Endzeit – Weltuntergang mit Querschnittlähmung

Irgendwie naht das Ende der Welt ja praktisch immer. Aber was kann man als Mensch mit Querschnittlähmung eigentlich machen, wenn die Apokalypse kommt? Liz Jensens dystopischer Roman „Endzeit“, erzählt die Geschichte von Rollstuhlfahrerin Gabrielle.

Aus dem Inhalt

Verheerende Stürme fegen über Europa, Ernten verdorren, Tsunamis bedrohen Küstenregionen weltweit und ein Erdbeben vernichtet eine Millionenstadt. Vor diesem Hintergrund tritt Ich-Erzählerin Gabrielle Fox auf, die nach einem Autounfall, bei dem sie nicht nur ihren Partner verlor, von der Taille abwärts querschnittgelähmt ist. Nach ihrer Entlassung aus der Reha konzentriert sie sich auf die eine Sache, die ihr noch bleibt: ihre Karriere als Psychotherapeutin.

Doch dann wird ihr bei ihrer neuen Stelle in einer Einrichtung für psychisch gestörte, jugendliche Kriminelle die 16-jährige Bethany Krall als Patienten zugewiesen, die in einer fundamental-christlichen Familie aufgewachsen ist und ihre Mutter mit einem Schraubendreher ermordet hat. Das traumatisierte, manipulative Mädchen behauptet die gehäuft auftretenden Naturkatastrophen vorhersehen zu können – und tatsächlich treffen die Katastrophen genau zu den Daten ein, die Bethany prophezeit. Zunächst glaubt Gabrielle an einen Zufall, doch dann häufen sich die Geschehnisse, und auch Begebenheiten aus Gabrielles Vergangenheit scheint Bethany erschreckend genau zu kennen.

Während sie einerseits eine globale Katastrophe befürchten muss, und andererseits versucht Bethanys Vater, das charismatische Oberhaupt einer streng christlichen Gemeinde, auf den Zahn zu fühlen, lernt Gabrielle Physiker Frazer Melville kennen. Sie beginnt mit ihm eine Affäre und die Dinge scheinen sich für beide in eine hoffnungsvollere Richtung zu entwickeln. Doch dann beginnt ein von Frazer zusammengerufenes Team von Wissenschaftlern, an Bethanys Fähigkeiten Interesse zu zeigen. Bethany wird mit Elektroschocks traktiert, Gabrielle wird ausgegrenzt und auch in Frazers Privatleben scheint für sie kein Platz mehr zu sein.

Wie liest es sich

„Endzeit“ wird aus der Perspektive der Protagonistin Gabrielle erzählt. Der Leser kennt die Gedanken und Beweggründer der Ich-Erzählerin daher sehr gut, während er (genau wie Gabrielle) über die Motive und Handlungen der beiden anderen Hauptfiguren, Bethany und Fraser, zunächst nur spekulieren kann.

Neben der Sorge um das mögliche Ende der Welt wie wir sie kennen, beschäftigt sich Gabrielle gedanklich viel mit ihrer neuen Rolle als „Krüppel“. Dass sie als Frau nicht mehr begehrenswert ist, hält sie für selbstverständlich und als Frazer beginnt sexuelles Interesse an ihr zu zeigen, kann sich die Rollstuhlfahrerin dies zunächst überhaupt nicht erklären. Dafür landen beide dann aber doch sehr zügig miteinander im Bett, Selbstzweifel hin oder her. Gabrielles zwanghafte Beschäftigung mit ihrer Behinderung ist einerseits verständlich und auch realistisch – immerhin liegt ihr Unfall gerade mal ein Jahr zurück – andererseits ist das Thema sehr repetitiv. Und es ist ja ein Endzeitthriller, den man lesen möchte, nicht ein Schicksalsroman.

Die dramatischen Wendungen der Gesichte, die Enthüllung finsterer Geheimnisse und schließlich die Ursache, der Mega-Katastrophe, sind in sich schlüssig, werden aber nach der langen Anlaufphase in Teil 1 und 2 des Buches in Teil 3 recht knapp und unspektakulär aufgelöst. Und warum in Zeiten der Erderwärmung und ihrer verheerenden Folgen noch ein weiterer Grund für die Klimaveränderung aus dem Hut gezogen werden muss, ist auch nicht unbedingt klar.

Fazit

Die Querschnittlähmung der Protagonistin wird realistisch dargestellt, und die Idee den Vorlauf zu einer Apokalypse aus Sicht einer Rollstuhlfahrerin zu schreiben ist interessant, hätte aber spannender erzählt werden können. Was Dystopien, die den – vor Angst oder aus anderen Gründen paralysierten – Leser mit bangem Auge einer ungewissen Zukunft entgegenblicken lassen, reicht „Endzeit“ nicht an Margaret Atwoods „MaddAddam“-Trilogie heran, ist aber trotzdem lesenswert.

Das Buch

  • Endzeit
  • Von Liz Jensen
  • Seiten: 400
  • ISBN: 978-3423248440
  • Preis: ca. 15 Euro (Stand: Juni 2019)

 

Für weitere Romane mit rollstuhlfahrenden Protagonisten siehe: Lesestoff: Zwölf Bücher mit Romanfiguren mit Querschnittlähmung

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