassen wurde, hatte ich das Darmmanagement dann aber soweit im Griff. Ich führte nicht mehr täglich ab, sondern in einem zweitägigen Rhythmus (wegen der Darmträgheit ist bei mir alles ein bisschen langsamer) und alles klappte gut. Bis zu einem unheilvollen Tag im Sommer. Vielleicht hatte ich es mit dem Essen ein bisschen übertrieben, vielleicht hatte ich nicht genug getrunken. Jedenfalls hatte es morgens mit dem Abführen nicht so richtig geklappt. Trotzdem wollte ich mit meiner Mutter ein bisschen raus, am Fluss entlangspazieren, eine Zeitschrift am Kiosk kaufen und eventuell ein Eis essen… Wir waren schon eine Weile unterwegs, als ich plötzlich begann mich ganz zittrig und schwach zu fühlen. Mir würde übel. Mein Körper krümmte sich. Und dann entleerte sich mein Darm explosionsartig – plötzlich und ohne dass ich es hätte kontrollieren können – in meine Hose.

„Wir müssen nach Hause“, brachte ich hervor. „Doch kein Eis?“ fragte meine Mutter, aber dann sah sie mein Gesicht und schnupperte ein bisschen und sagte nichts weiter.

Wir eilten auf dem schnellsten Weg nach Hause, umgeben von einer Geruchswolke, die nicht nur entfernt an Schweinestall erinnerte. Zum Glück waren in der Straßenbahn nicht so viele Menschen, aber die, die da waren, konnten einem leidtun.

Ich hätte fast geweint vor Scham.

Ich war so entsetzt, dass ich vor Scham und Ekel kein Wort hervorbekam und am liebsten geweint hätte. Und dass es meine Mutter war, die mir – einem erwachsenen Mann – aus den verschmutzten Kleidern und in die Dusche helfen musste, machte es nicht gerade einfacher. Ich kam mir so gedemütigt vor, wie damals als ich als kleiner Junge einmal von der Grundschule nach Hause geschickt wurde, weil ich eingenässt hatte.

Am liebsten hätte ich mich ein tiefes Loch verkrochen und wär nie wieder herausgekommen. Das tat ich natürlich nicht, aber ich zog Konsequenzen aus dieser Katastrophe. Als erstes feuerte ich meine Mutter als meine Hilfsperson und kümmerte mich fürderhin selbst um all meine persönlichen Belange. Es dauerte zwar alles ein bisschen länger, aber ich schaffte es alleine. Als zweites beschäftigte ich mich wieder intensiver mit meiner Ernährung und meinem Darmmanagement, gewann wieder an Routine und weitere unschöne Überraschungen blieben mir erspart. (Ich klopfe auf Holz.)

Für das Problem gibt es Lösungen.

Es ist durchaus möglich, dass so ziemlich jeder Querschnittgelähmte, den Sie kennen, schon einmal in seiner eigenen S****** saß. Warum ich Ihnen das erzähle? Weil Sie vielleicht selber querschnittgelähmt sind und glauben, dass das nur Ihnen so ergangen ist. Oder weil Sie sich möglicherweise in Grund und Boden schämen, weil Sie Ihre Ausscheidungen noch nie so richtig unter Kontrolle hatten, und Sie sich nicht aus dem Haus trauen. Oder weil Sie vielleicht ganz neu im Rollstuhl sitzen und Angst haben, dass Sie das alles niemals in den Griff kriegen werden.

Ich bin hier um Ihnen zu sagen: Stimmt alles nicht! Sie sind nicht alleine mit dem Problem. Und für das Problem gibt es Lösungen.

Eine neurogene Darmfunktionsstörung zu haben ist beschissen, ja, aber es ist nicht so, dass man da nichts machen könnte. Der Darm lässt sich trainieren. Mit der richtigen Ernährung und einem Schema für ein regelmäßiges Darmmanagement ist Kontinenz möglich. Und dann läuft das alles sehr streng – und sehr, sehr beruhigend – nach Zeitplan.

 

 

*Das stimmt wirklich.

 


Die Kolumnenbeiträge sind inspiriert von Gesprächen der Redaktion mit Lesern. Alltagstipps, eine witzige Begebenheit, eine emotionale Begegnung, eine ärgerliche, aber typische Situation: Was die Leser von Der-Querschnitt.de beschäftigt, greifen die Redakteure gerne an dieser Stelle auf.

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