Mobile Zahnärzte: Hausbesuche bei Beatmungspatienten oder immobilen Menschen

Manchmal ist es aufgrund der eigenen körperlichen Situation (oder der baulichen Situation der Praxis) sehr, sehr anstrengend bis unmöglich, den Zahnarzt seines Vertrauens aufzusuchen. Gut, dass immer mehr Zahnärzte Hausbesuche anbieten!

Menschen mit Querschnittlähmung oder anderen Beeinträchtigungen können nicht jede beliebige Zahnarztpraxis problemlos aufsuchen. Hier eine Treppe ohne Rampe, dort ein zu schmaler Aufzug, zu wenig Platz zum Manövrieren in der Praxis … jeder, der im Rollstuhl sitzt, kann die Liste vermutlich beliebig verlängern. Eine Sammlung barrierefreier Zahnarztpraxen findet sich übrigens u. a. auf der Seite Zahnarzt:Arztsuche. Dieses Netzwerk listet aktuell (Stand: Juli 2019) 113 barrierefreie Zahnarztpraxen.

Doch selbst wenn eine vorbildlich barrierefreie Praxis in der Nähe ist: Manchmal machen es körperliche Einschränkungen unmöglich, diese (regelmäßig) aufzusuchen. In solchen Fällen muss dann eben der Prophet zum Berg, bzw. der Zahnarzt zum Patienten kommen. In Deutschland gibt es immer mehr – wenn auch immer noch zu wenige – mobile Zahnärzte. Dentisten auf Rädern lassen sich über eine Internetsuche mit dem Stichwort „mobiler Zahnarzt“ oder eine Anfrage bei der Kassenärztlichen Vereinigung des heimischen Bundeslandes finden.

Der Münchner Zahnarzt Dr. Helmut Prager ist einer dieser mobilen Ärzte. Er und sein Team fahren von München-Schwabing aus mit einem gut ausgestatteten Zahnarzt-Kleinbus zu den Patienten, zu denen u. a. Menschen gehören, die

MoZart und der Zauberkoffer: Die mobilen Zahnärzte packen eine komplette Praxisausstattung in ein paar Koffer und Taschen.

immobil zu Hause oder im betreuten Wohnen leben oder deren Transport in die Zahnarztpraxis zu schwierig oder zu teuer wäre.

„Aus den oben genannten Gründen auf den wichtigen jährlichen Zahnarztbesuch zu verzichten birgt unabsehbare Gefahren für die allgemeine Gesundheit in sich!“, sagt er auf seiner Internetseite, wo er unter dem Stichwort MoZart (= Mobiler Zahnarzt) sein Konzept und seine Beweggründe näher erläutert. Vielen internistischen Krankheiten würden dentale Ursachen zu Grunde liegen – eine regelmäßige Untersuchung der Zähne, des Zahnfleisches, des Kieferknochens und des Zahnersatzes ist heutzutage ein wichtiger Bestandteil einer allgemeinen medizinischen Vorsorge, befindet er. „Wir haben uns Gedanken gemacht diesen Problemen möglichst einfach, flexibel, kostengünstig und dennoch auf dem neuesten Stand der Technik entgegenzuwirken!“

MoZart – diese Aussage gilt sicherlich auch für die Angebote anderer mobiler Ärzte – sei eine zahnmedizinische Dienstleistung von entsprechend ausgebildeten und ausgerüsteten Zahnärzten und Fachangestellten, die „fast an jedem Ort und zu jeder Zeit nahezu das gesamte Spektrum einer modern ausgerüsteten Zahnarztpraxis umsetzen können.“ Immerhin haben die MoZart-Ärzte nicht nur ein kleines Köfferchen im Gepäck, sondern einen kompletten mobilen Behandlungsstuhl, Röntgengerät, aus Hygienegründen eine speziellen Desinfektionsmatte und natürlich auch ein mobiles Lesegerät für das Krankenkassen-Kärtchen. In der Anamnese wird der Grund des notwendigen Hausbesuchs abgefragt, der Pflegegrad aus den Unterlagen vor Ort entnommen und dokumentiert. Die Leistungen werden entsprechend dem vorliegenden Krankheitsbild und der Art der Anforderung nach den Leistungskatalogen der gesetzlichen oder der privaten Krankenkassen abgerechnet. Wissenschaftlich begleitet wird Pragers mobiler zahnmedizinischer Dienst durch die Bayerische Landeszahnärztekammer und von der Universität Ravensburg/Weingarten.

 

Wie wichtig der Besuch eines mobilen Zahnarztes auch für das allgemeine Wohlbefinden eines Patienten sein kann, spiegelt ein Interview wider, das Dr. Prager der Fachzeitschrift „beatmet leben“ gab – mit Fokus auf komplett oder teil-beatmeten Menschen.

Vor einigen Jahren gründeten Sie MoZart –einen mobilen zahnärztlichen Dienst. Sie behandeln Menschen mit körperlichen Einschränkungen in der Häuslichkeit. Wie ist die Idee entstanden?

Dr. Helmut Prager: Die Idee Patienten auch außerhalb der eigenen zahnärztlichen Praxis zu behandeln entstand aus der der Tatsache heraus, dass mir etliche meiner älteren Patienten mitteilten, sich wegen Wohnungswechsel in ein Seniorenheim leider aus meiner Betreuung verabschieden zu müssen. Was anfänglich mit einem Hausbesuch mit kleiner Ausrüstung begann, wurde im Laufe der Jahre durch Anschaffung eines eigens aus- und eingerichteten PKW mit allen notwendigen Maschinen und Instrumenten, zu einem kompletten mobilen Behandlungszimmer erweitert. Mittlerweile betreuen wir circa 2.000 Patienten in betreutem und privatem Wohnen.

Die meisten Zahnärzte können aufgrund mangelnder technischer Möglichkeiten in der Häuslichkeit nur kleinere Behandlungen ausführen. Wie haben Sie dieses Problem gelöst?

Dr. Helmut Prager: Die mobile zahnärztliche Behandlung stellt in unserem hochentwickelten medizinischen Versorgungssystem noch leider ein großes schwarzes Loch dar. Dennoch sind es meist lokale Zahnarztpraxen in der unmittelbaren Nähe der Einrichtungen, die eine Art Notfallbehandlung für die dortigen Patienten übernehmen und so die dringendsten Bedürfnisse der Betroffenen erledigen. Die Ausrüstung ist aufgrund des nicht regelmäßigen Bedarfs entsprechend rudimentär und beschränkt sich auf kleinere Reparaturen und ähnliches. Im Falle unseres Versorgungskonzeptes mit vielen Behandlungen pro Tag, ist eine strukturierte qualitative Behandlung ohne entsprechend umfangreiche Ausrüstung nicht denkbar. Deshalb wurden vom mobilen Behandlungsstuhl, über Kompressor/Saugmaschine, Röntgen, Scanner noch viele Dinge mehr angeschafft.

Welche zahnärztlichen Eingriffe und Maßnahmen können Sie bei Ihren Hausbesuchen durchführen?

Dr. Helmut Prager: Das Spektrum der Behandlungen erstreckt sich von der routinemäßigen Kontrolle mit Beseitigung von Belägen über die Entfernung von Zähnen und Wurzelresten, die Reparatur und Neuanfertigung von herausnehmbarem oder festsitzendem Zahnersatz, bis zur Herstellung von Füllungen, Kronen und Brücken mittels Abdrücken oder dem Einsatz eines mobilen Intraoralscanners. Art und Umfang der Behandlung richtet sich strikt nach dem Allgemeinzustand der Patienten und dem Nutzen/Aufwand-Prinzip. Eine oftmalige Multimorbidität und umfangreiche Medikamentierung setzen Grenzen der Sinnhaftigkeit. Dennoch sollte eine entzündungsfreie Mundhöhle das oberste Ziel sein.

Sie betreuen auch intensiv- beziehungsweise Beatmungspatienten; nimmt die Zahl dieser Betroffenen zu?

Dr. Helmut Prager: Patienten auf Intensivstationen von Krankenhäusern als auch von 24-Stunden-Intensivpflegestationen in und um München nehmen unsere Dienste mit rapide steigender Tendenz immer mehr in Anspruch. Die Empfehlung geschieht durch Weitergabe unseres erfolgreichen Dienstleistungsangebotes durch dortige Pflegekräfte. Besonders bei dieser Gruppe von Patienten ist eine regelmäßige zahnärztliche Kontrolle und Betreuung überaus notwendig.
Ein Transport in eine Klinik oder barrierefreie Praxis ist aus unserer Sicht für alle Beteiligten extrem belastend und kostspielig und sollte auf wenige Ausnahmen beschränkt bleiben.

Welche besonderen Herausforderungen ergeben sich bei Beatmungspatienten?

Dr. Helmut Prager: Die komplett oder teil-beatmeten Patienten sind eine neue Patientengruppe bei unseren Kunden. Insbesondere bei diesen Fällen muss auf eine regelmäßige Kontrolle und Mundhygiene großer Wert gelegt werden. Dennoch besteht für zahnärztliche Eingriffe aller Art grundsätzlich keine Einschränkung. Der Mundraum ist trotz Trachealkanüle gut erreichbar und es muss nur auf eine gute Absaugung geachtet werden. Im Falle einer Verkeimung werden auch von unserer Seite besondere Schutzmaßnahmen eingeleitet. Das betrifft aber in erster Linie die Verarbeitung der kontaminierten Instrumente und Maschinen.

Können Sie die Pflegefachkräfte vor Ort bei Ihrer Arbeit unterstützen?

Dr. Helmut Prager: Unsere Teams sind sehr auf die Zusammenarbeit mit den Pflegekräften vor Ort angewiesen. Neben einer Bereitstellung organisatorischer Dinge, wie des Stammdatenblattes mit allen Angaben rund um den anamnestischen Zustand, Versichertenkarten sowie Medikamentenlisten und Betreuerausweise, ist die Mithilfe bei Ein- oder Absetzen von Medikamenten unerlässlich. Es handelt sich meistens um Antikoagulantien und Antibiosen, die vom behandelnden Zahnarzt, in Absprache mit dem Internisten, verordnet werden.

Wo findet man mobile Zahnärzte? Welchen Tipp können Sie hier geben?

Dr. Helmut Prager: Mobile Zahnärzte kann man über die Kassenzahnärztlichen Vereinigungen der einzelnen Bundesländer erfragen. Das Netz der bereitstehenden Kollegen ist allerdings mit großen Löchern gestrickt. Die immer noch mangelnde Wirtschaftlichkeit und der große logistische und personelle Aufwand lässt die meisten Kollegen von dieser Art der Behandlung Abstand nehmen.
Die beste Art der Suche ist immer noch das „Googeln“ nach einem mobilen zahnärztlichen Dienst in der Nähe.

Wie rechnen Sie die Hausbesuche ab? Haben Sie Kooperationen mit Einrichtungen?
Dr. Helmut Prager: Die Abrechnung erfolgt analog einer Abrechnung einer zahnärztlichen Praxis. Bei Kassenpatienten werden vor Ort die Versichertenkarten mit einem mobilen Lesegerät eingelesen und direkt mit den Krankenkassen zu den Gebühren der BEMA abgerechnet. Sollten Privatleistungen in Anspruch genommen werden, werden diese vorher per schriftlichem Heil- und Kostenplan zur Unterschrift vorgelegt. Bei Privatpatienten wird direkt mit dem Patienten nach Leistungskatalog der GOZ abgerechnet. Sedierungen stellen eine fachfremde Dienstleistung dar und werden direkt vom Anästhesisten mit dem Patienten/Betreuer verrechnet.
Mit den meisten Seniorenheimen hat unsere Praxis sogenannte Kooperationsverträge abgeschlossen. Diese regeln die gemeinsamen Rechte und Pflichten bei der gegenseitigen Zusammenarbeit. Durch deren Anwendung wird durch die KZV (Kassenzahnärztliche Vereinigung) eine eigene Abrechnungsnummer erteilt, die wiederum zu einer optimierten Vergütung berechtigt.


Die Redaktion dankt der Redaktion der Fachzeitschrift „beatmet leben“ herzlich dafür, dass sie das Interview aus Ausgabe 3/2019 für Der-Querschnitt.de übernehmen durfte!

 

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