Ansonsten munter – Einsichten eines Rollstuhlfahrers

Fritz Vischer ist seit 1977 auf Höhe C5/7 inkomplett querschnittgelähmt. In seinem im Mai 2019 erschienenen Buch „Ansonsten munter – Einsichten eines Rollstuhlfahrers“ erzählt er von sich, seinen Freunden und den vergangenen 40 Jahren im Rollstuhl.

„Zum Glück gibt es Pierrot, der mit ihm das Zimmer teilt. Er reißt unablässig unanständige Witze, klopft Sprüche und bringt sie beide auf andere Gedanken. Sie liegen in Rückenlage, ihre Köpfe und die verletzten Halswirbelsäulen sind eingeschient. Die Reha wird noch Monate dauern. Sie sind beide jung. Nichts ist mehr wie zuvor.

Wer sich wegen einer Rückenmarksverletzung plötzlich im Rollstuhl sieht, muss sich neu erfinden. Das Trauma kann eine Chance sein. Sie zu nutzen, erfordert allerdings viel Kraft und die Fähigkeit, sich zu hinterfragen und Neues zu ergründen. Die Mauern scheinen unüberwindbar hoch. Fritz Vischer schildert, wie er, sein Zimmerkumpan Pierrot und andere Betroffene diese Mauern überwinden, teils aber auch einfach umgehen oder ausblenden. Vischer hat das Talent, nichts zu beschönigen.“

Aus dem Inhalt

Das Buch liest sich nicht wie eine klassische Biographie. Vielmehr erzählt der Autor Begebenheiten aus seinem Leben, seiner Rehabilitation und gibt tiefe Einblicke in seine Bewertung seiner Umwelt und deren Umgang mit Menschen im Rollstuhl. Untergliedert ist das Buch dabei in vier Teile:

  • Wie schön wir es doch haben
  • Spiele mit der Hoffnung
  • Wir und die anderen
  • Wie schwer wir es doch haben

Der Leser lernt zunächst den Erzähler und seinen Zimmergenossen Pierrot kennen. Beide sind in der Rehabilitation nach Eintritt einer Tetraplegie und teilen sich im Schweizerischen Paraplegikerzentrum (heute: Rehab Basel) ein Zimmer mit vier weiteren Rückenmarksverletzten. Das Leben geht für beide weiter, auf unterschiedlichen Wegen und mit unterschiedlichen Hilfsmitteln. Vischer geht weiter u. a. auf die Strategien ein, die man sich als Mensch mit Querschnittlähmung so aneignen muss, um im Leben erfolgreich zu sein (wobei Erfolg natürlich eine Interpretationsfrage ist). Auch aus seinem Familienleben erzählt der Vater von zwei Kindern. Innig verbunden sei er mit seiner Frau, schreibt er. Teilweise mag das auch den Umständen geschuldet sein. Aber auch die Schattenseiten seines Lebens mit Tetraplegie verschweigt Vischer nicht. In Teil 4 „Wie schwer wir es doch haben“ erzählt er über die Komplikationen und Folgeerkrankungen, die ihn und seine ebenfalls querschnittgelähmten Bekannten treffen und treffen können. Auch von erfolgreichen Therapien erzählt er – und davon, dass man bei all der fortgeschrittenen Medizin, die einem umgibt, auch manchmal unterliegen kann.

Ein Beispiel zu Vischers Gedanken über das Leben mit Querschnittlähmung

Vischer erzählt, wie Rollstuhlfahrer manchmal schroffer Ablehnung, Skepsis und Mühsal ausgesetzt sind, aber auch, wie sie mit Anerkennung und heller Freude rechnen können – ob dies gerechtfertigt ist oder nicht. In einigen Punkten dürfte Vischer mit seiner Meinung bei so manchem Leser auf Unverständnis stoßen, anderen jedoch aus der Seele sprechen. Etwa ist Vischer der Meinung, dass ein erfolgreiches Leben mit Querschnittlähmung eine Frage der eigenverantwortlichen Anpassung ist. Er schreibt: „Mängel festzustellen und daraus Ansprüche abzuleiten, genügt aber nicht. Nützlicher ist es, wenn wir uns anpassen. Mehrheitlich tun wir das auch. Wir erleben uns nicht als Angehörige einer Minderheit oder gar als Außenseiter. Die Folgen der Rückenmarkverletzung haben wir ja erworben. Wir sind nicht so zur Welt gekommen. Es reizt uns deshalb kaum, uns mit diesem Zustand zu identifizieren. Allenfalls finden wir es bequem, an Orte zu gehen, wo sich noch andere Rollstuhlfahrer aufhalten. Wir tun das aber nicht, weil sie uns als Mitmenschen besonders interessieren.“

Er findet auch, dass er als Tetraplegiker keine spektakulären Leistungen wie „Im Rollstuhl Ski fahren, im Rollstuhl Wasserski fahren, Tennis spielen Gleitschirm fliegen.“ vollbringen müssen sollte. Oder durch die Sahara oder zum Dach der Welt reisen muss. Er schreibt: „Es gelingt immer alles. Das zeichnet solche Schilderungen aus, anders ließen sie sich schlecht vermarkten. Der emanzipatorische Zeitgeist gebietet es, Grenzen zu sprengen, scheinbar Unmögliches wahr zu machen. Mir ist dieser Ansatz zu trotzig, letztlich auch zu militant und zu wenig kreativ. Ich ziehe es vor, sich veränderten Bedingungen geschickt anzupassen.“

Das Buch

  • Ansonsten munter – Einsichten eines Rollstuhlfahrers
  • Von: Fritz Vischer
  • Seiten: 220
  • ISBN: 978-3-7296-5010-7
  • Preis: 28 Euro (Stand: Aug. 2019)

Über den Autoren

Fritz Vischer wurde 1954 in Basel geboren und wohnt heute in Therwil. Nach einer Karriere als Texter und Redakteur im Finanzwesen arbeitet er nun als selbständiger Publizist. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. Seit einem Motorradunfall 1977 ist Vischer Tetraplegiker. Für weitere Informationen siehe: www.fritzvischer.ch.

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