Nach Sturz aus Berghütte querschnittgelähmt: Gericht sieht auch Eigenverantwortung

Der Familienvater war bei Übernachtung in den Alpen aus dem ersten Stock gefallen und ist seither querschnittgelähmt. Nun entschied ein Richter: Der damalige Hüttenwirt und der Deutsche Alpenverein tragen die überwiegende Schuld. Er nahm aber auch den Kläger in die Verantwortung.

Der Kläger hatte im Oktober 2016 auf der „Tutzinger Hütte“ des Deutschen Alpenvereins (DAV) übernachtet. Dort konsumierte er „mit einem Freund erhebliche Mengen alkoholischer Getränke“, formuliert es die Pressemitteilung des zuständigen Gerichts, und legte sich zum Schlafen in sein Zimmer im ersten Stock. Noch vor Mitternacht ging er auf die Toilette und verwechselte bei der Rückkehr seine Zimmertür mit einer Fluchttür. Die Fluchttür sei als solche gekennzeichnet und zudem mit einem anderen Öffnungsmechanismus als „normale“ Türen versehen gewesen.

Dennoch benutzte der Kläger sie – und trat auf das dahinterliegende Podest, das keine Absturzsicherung hatte. Dort geriet er ins Stolpern und stürzte dreieinhalb Meter tief auf eine Steinmauer.
Nach Mitternacht wurde Familienvater auf der Wiese unterhalb der Steinmauer gefunden und u. a. vom Betreiber der Hütte erstversorgt. Seit dem Sturz ist der Kläger querschnittgelähmt.

Andere Sicherheitsstandards als im Tal

Das Landgericht München II kam drei Jahre nach dem Unfall – am 11. Juli 2019 – zu dem Schluss, dass der Betreiber der Hütte und die Sektion des DAV dem Kläger drei Fünftel, also 60 Prozent, aller aus dem Unfall resultierenden Schäden zu ersetzen haben. Der Kläger hatte keine bestimmte Summe eingeklagt. Er wollte festgestellt haben, dass die Beklagten das Verschulden an dem Unfall tragen. Daher ergab sich die genannte Quotierung – überwiegendes Verschulden der Beklagten, teilweises Mitverschulden des Klägers.
Denn der Richter sah auch ein Mitverschulden des Klägers: Er war alkoholisiert, hatte die Kennzeichnung als Fluchttür nicht beachtet, und auch den deutlich anderen Öffnungsmechanismus nicht bemerkt. Zudem könne man auf Berghütten nicht den gleichen Sicherheitsstandard wie im Tal erwarten.

Schon mehrere Unfälle

Allerdings hob der Vorsitzende hervor, dass das komplette Fehlen einer Absturzsicherung „einen eklatanten Sicherheitsmangel“ darstelle. Für einen Fluchtweg, der das Risiko eines Sturzes aus 3,50 m Höhe auf eine abfallende Steinmauer mit sich bringe, müssten auch Betreiber von alpinen Einrichtungen einstehen. Denn es bestehe die Gefahr, dass bei Dunkelheit, Qualm und Panik die Flüchtenden sich hier massiv verletzen. Wer z. B. vor einem Brand flüchte, müsse nicht mit einem derartigen Sicherheitsmangel rechnen. Hinzu komme, dass es in der Vergangenheit an dieser Stelle schon zu Unfällen gekommen war.

Das Verfahren ist damit in der ersten Instanz abgeschlossen, das Urteil (9 O 2187/18) allerdings noch nicht rechtskräftig.

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