Viraler Internethit gegen Selbstzweifel

„Mein Hirn findet es so schwer, sich vorzustellen, dass ich in meinem Rollstuhl geliebt werde,“ schrieb Emily auf Twitter. Und bat Menschen mit Behinderung um Fotos von ihren „glücklichen Partnerschaften“.  1.600 Paare haben geantwortet.

Aus allen Ecken dieser Welt finden sich in Emelys Thread inzwischen Bilder von glücklichen Paaren, bei denen einer der Partner querschnittgelähmt ist, aus anderen Gründen den Rollstuhl benutzt, oder Autist ist, oder kognitiv eingeschränkt, oder … Bereits 1.600 Paare (Stand: 9. Juli 2019) haben auf Emilys Bitte reagiert. Viele von ihnen mit einem Beweisfoto, das demonstriert, dass sie nicht nur durchaus liebenswert sind, sondern auch tatsächlich lieben und geliebt werden.

Die virtuelle, aber dennoch tatkräftige Unterstützung aus dem Netz hat Emily anscheinend bitter nötig. Denn sie selbst – so lassen es ihre Tweets vermuten – hadert damit, dass sie Rollstuhlbenutzerin ist. So schreibt sie: „Letzte Nacht … habe ich … gepostet, dass ich mich nicht liebenswert finde. Ich möchte mich ganz herzlich bei allen bedanken, die meinen verinnerlichten Ableismus (= Beurteilung von Menschen anhand ihrer Fähigkeiten, Anmerkung der Redaktion) geteilt, kommentiert und in den Arsch getreten haben. Ich bin in Tränen aufgelöst. Ihr seid wunderbar.“

Denn die junge Frau im Rollstuhl, die von sich selbst Dinge schreibt wie „ich mache mir schon Sorgen, weil ich mich mit meinem Elektrorollstuhl wie ein unattraktiver und unerwünschter nicht-sexueller Alien fühle“, hat nun schwarz auf weiß, oder besser gesagt Foto für Foto den Beweis, dass eine Einschränkung nichts mit „nicht liebenswert“ zu tun hat.

Eine junge Frau zum Beispiel hat ein ganz zauberhaftes Hochzeitsfoto von sich im Rollstuhl zusammen mit ihrem Bräutigam gepostet. „Jessica“ gleich Fotos von zwei glücklichen lesbischen Paaren, bei denen jeweils eine im Rollstuhl sitzt: Einmal zwei Frauen ganz romantisch in weiß – und einmal zwei Frauen ganz romantisch im Herbstwald. Und so geht es immer weiter: „Ace“ schreibt zu ihrem Hochzeitsfoto, das sie im Rollstuhl zusammen mit ihrem Mann zeigt: „Hallo, du. Dein Rollstuhl bedeutet nicht, dass du weniger der Liebe wert bist. Du wirst jemanden finden, der ein Gespür dafür hat, mit den Widerständen umzugehen, die das Leben auf dich wirft. Und ihr beide werdet es besser machen. Auf dem Foto siehst du mich. Ich bin seit vier Jahren verheiratet und habe eine degenerative Wirbelsäulenerkrankung.“

Und so geht es weiter durch ein ellenlanges Album der Liebe. Alte Paare, junge Paare, beide mit Behinderung, einer mit Behinderung. Dazwischen LGBT-Paare (Abkürzung für lesbisch, schwul, bisexuell und transgender), so wie Emely es sich in ihrem ersten Tweet gewünscht hat: „Hallo. Seltsame Bitte, aber scheiß drauf: Wenn ihr behindert seid und eine glückliche, liebevolle Beziehung habt, würde es euch etwas ausmachen, ein Foto von euch und eurem Partner mit mir zu teilen? Bonuspunkte für Rollstuhlfahrer & LGBT.

Meinem Gehirn fällt es so schwer, sich vorzustellen, in meinem Rollstuhl geliebt zu werden.“ (Orignial: „Hi. Weird request but fuck it: If you’re disabled and in a happy, loving relationship, would you mind sharing a photo of you and your partner with me? Bonus points for wheelchair users & LGBT folk Brain is finding it SO hard to imagine being loved in my chair.“ Alle anderen Tweets wurden von der Redaktion ins Deutsche übersetzt.)

Gehirn bremst die Selbsteinschätzung aus

Unglaublich, wie das Gehirn, offenbar die eigene Selbsteinschätzung ausbremsen kann. Oder, so formuliert es in Emilys Thread ein junger Mann, der im schicken Hochzeitsanzug im Rollstuhl sitzt und neben seiner Braut in die Kamera strahlt: „Die Gehirne sind die schlimmsten! Meines gerät immer noch aus dem Tritt – obwohl ich doch ganz klar der glücklichste Mensch der Welt bin!“

Emily ist nicht die einzige, die noch auf der Suche ist. Mit welchen Schwierigkeiten beziehungswillige Rollstuhlbenutzer mitunter konfrontiert sind, schildert der Beitrag Im Rollstuhl auf Partnersuche: „Ich erlebe oft, dass Leute überfordert sind“.
Menschen mit Behinderung, die aktiv auf der Suche nach einem Partner sind, können auf diverse spezialisierte Single-Börsen zurückgreifen. Mehr Infos im Beitrag: Fisch sucht Handbike – Die Singlebörse Handicap love und andere Flirtportale.
Wenn´s mit der Partnersuche geklappt hat: Der Beitrag Hochzeit im Rollstuhl: Tipps für Rolli-Deko, Fotos und das Brautkleid kann bei der Planung des großen Tages helfen.
Dem Thema Selbstwahrnehmung und der Frage, wie das eigene Körperbild zustande kommt, widmet sich schließlich der Text Querschnittlähmung und Körperbild.

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