Fünf für die Füße: Fakten und Tipps, die Menschen mit Querschnittlähmung kennen sollten

Rund um den Fuß gibt es eine Menge Themen, die für Menschen mit Querschnittlähmung relevant sind – bis hin zur Frage, weshalb Füße schuld an einem Dekubitus am Po sein können und wie man dies verhindert. Ein Überblick.

Ein Fuß besteht aus 26 Knochen plus zwei Sesambeinen (kleine, in eine Sehne eingelagerte Knochen, die eine ähnliche Funktion wie Umlenkrollen haben). In den Füßen steckt fast ein Viertel der insgesamt rund 210 Knochen, die ein Mensch normalerweise hat. Noch ein paar Sehnen, Muskeln und Haut drum herum – und fertig ist das anatomische Meisterwerk, das man auch dann nicht vernachlässigen sollte, wenn einen die eigenen Beine nirgendwohin (mehr) tragen und die Füße ihren Alltag überwiegend auf dem Fußbrett des Rollstuhls verbringen. Womit ein eleganter Bogen geschlagen wäre zu Punkt 1:

1. Die Höhe des Fußbrettes

Das Fußbrett sollte so eingestellt sein, dass die Schuhsohlen auf dem Brett stehen und die Oberschenkel auf dem Sitzkissen aufliegen. Maßgeblich für die Höhe des Fußbrettes ist also die Länge des Unterschenkels, nach ihr wird der Abstand zwischen der Vorderkante des Sitzkissens und der Fußraste ausgewählt – was auch bedeutet: Bei einem Wechsel des Sitzkissens sollte nachjustiert werden. Wird die Höhe des Fußbrettes falsch gewählt, kann dies u. a. die Sitz-/Rumpfstabilität negativ beeinflussen und das Dekubitus-Risiko erhöhen, da der Druck auf die Sitzbeinhöcker oder auch auf die gesamte Sitzregion steigt. Weitere Tipps, um zu überprüfen, ob der Rollstuhl aktuell optimal justiert ist, finden sich im Beitrag Aspekte der Rollstuhlanpassung.

2. Gepflegte Füße

Nicht nur aus ästhetischen Aspekten sollten Menschen mit Querschnittlähmung auf gepflegte Füße achten. Wer regelmäßig cremt, hält die Haut auch an den Füßen geschmeidig und widerstandsfähig gegen Druck und Reibung (mehr zum Thema im Beitrag: Die Haut bei Querschnittlähmung). Während der Pflege können die Füße auch auf Verletzungen und potenzielle Entzündungsverursacher wie Blasen oder eingewachsene Zehennägel hin kontrolliert werden. Beides im Übrigen mögliche Ursachen für eine autonome Dysreflexie, die durch einen Reiz unterhalb der Läsionshöhe ausgelöst werden und unbehandelt dramatische Folgen haben kann. Mehr über Ursachen, Anzeichen und Ablauf dieses medizinischen Notfalls im Beitrag Was geschieht bei einer autonomen Dysreflexie?.

3. Socken, Strümpfe, Schuhe und nützliche Gadgets

Für Querschnittgelähmte mit eingeschränkter Fein- und Grobmotorik gibt es zahlreiche Gadgets, die ihnen dabei helfen, Socken, Strümpfe und Kompressionsstrümpfe an – und auszuziehen: Vom Spezialgestell über Socken-/Schuhlöffel-Kombinationen, Gleithilfen bis hin zu Socken mit Schlaufen oder Ösen am Bündchen, die das Hochziehen erleichtern sollen. Allen Strumpfanziehern gemein: Vor dem Kauf überlegen, ob das jeweilige Gadget zu den eigenen Bewegungsmöglichkeiten passt.

Selbiges gilt für diverse Schuhlöffel-Modelle, die mit Haken, Schlaufen, rutschfesten Griffen oder sogar einer Greifzange ausgestattet sind. Die Auswahl ist groß, eine Stöbertour durch das Internet und das Sanitätshaus des Vertrauens lohnt sich. Mehr zu dieser Hilfsmittelgruppe im Beitrag: Ganz schön anziehend: Anziehhilfen.

Bei den Schuhen ist die Auswahl noch üppiger. Da wären zum einen Spezialschuhe mit Polsterungen und praktischen Klettverschlüssen, die sehr weit zu öffnen sind. Auch Slipper werden gerne genommen, eben, weil man in sie einfach hineingleiten kann (englisch to slip = gleiten, schlüpfen). Für Menschen, die bei eingeschränkter Fingermotorik Schuhe mit Schnürsenkeln tragen wollen, hält der Markt diverse Systeme bereit, die das Binden einer Schleife überflüssig machen. Einige Modell werden im Beitrag Schuhe leichter schließen – mit diesen kleinen Hilfsmitteln vorgestellt.

Aber man muss nicht immer für teures Geld Equipment kaufen. Einige Menschen mit Querschnittlähmung haben ihre ganz eigene Methode entwickelt, um ihre Lieblingsschuhe an den Fuß zu bekommen. Nach einem Aufruf von Der-Querschnitt.de schrieb z. B. ein junger Mann:  „Mein perfekter Schuh (Tetraplegiker) ist immer zwei Nummern größer, als ich ihn aktuell brauche. Das beugt etwaigen Druckstellen vor. Das ist bei mir aber gar nicht so einfach, denn ich habe so schon Schuhgröße 52. Ich brauche also 54. Er hat eine niedrige Sohle, sodass er nicht zu hoch wird, wenn ich Einlagen brauche. Vorne, auf Höhe des Hallux, ist er bereit genug. Auch das beugt Druckstellen vor. Am besten ist er aber „normal“ in seinem Aussehen …“.

Ein Paraplegiker dagegen arbeitet nicht mit der Größe, sondern mit Plastiktüten. Auch ihm ist das Aussehen wichtig – sie sollen „stylish“ aussehen: „Gar nicht so einfach. Zwar bin ich als Para in der Lage, die Hände zu benutzen, aber die Füße passen trotzdem oft nicht rein. Zu steifes Material. Zu eng am Spann. Ich trage am liebsten Stiefel. Mit Reißverschluss. Und am ehesten komme ich rein, wenn ich ein Paar Plastik-Frühstücks-Tüten über die Socken ziehe. Dann rutscht der Fuß einfach rein.“

4. Strategien gegen kalte Füße

Heiße Füße sind für Menschen mit Querschnittlähmung selten ein Problem. Kalte schon. Aufgrund ihrer Temperaturdysregulation (siehe Beitrag Temperaturdysregulation) haben die meisten Para- und Tetraplegiker kalte Beine und Füße, bei längeren Aufenthalten im Freien besteht im Winter die Gefahr der Unterkühlung. Hinzu kommt, dass die Füße dem Hirn nicht melden können, dass die Zehen zu Eisklötzchen zu frieren drohen. Dagegen hilft, sich konsequent warm einzupacken, mit extradicken Socken und Schuhen – oder gleich mit Socken und Schuhen, die beheizbar sind und so für Wärme genau da sorgen, wo man sie haben will. Weitere aktiv wärmende Kleidungsstücke, aber auch deren Risiken (z. B. Verbrennungen, Druckstellen), stellt der Beitrag Heizbare Kleidung für kalte Wintertage vor. Noch kuscheliger: Ein Schlupfsack, der je nach Modell auch gleich noch Beine und Schoß warmhält (Details zu verschiedenen Modellen im Beitrag Die stecken die Kälte weg … ).

Aber ungewollt und unbemerkt herunterkühlen kann man nicht nur im Freien, sondern auch im Büro oder zuhause – selbst, wenn die Heizung läuft. Eine Alternative zur dicken Kuscheldecke bieten moderne Untertischheizungen, von denen es inzwischen eine beachtliche Auswahl auch an portablen Geräten gibt (siehe auch: Gegen kalte Beine am Schreibtisch – Die Untertischheizung)

5. Deformierungen vorbeugen

Nach längerer Querschnittlähmung können sich Fußfehlstellungen wie Knickplattfuß, Hohl- oder Hohlkrallenfuß oder Spitzfuß bilden. Sie gehören zur großen Gruppe der Kontrakturen, von Gelenken also, die aufgrund einer Verkürzung von Muskeln und Sehnen bewegungseingeschränkt in einer nicht-natürlichen Haltung verharren (siehe auch: Kontrakturen bei Querschnittlähmung). Die bleibenden Fehlstellungen der Füße werden unter dem Oberbegriff „spastisch-paretische Fußdeformität“ zusammengefasst.

Die häufigste Fußkontraktur ist der Spitzfuß, bei dem das obere Sprunggelenk eine ständige Streckstellung einnimmt. Er entsteht durch Spasmen, durch ständigen Druck auf den Vorderfuß, z. B. durch die Bettdecke oder durch ständiges nach unten Hängen der Füße beim Sitzen. In der Regel bilden sich Fußdeformationen nicht selbst zurück, sondern nehmen unbehandelt weiter zu. Mitunter verlaufen die Veränderungen schleichend, werden nicht bemerkt oder sogar vom Betroffenen ignoriert, bis erste Beschwerden wie Druckstellen auftreten. Der Fächer der möglichen Therapieformen ist breit – welche Maßnahme von Physiotherapie bis OP nötig ist, entscheidet der behandelnde Arzt.

Fußdeformitäten können eine Reihe Problemen nach sich ziehen: Beine und Füße sind mitunter nur schlecht im Rollstuhl positionierbar. Zudem können die Deformationen zu Druckgeschwüren führen – nicht nur an den Füßen selbst, sondern als Folge der ungünstigen Positionierung des Körpers im Rollstuhl auch an Oberschenkeln oder Gesäß. Die Durchblutung kann sich verschlechtern, Ödeme oder chronische Hautveränderungen entstehen. Ebenfalls problematisch: Fußdeformitäten verhindern ein regelmäßiges Stehtraining, betroffenen Menschen mit Querschnittlähmung geht ein wichtiges Instrument verloren (siehe auch: Stehtraining bei Querschnittlähmung).

Dabei ist das Stehtraining nicht nur Therapie, sondern auch Prophylaxe. Das Aufrichten bringt sämtliche Gelenke der unteren Extremitäten in eine neutrale Stellung und hilft so, etwaige Fehlstellungen durch das Körpergewicht zu korrigieren. Konsequente Pflege, Physiotherapie, die korrekte Lagerung im Rollstuhl und im Bett, eine angemessene antispastische Therapie sowie – soweit möglich – ein regelmäßiges Stehtraining sorgen dafür, dass der Fuß immer wieder in die Neutralstellung (annähernd 90°) gebracht wird – und helfen so, den Fußdeformationen vorzubeugen.

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