Lebenserwartung und Todesursachen bei chronischer Querschnittlähmung

Obwohl die Lebenserwartung von Menschen mit Querschnittlähmung vor der späten Mitte des letzten Jahrhunderts im Vergleich zu der nichtbehinderter Menschen tatsächlich drastisch verkürzt war, gibt es in den Industrieländern heute nur noch sehr geringe Unterschiede (Niethard/Pfeil, 2005).

Lebenserwartung bei Querschnittlähmung

Seit den 40er Jahren des 20ten Jahrhunderts hat sich vor allem dank des Einsatzes von Dr. Ludwig Guttmann (siehe: Sir Ludwig Guttmann: Vater der Querschnittgelähmten) in der britischen Einrichtung Stoke Mandeville die Lebenserwartung für Querschnittgelähmte in den Industrieländern deutlich erhöht. Grundlage waren neue operative Verfahren der Wirbelsäulenstabilisierung, Fortschritte in der Intensivmedizin und der Pharmazie, der Ausbau einer multiprofessionellen Rehabilitation sowie präventive Maßnahmen im Rahmen der lebenslangen Nachsorge. Siehe auch: Rückenmarksverletzungen und Rollstühle in der Geschichte und Versorgung Rückenmarksverletzter gestern und heute.

Im weltweiten Vergleich ist anzumerken, dass offenbar ein Zusammenhang zwischen Überlebensrate sowie Todesursachen nach Eintritt einer Querschnittlähmung und der Qualität des jeweiligen Gesundheitssystems besteht (Northmann, 2017).

Der Einfluss der Lähmungshöhe

Die Lebenserwartung bei Tetraplegikern beträgt 70%, die von Paraplegikern 85% der Lebenserwartung der restlichen Bevölkerung (Reyes, 2009).

Einen entscheidenden Einfluss auf die verbleibende Lebenserwartung hat hierbei auch die Höhe des geschädigten Rückenmarksegmentes. Sollte bei Tetraplegikern der Phrenikusnerv, der aus den Halssegmenten drei bis fünf (C3-C5) hervorgeht, betroffen sein, ist entweder ein Phrenikus-Stimulator oder eine künstliche Beatmung notwendig. Beides hat eine signifikante Abnahme der Lebenserwartung zur Folge. Verlässliche Zahlen hierzu werden erst in einigen Jahren zu erwarten sein, da die erfolgreiche Behandlung dieser Patienten erst seit Ende der 1980er Jahre zuverlässig eingesetzt wird (Selbsthilfe.at, 2013).

Der Einfluss des Alters bei Eintritt der Lähmung

Neben der Läsionshöhe spielt auch das Alter des Einzelnen bei Eintritt der Querschnittlähmung eine Rolle: Demnach haben Patienten, die bei Eintritt der Querschnittlähmung ca. 20 Jahre alt sind mit einer weniger eingeschränkten Lebenserwartung zu rechnen, als Patienten, die bei Eintritt der Querschnittlähmung ca. 60 Jahre alt ist. Der Unterschied beträgt ca. 20% (Bach, 2012). Zudem gibt es Hinweise darauf, dass die Lebenserwartung etwas geringer ist, wenn die Querschnittlähmung im Kindesalter eintritt (Shavelle/et.al., 2007).

Natürliche Todesursachen bei Querschnittlähmung

In den Industrieländern sterben die meisten Menschen ohne Behinderung an Altersgebrechen und Zivilisationskrankheiten. An erster Stelle der Todesursachen stehen Herz-Kreislauferkrankungen, wie Schlaganfall und Herzinfarkt, gefolgt von Krebs.

In einer Kleingruppen-Studie von 2017 (n=190) waren bei Paraplegikern die häufigsten Todesursachen absteigend nach ihrer Häufigkeit:

  • Herz-Kreislauferkrankungen
  • Krebserkrankungen
  • Pneumonien
  • Druckstellen
  • Suizid

Bei Tetraplegikern nennt die Studie als häufigste Todesursache absteigend nach ihrer Häufigkeit:

  • Pneumonien
  • Herz-Kreislauferkrankungen
  • Krebserkrankungen und Suizid
  • Druckstellen
  • Urosepsis

Während die Pneumonie als Todesursache bei Tetraplegikern mit 33% eine überragende Bedeutung hat, steht sie bei Paraplegikern mit 16,7% erst an dritter Stelle. Herz-Kreislauferkrankungen sind mit 35,6% bei Paraplegikern die häufigste Todesursache (wie auch bei Menschen ohne Behinderung), während sie mit 18% bei Tetraplegikern an Platz 2 steht. Suizid kommt bei Tetraplegikern mit 11% fast doppelt so häufig vor wie bei Paraplegikern; dasselbe gilt für die Urosepsis.

Dass Krebserkrankungen bei Paraplegikern Todesursache Nummer 2 sind, scheint an der generell höheren Lebenserwartung von Paraplegikern im Vergleich zu Tetraplegikern liegen, mit der sich das Risiko, ein Tumorleiden zu entwickeln, erhöht (Northmann, 2017).

Ein weiterer Aspekt des Lebens, der bei Querschnittlähmung beeinflusst wird, ist das Altern. Möglicherweise werden mit fortschreitendem Alter mehr Hilfe und Hilfsmittel benötigt. Siehe hierzu: Wie jetzt? Ich bin nicht unverwundbar?

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