„Von der Bravo zur Apothekenumschau“ – Hennes Lübbering über das Altern mit Querschnittlähmung

Graue Haare und Falten sind nicht das einzige, das auf einen zukommt, wenn man älter wird. Olympiasieger Johannes „Hennes“ Lübbering ist seit über 50 Jahren Tetraplegiker. Er spricht über sein Leben und sein Altern mit Querschnittlähmung und wie er nach dem Sport die Kunst für sich entdeckte.

Als besonders wichtig empfindet der Wahlheidelberger eine optimale Rehabilitation, eine sinnvolle Beschäftigung im Leben und die Bereitschaft Veränderungen anzunehmen.

Hennes, Du warst 18 als Du Dir 1968 bei einem Badeunfall eine Querschnittlähmung auf Höhe des fünften Halswirbels zuzogst. Welche Lebenserwartung prognostizierten die Ärzte?

Rollstuhlschnellfahren als paralympische Disziplin

Vier Jahre!

Wenn man bedenkt, dass das über 50 Jahre her ist, ist da eine gewisse Abweichung…

„Kann man so sagen… Damals hatten die Ärzte nicht so die Erfahrung oder das Wissen, was Querschnittlähmung und schon gar nicht, was Tetraplegie anging. Ich war sechs Monate im Krankenhaus und als ich entlassen wurde, konnte ich nichts. Ich konnte nicht übersetzen, nicht meine Zähne putzen, nicht Haare kämen… Meine Eltern hatten ihr Haus nur provisorisch für mich umgebaut, weil sie ja davon ausgingen, dass ich innerhalb der nächsten drei Jahre sterben würde. Also saß ich die ersten paar Jahre nach meinem Unfall im Haus herum und hielt Kaffeekränzchen
mit meiner Mutter und ihren Freundinnen. Mit dem als einzigen
Lebensinhalt wäre ich garantiert keine 69 geworden.

Beim Kugelstoßen

Erst 1971 kam ich durch Zufall zu einer vernünftigen Rehabilitation nach Heidelberg. Die Ossifikationen, die Verknöcherung von Weichteilen und Gelenken, die ich an den Hüften hatte, wurden operiert. Durch intensive Ergotherapie lernte ich umzusetzen und mit meiner eingeschränkten Handfunktion so gut klar zu kommen, wie es eben ging. Ich machte eine Umschulung zum Bürokaufmann bei Manfred Sauer, der damals Leiter der Übungsfirma in Heidelberg war, und ich entdeckte den Sport für mich. Tischtennis, Bogenschießen, Schwimmen! Ich wusste ja gar nicht, dass das mit meiner hohen Lähmung überhaupt möglich war. Aber schon 1972 nahm ich in diesen Disziplinen an den Paralympics Teil, die damals noch Weltspiele der Gelähmten oder Internationale Stoke Mandeville Games hießen. Später kam dann das Rennrollstuhlfahren hinzu, eine Disziplin mit der ich im olympischen Kader war.

Du warst trotz deiner hohen Lähmung immer fit und unabhängig. Hat sich mit fortschreitendem Alter da etwas verändert?

Ja, natürlich hat es das. 1999 musste ich wegen einer Syringomyelie operiert werden. Gleichzeitig erkrankte meine Frau schwer. Meine Frau hatte bis dahin die Pflege alles alleine gemacht. Nun mussten wir uns fremde Hilfe ins Haus holen. Ich glaube, da fing ich an zu realisieren, dass so meine Zukunft aussehen könnte. Gefallen hat mir das nicht…

Das größte Problem ist meine Mobilität. Mit dem was ich bis dato an Selbstständigkeit gelernt hatte, hat es schon Mitte Anfang der 2000-Jahre nicht mehr so gut geklappt. Ich konnte nicht mehr vom Rollstuhl ins Auto umsetzen. Zunächst habe ich mich mit einem Rutschbrett und anderen Hilfsmitteln beholfen, dann musste ein anderes Auto her… Auch die Transfers zu Hause klappten irgendwann nicht mehr. Dafür habe ich im Schlafzimmer und im Bad einen Deckenlift installieren lassen. Damit bin ich immer noch weitgehend selbständig. Nur eben jetzt mit Hilfsmittel.

Voller Einsatz beim Rollstuhlrugby

Ich schaffe es auch nicht mehr mein Rad alleine im Auto zu verstauen. Das hat mich hart getroffen. Es ist schwer zu akzeptieren, dass alles was man sich bei der Reha mühsam erarbeitet hat, jetzt im Alter wieder verschwindet, dass ich manchmal genauso hilflos bin, wie kurz nach Eintritt der Querschnittlähmung. All die Kompensationsstrategien, die man erlernt hat, sind im Alter nicht mehr so leicht oder gar nicht mehr machbar. Und das belastet mich jetzt im Alter mehr als damals mein Unfall.

Und auch Sport zu machen, was mir ja sehr wichtig ist, ist schwieriger geworden. 1995 war der letzte Wettkampf im Rennrollstuhl. 2003 nahm ich an meinem letzten Handbike-Rennen teil. Klar, fahre ich noch als Hobby, aber ohne den Leistungssport habe ich 20 Kilo zugelegt. Alleine dadurch geht alles langsamer und schwerer. Jedes Kilo zählt beim Umsetzen und es wäre für meine Gelenke und Haut viel besser, wenn ich etwas abnehmen würde. Aber ich will mir das Leben nicht durch eine Diät vermiesen, von der ich nicht überzeugt bin. Ich vermeide die allergrößten Sünden im Alltag. Das muss reichen.

Was tust Du um fit zu bleiben?

Ich gehe Handbiken. Oft und auch mal lange Strecken. Mit Hilfsantrieb allerdings. Im Sommer finde ich das Biergarten-Radeln ganz charmant. Bei schönem Wetter sich bewegen und einkehren.

Genauso wichtig wie die körperliche Fitness, finde ich aber, dass man ein Hobby hat und seinen Freundeskreis pflegt. Seit ich nicht mehr arbeite, bin ich immer auf der Suche nach einer Beschäftigung oder auch gerne einem Ehrenamt. Ich lese die Zeitung für blinde Menschen vor, was dann als Podcast aufgenommen wird und ich habe mit dem Malen begonnen. In der Manfred-Sauer-Stiftung gibt es ja da Kurse und die offene Werkstatt, in der auch Menschen mit eingeschränkter Handfunktion den Pinsel schwingen können. Es werden Greifhilfen zu Verfügung gestellt und angepasst, und die Mitarbeiter vermitteln verschiedene Maltechniken und zeigen Kniffe, wie es besser klappt. Außerdem kann man Sachen wie Drechseln, Specksteinarbeiten oder anderes ausprobieren.

Heute ist Kunst seine Leidenschaft.

Ich denke jetzt nicht, dass es Kunst ist, was ich da fabriziere. Aber es macht Spaß und ich habe was zu tun. Und vor allem ist da der Austausch mit anderen Leuten, die so ähnlich denken wie ich. Oder so ähnliche oder noch schwerere Einschränkungen haben. Und bei denen ich mir etwas abgucken kann. Das finde ich enorm wichtig um geistig fit zu bleiben.

Gibt es noch etwas, das sich im Vergleich zu früher verändert hat?

Die Gespräche haben sich verändert. Wenn ich früher meine Kumpels, die auch im Rollstuhl sitzen, traf, dann haben wir als erstes über Frauen, Autos und Sport geredet. Und dann irgendwann mal vielleicht über irgendwelche gesundheitlichen Aspekte. Heute ist das anders. Heute ist die Gesundheit und was alles nicht mehr geht Thema Nummer eins. Darüber können andere stundenlang reden. Ich aber nicht. Ich will mich über Gott und die Welt unterhalten und nicht über irgendwelche Wehwehchen. Ich sag immer, die lesen nicht mehr die Bravo, sondern die Apothekenumschau…

Generell kann ich sagen, dass die Einschränkungen, die mit der Querschnittlähmung kommen, vor 50 Jahren viel leichter zu ertragen waren als heute. Trotz meiner Tetraplegie hatte ich mir viel erkämpft und erarbeitet wie zum Beispiel das aktive Helfen im Haushalt oder anderes. Heute kann ich vieles davon nicht mehr, weil die Kraft in meinen Armen fast völlig verschwunden ist. Deshalb vermeide ich es auch in einem Restaurant eine Suppe zu essen. Früher hatte ich damit gar keine Probleme, aber jetzt habe ich Schwierigkeiten den Löffel zum Mund zu führen.

Hast du einen Tipp, wie man am besten mit dem Altern umgehen kann, wenn man querschnittgelähmt ist?

Ja! Keine Angst vor neuen Hilfsmitteln. Und keine Angst Hilfe anzunehmen. Das ist natürlich nichts, was man sich wünscht. Man muss sich da erst dran gewöhnen, einfach ist das nicht. Und ansonsten: Egal wie es einem geht, Interesse an Gott und der Welt bewahren.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

 


Der Text wurde in Ausgabe 3/2019 des Paraplegiker erstveröffentlicht.

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