Ein Jahr Freiwilligendienst in Afrika: „Horizont ungemein erweitert“

Robin Lange war ein Jahr lang in Afrika und leistete im Rollstuhl Freiwilligendienst bei „Voice Ghana“. Geholfen hat der Abiturient damit auch sich selbst: Losgelöst vom heimatlichen Umfeld hat er sich „schlussendlich selbst besser kennengelernt. Das habe ich gebraucht.“

Beim Planen und Organisieren des Freiwilligenjahres wurde Robin Lange von bezev, dem Verein Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit e. V. unterstützt (für weitere Informationen zum Thema Freiwilligendienst, „weltwärts“-Programm und die Arbeit von bezev siehe Beitrag: Mit Rollstuhl und/oder Assistenz: Freiwilligendienst im Ausland). Über sein Jahr in Ghana schrieb der Abiturient einen Text, der zunächst im ASBH-Kompass, der Mitgliederzeitschrift der Arbeitsgemeinschaft Spina Bifida und Hydrocephalus e. V. erschien. Der-Querschnitt.de gibt den Text hier ungekürzt wieder.

Ein Jahr in Ghana

Wir haben Besuch im Büro. Es sind wichtige Unterstützer von Voice Ghana, die sich über die Fortschritte im aktuellen Projekt zur Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderung informieren wollen. „Hilfe zur Selbsthilfe leisten“ lautet eines der Kernprinzipien von Voice Ghana. Doch an diesem Tag wird weit über dieses Projekt hinaus gedacht – an die Zukunft von Menschen mit Behinderung in Ghana. Es ist ein angeregtes Gespräch, in das ich mich, wenn auch mit der nötigen Zurückhaltung, einbringen kann. Zu diesem Zeitpunkt muss ich ungefähr zehn Monate in Ghana gewesen sein. Ich spreche über Barrierefreiheit. Den damit verbundenen Hindernissen beim Marktbesuch zum Beispiel. Jedoch geht es mir nicht darum, den Finger in die Wunde zu legen, sondern deutlich zu machen, dass ich ähnliche Probleme aus Deutschland kenne. Der Austausch ist erfrischend und tut gut.

An so einem Meeting teilzunehmen, hätte ich mir nicht vorstellen können, als ich das erste Mal von einem Verein aus Essen hörte, der weltwärts-Freiwilligendienste für Menschen ohne wie für Menschen mit Behinderung durchführt. Ich kannte nur Work and Travel oder Au-Pair-Dienste, was sich bei genauerer Betrachtung für mich als nicht umsetzbar herausstellte. Die Verantwortlichen bei bezev schlugen mir nach einem gemeinsamen Kennenlerngespräch eine Stelle bei Voice Ghana vor. Voice Ghana ist eine Selbstvertretungsorganisation für und von Menschen mit Behinderung, die in Ho, einer Stadt im Osten Ghanas sitzt.

Damals wusste ich selbst nicht genau was ein Freiwilliger überhaupt ist. Von den Aufgaben in der Einsatzstelle lässt sich ein weltwärts-Freiwilligendienst sehr gut mit dem Bundesfreiwilligendienst vergleichen. Der Freiwillige soll den lokalen Arbeitsmarkt nicht unnötig strapazieren, sondern ist eher eine helfende Hand. Natürlich bedeutete das für mich auch mal kleinere oder zeitaufwendigere Arbeitsaufträge zu erledigen, da diese sonst gerne liegen bleiben angesichts der Menge an Aufgaben, die in einem Büro so anfallen.

Ich arbeitete für Voice Ghana im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit. Dies gab mir die Chance mich zum ersten Mal in diesem Gebiet auszuprobieren. Ich war froh mitanzupacken, wann immer es sein musste. Besonderen Spaß machte mir die Zusammenarbeit mit meinen Kolleginnen und Kollegen, die es mir sehr einfach machten, anzukommen und mich wohlzufühlen. Voice Ghana hat sich sehr für mich engagiert- vom Visum bis zur Organisation meiner Physiotherapie- immer war jemand für mich da, der in dem Bereich schon Erfahrung hatte.

Für mich persönlich stellte sich zudem heraus, dass es mir gut tat etwas Zeit für mich zu haben. Nach dem Abitur fühlte ich mich fremdgesteuert. Nun bestand mein Leben daraus ein bisschen mehr „ich“ sein zu können und nicht nur von Prüfung zu Prüfung zu denken. Die Zeit konnte ich aber auch nutzen, um losgelöst von meinen gewohnten Einflüssen (Freunde, Familie etc.) über meine Zukunft nachzudenken. Rückblickend kann ich sagen, dass ich das gebraucht habe, gerade in Bezug auf mein Studium und meine Zukunft. Man lernt sich schlussendlich selbst besser kennen.

Meine Freizeit konnte ich in Ghana selbst gestalten. Die Stadt Ho bot eine Vielzahl an Möglichkeiten. Ich konnte zum Beispiel ins Fitnessstudio, schwimmen oder shoppen gehen. Wenn ich mehrere Tage am Stück frei hatte, bin ich häufig gereist. Am Ende meiner Zeit hatte ich zusammengenommen zwei Rundreisen durch das gesamte Land gemacht und war sogar über die Grenze bis nach Togo gefahren. Viele Menschen hier in Deutschland können sich nicht vorstellen, dass ich mit meinen Freunden in Ghana genauso abends ausgegangen bin wie in Deutschland mit meinen Freunden hier. Selbstverständlich gibt es andere Feste, anderes Essen oder Gepflogenheiten. Doch man sollte mit Vorurteilen vorsichtig sein, bei genauerem Hinsehen erkennt man viel mehr Ähnlichkeiten zwischen der eigenen und der dortigen Kultur. Mit der Zeit konnte ich meine eigenen Vorurteile erkennen und sie überwinden. Insofern hat mich die Zeit in Ghana nachhaltig als Mensch geprägt.

Mein Dienst beschränkte sich für mich eben nicht nur auf die Tätigkeit im Büro. Verschiedene politische Sichtweisen anzuhören und respektvoll miteinander zu diskutieren fand ich zu jedem Zeitpunkt interessant. Es erweitert den Horizont ungemein.

Ich habe ein Land und Menschen kennengelernt, die mir wichtig geworden sind. Ein weltwärts-Freiwilligendienst hält vieles bereit, was man nicht erwartet. Jeder, der offen und bereit ist, sich selbst in eines der Projekte einzubringen, sollte es wagen.
Der Kontakt zu den Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind, blieb vor allen Dingen dank der sozialen Medien, bestehen. Ich habe auch schon Besuch von Freunden aus Ghana bekommen. Jetzt bin ich wieder zurück und habe viele Erfahrungen nach Hause mitgebracht, die ich mit anderen teilen kann.


Der Text wurde in Augabe 2/2019 des ASBH-Kompasses erstveröffentlicht. Der-Querschnitt.de bedankt sich herzlich bei Robin Lange und der Redaktion des ASBH-Kompasses für die Überlassung des Textes – und beim bezev-Team für die Überlassung der Fotos!


Eine andere Möglichkeit, das Leben im Ausland im Alltag kennenzulernen: Ein Praktikum. Mehr zu diesem Thema im Beitrag Auslandspraktika mit Handicap.

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