Nerventransfer kann Tetraplegikern die Kontrolle der oberen Extremitäten ermöglichen

Bei einer Tetraplegie ist die Steuerung der Hände und Arme nicht oder nur eingeschränkt möglich. Ein Nerventransferverfahren, das an der Universität Melbourne untersucht wird, hat mehreren Betroffenen helfen können.

Die Methode des Nerventransfers hat Patienten mit kompletter Tetraplegie lebensverändernde Mobilität in Hände und Ellbogen ermöglicht. „Die Verbesserung der Handfunktion ist ein zentrales Ziel für Patienten mit Tetraplegie, da sie Unabhängigkeit und die Fähigkeit zum Ausführen von Alltagsaufgaben gewährleistet“ sagt Studienleiterin Dr. Natasha von Zyl. Ihre im Juli 2019 im Fachmagazin The Lancet veröffentlichte Studie verfolgte den Fortschritt von 13 Patienten, bei denen nach dem Eintritt einer kompletten Querschnittlähmung Nerventransfers vorgenommen wurden.

„Die Forschung zeigt, dass die Übertragung von funktionierenden Nerven aus einem Teil des Körpers Tetraplegikern eine langfristige Nutzung ihrer Hände und Ellbogen ermöglichen kann“, erklärt van Zyl. „Die 13 Patienten, die an der Studie teilgenommen haben, sind nun in der Lage, dank der Nerventransferoperation selbstständig zu essen, Gegenstände zu halten und zu bewegen, den Rollstuhl anzutreiben und elektronische Geräte z. B. Computer ohne Hilfe zu benutzen. Letztendlich heißt das, dass sie so leichter am Familien- und Arbeitsleben teilnehmen können.“

Die Methode

Die Studie untersuchte eine Gruppe von Patienten mit einem Durchschnittsalter von 27 Jahren. die innerhalb von 18 Monaten nach ihrer Verletzung operiert werden konnten.

Bei dem Operationsverfahren verknüpften die Forscher durch die Querschnittlähmung deaktivierte Muskeln im Arm oder der Hand mit gesunden Nerven. Dafür wählten sie einen gesunden Nerv oberhalb der Verletzung des Rückenmarks aus, der noch mit dem Gehirn kommunizieren konnte. Diesen trennten sie von seinem eigentlichen Muskel ab und verknüpften ihn stattdessen mit dem verletzten Nerv, der den Zielmuskel gesteuert hatte. In der Zeit nach dem Eingriff wuchs der gesunde Nerv an den anderen Nervenfasern entlang bis zum Zielmuskel – laut van Zyl legte er ungefähr einen Millimeter pro Tag zurück. Je nachdem, um welchen Muskel und welchen Nerv es sich handelte, dauerte es zwischen drei und neun Monate, bis er den Zielmuskel erreicht hatte. Ab diesem Augenblick konnten die Patienten den Muskel mithilfe des Nervs wieder ansteuern.

Es gibt allerdings Grenzen: Der Nerventransfer glückte nicht bei allen Patienten, bei dreien scheiterte er oder funktionierte nur mit Komplikationen. Man müsse noch besser erforschen, für welche Patienten sich die Technik am besten eigne, schreiben die Forscher in The Lancet. Zudem sei die Methode besonders sechs bis zwölf Monate nach Eintritt der Querschnittlähmung sinnvoll. Und auch bei erfolgreichem Transfer könne es Monate dauern, bis erste Verbesserungen spürbar wären.

Trotzdem zeigen sich die Forscher zuversichtlich. „Wir haben den Fortschritt jedes an der Studie beteiligten Patienten zwei Jahre lang verfolgt und konnten zeigen, dass der Nerventransfer eine aufregende neue Option ist, die neben anderen bestehenden Operationstechniken sicher eingesetzt werden kann, um Patienten mit Tetraplegie zu helfen, die Funktion der oberen Gliedmaße wiederzuerlangen“, resümiert van Zyl.

Die Studie „Expanding traditional tendon-based techniques with nerve transfers for the restoration of upper limb function in tetraplegia: a prospective case series“ ist kostenpflichtig in englischer Sprache unter www.thelancet.com verfügbar.

 

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