Mit Rollstuhl und/oder Assistenz: Freiwilligendienst im Ausland

Als Mensch mit Querschnittlähmung im Ausland Entwicklungsarbeit leisten? Geht! Organisationen wie der Verein Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit e. V. (bezev) unterstützen, fördern und organisieren derartige Freiwilligendienste.

Wer in einen anderen Kulturkreis eintauchen und dort neue Kompetenzen entwickeln und entdecken will, für den könnte der Verein bezev ein guter Ansprechpartner sein. Er hilft, den Wunsch nach einem inklusiven Freiwilligendienst in die Tat umzusetzen – egal, ob in Europa, Asien, Lateinamerika oder Afrika. Ob für zwei Wochen oder zwei Jahre, nach Österreich oder Ghana, weltwärts-Programm oder Workcamp – mittlerweile gibt es laut Verein viele Möglichkeiten, sich im Ausland freiwillig zu engagieren.

Die Mitarbeiter des Vereins beraten kostenlos, unabhängig und trägerübergreifend Menschen mit Beeinträchtigung/Behinderung, die an einem Freiwilligendienst interessiert sind, klären Fragen zu Mehrbedarfen und unterstützen bei organisatorischen und finanziellen Fragen. Interessierte werden an inklusiv arbeitende Organisationen vermittelt oder selbst über den entwicklungspolitischen Freiwilligendienst „weltwärts“ entsendet (mehr Informationen unter: www.inklusivefreiwilligendienste.de). Pro Jahr unterstützt der Verein zwischen 20 und 30 Freiwillige mit und ohne Beeinträchtigung. Zusätzlich berät er Entsende- und Partner-Organisationen zur inklusiven Gestaltung des Freiwilligendienstes – passend zum Slogan des Kompetenzzentrums für inklusives Auslandsengagement: „Jetzt einfach machen – Weltweites Engagement für alle!“.

Jelena Auracher ist im bezev-Team Koordinatorin des Kompetenzzentrums Inklusives Auslandsengagement/Inklusiver Freiwilligendienst. Im Interview erklärt sie, weshalb ein Freiwilligendienst ihrer Meinung nach für jeden möglich ist/sein sollte. Das Interview führte Jürgen Wolters. Er ist Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Spina Bifida und Hydrocephalus e. V. (ASBH), in dessen Mitgliederzeitschrift das Interview zunächst erschien.

Welche Ziele verfolgt bezev? Bezev engagiert sich für eine gerechte, soziale und nachhaltige Welt, in der alle Menschen die gleichen Teilhabechancen haben. Wir setzen uns für eine inklusive Entwicklung ein, indem wir fordern, Menschen mit Behinderung auf allen Ebenen der Entwicklungszusammenarbeit miteinzubeziehen.

Seit einigen Jahren setzen wir uns als Kompetenzzentrum für die Inklusion von Menschen mit Behinderung in dem Bereich Auslands-Freiwilligendienste ein. Jeder Mensch, so auch Menschen mit Behinderung haben das Recht auf einen Freiwilligendienst, der unter anderem die Entwicklung der Persönlichkeit stärkt, die Selbständigkeit fördert und die interkulturelle Kompetenz steigert.

Sie wollen Menschen mit Behinderung internationale Freiwilligendienste ermöglichen. Wie gehen Sie vor? Wir wollen allen Menschen mit Behinderung den Auslandsfreiwilligendienst ermöglichen. Dazu versuchen wir Barrieren abzubauen. In den Strukturen und in den Köpfen. Die Gewinnung von Freiwilligen erreichen wir z. B. über eine gezielte, barrierefreie Ansprache. Denn die erste Barriere ist für Menschen mit Behinderung oft die, überhaupt davon zu erfahren, dass es auch für sie möglich ist, einen Freiwilligendienst zu machen. … Es gibt viele gute Beispiele von Menschen mit Beeinträchtigung, die unterstützt durch bezev bereits ins Ausland gegangen sind und sehr wertvolle Erfahrungen gemacht haben.

Wir beraten zu unterschiedlichen Programmen, wie beispielsweise dem weltwärts-Freiwilligendienst oder dem Europäischen Freiwilligendienstprogramm „Europäisches Solidaritätskorps“ (ESK), aber auch zu kürzeren Einsätzen wie inklusive Workcamps oder Jugendbegegnungen. Auf Wunsch kümmern wir uns um die Vermittlung in Auslandsprojekte. Dies gelingt uns durch ein Netzwerk von inklusiven Entsendeorganisationen, mit denen wir eng zusammenarbeiten. So finden wir für fast jede und jeden die passende Stelle. Weiterhin beraten wir Freiwillige und Organisationen, die sie entsenden, zu Finanzierungsmöglichkeiten, Versicherungen und organisatorischen Fragen vor Ort. Nach der Rückkehr geben wir die Möglichkeit, sich in einer Selbstvertretungsgruppe von Menschen mit Behinderung über die gemachten Erfahrungen auszutauschen. Auf politischer Ebene setzen wir uns dafür ein, dass Kosten für Mehrbedarfe, wie beispielsweise für eine Assistenz vor Ort, übernommen werden. Denn nur wenn auch die finanziellen Rahmenbedingungen gegeben sind, können wirklich alle an Freiwilligendiensten teilhaben.

Wie lauten die Ziele, die Sie für die Menschen mit Behinderung erreichen wollen? So wie es für Menschen ohne Behinderung heutzutage üblich ist, einige Zeit im Ausland zu leben und zu arbeiten, soll dies auch für Menschen mit Behinderung möglich sein. Wir fordern und fördern eine aktive Teilhabe aller im Bereich Freiwilligendienste. Jeder Mensch hat das Recht auf lebenslanges Lernen und auf Teilhabe am öffentlichen und politischen Leben. Dieser Forderung aus der UN-Konvention für die Rechte der Menschen mit Behinderung kommen wir nach, wenn wir uns für die Teilhabe an Freiwilligendiensten im Ausland einsetzen.

Inklusion ist unsere Vision und ein Prozess zugleich. Wir wissen, dass diese nur Wirklichkeit werden kann, wenn wir auf allen Ebenen ansetzen. Wenn wir Politiker dafür sensibilisieren, dass Teilhabe am Freiwilligendienst ein Recht von Menschen mit Behinderung ist. Wenn wir Organisationen beraten und schulen, inklusiv zu arbeiten und alle Schritte des Freiwilligendienstes nach und nach inklusiv zu gestalten. Indem wir mit den Partnern vor Ort deren Erfahrungen evaluieren. Und zurückgekehrte Freiwillige mit Beeinträchtigung mit zukünftigen verbinden, damit sie von ihren Erlebnissen profitieren. Inklusion kann auch hier nur gelingen, wenn man an vielen Stellschrauben dreht und vor allem die nötigen Ressourcen zur Verfügung stellt.

Mit welchen Partnerorganisationen vor Ort arbeiten Sie zusammen? Als Entsendeorganisation arbeiten wir mit einigen langjährigen Partnerorganisationen zusammen, die auch vor Ort für oder mit Menschen mit Behinderung arbeiten. Dies sind zum Beispiel Schulen, Bildungseinrichtungen für Menschen mit Behinderungen und Selbstvertretungsorganisationen. Über unser Netzwerk arbeiten wir vor allem mit deutschen Entsendeorganisationen zusammen, die jeweils mit ihren Partnern in vielen Ländern der Welt zusammenarbeiten. Viele Partner sind sehr offen und engagiert für eine inklusive Aufnahme.

Gibt es Einschränkungen, welche Menschen mit Behinderungen am Freiwilligendienst teilnehmen können? Die gibt es nicht. Es kann von Vorteil sein, mit einem kürzeren Aufenthalt anzufangen oder auch erst einmal nicht so weit weg zu gehen. Eine einwöchige internationale Jugendbegegnung in Österreich kann beispielsweise ein guter Einstiegspunkt sein. Danach weiß man womöglich, was für einen selbst wichtig zu beachten ist, wenn man für eine Zeit sein Zuhause und die gewohnte Umgebung verlässt.

Aber auch bei längeren Aufenthalten gibt es eine Vorbereitung in Form von Seminaren, die mehrere Tage lang zusammen mit anderen Ausreisenden stattfinden. Wenn es weiter weggeht, sind natürlich längere Flugreisen notwendig. Auch medizinische oder physiotherapeutische Vorbereitungen sollten vorher getroffen sein. Genau bei diesen Vorbereitungen unterstützen wir Freiwillige und Organisationen und informieren uns bei Selbstvertretungsorganisationen vor Ort. Wir haben gute Erfahrungen mit sogenannten Tandems gemacht. Dass Freiwillige mit und ohne Beeinträchtigung gemeinsam in einer Stelle oder an einem Ort eingesetzt sind und sich so gegenseitig unterstützen und voneinander lernen können.

Grundsätzlich gilt: Es ist nicht wichtig, was du nicht kannst, sondern was du kannst!

Wie wird der Freiwilligendienst finanziert? Es gibt viele staatlich geförderten Programme. In der Regel tragen Bund, Länder oder die EU einen großen Teil der Kosten und die Dienste an sich werden über Organisationen angeboten. Oft werden Unterkunft, Verpflegung, Reisekosten, Versicherung etc. übernommen und ein kleines Taschengeld gezahlt. Zum Teil sind die Freiwilligen aufgefordert einen eigenen Beitrag durch das Sammeln von Spenden zu leisten.

Die Finanzierung von Mehrkosten, die aufgrund einer Behinderung oder Beeinträchtigung entstehen, ist sehr unterschiedlich. Das weltwärts-Programm und der ESC halten beispielsweise sehr gute Möglichkeiten der Finanzierung bereit. Sprich, wenn Mehrbedarfe, wie Assistenzleistungen, Gebärdensprachdolmetschende, Einrichtungsgegenstände für eine barrierefreie Wohnung etc. von den staatlichen Kostenträgern oder Krankenkassen nicht übernommen werden, können Mehrkosten über das Programm abgerechnet werden.

Was müsste die Politik tun, um inklusive internationale Freiwilligendienste mehr zu fördern? In erster Linie die UN-Konvention konsequent umsetzen. Es sollte die Möglichkeit bestehen, Teilhabeleistungen auch bei einem längeren Aufenthalt im Ausland zu beziehen. Die Politik sollte verbesserte Rahmenbedingungen schaffen, damit Organisationen inklusiver arbeiten können. Auch die Schaffung einer barrierefreien Informationstechnik ist relevant, sodass ein gesellschaftliches Umdenken stattfinden kann, hin zum inklusiven Handeln. Dazu gehören auch, die Gesellschaft dafür zu sensibilisieren und zu informieren, dass das Recht auf Teilhabe ein Menschenrecht ist.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft? Ich wünsche mir, dass die oben genannten Punkte Realität werden, dass Diversität in der Gesellschaft als „Schatz“ gesehen wird und dass Inklusion zum Leitprinzip in allen Bereichen der Gesellschaft wird und der inklusive Freiwilligendienst dann Selbstverständlichkeit in einer inklusiv denkenden und handelnden Gesellschaft.

Ansprechperson Beratung Freiwillige: Franziska Koch

Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit e.V.
Altenessener Straße 394-398
45329 Essen
Das Büro ist barrierefrei zugänglich.

Telefon: 0201 – 17 88 963
E-Mail: engagement@bezev.de


Das Interview wurde in Augabe 2/2919 des ASBH-Kompasses erstveröffentlicht. Der-Querschnitt.de bedankt sich herzlich bei der Redaktion und dem bezev-Team für Überlassung des Textes und der Bilder!


Welche prägenden Erfahrungen man bei einem Freiwilligendienst sammeln kann schildert der Beitrag Ein Jahr Freiwilligendienst in Afrika: „Horizont ungemein erweitert“.

Eine weitere Möglichkeit, im Ausland Erfahrungen zu sammeln: Ein Praktikum. Mehr Informationen dazu im Beitrag: Auslandspraktika mit Handicap

Wer einfach nur einen spannenden Urlaub in der Ferne machen will, findet in den Rubriken „Reiseberichte“ und „Reiseziele“ Anregungen zum Träumen und Nachmachen.

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