Meine Querschnittlähmung und ich: Das Buhai um die Ausdrucksweise

Bin ich behindert? Oder ein Mensch mit Behinderung? Oder eher einer mit Mobilitätseinschränkungen? Leide ich an einer Querschnittlähmung? Brauche ich einen Schwerbehindertenausweis oder doch lieber einen Schwerinordnungausweis? Und darf ich mich von einer Krüppelschubse antreiben lassen?

Beim Thema „korrekte Ausdruckweise“, wenn es um Menschen mit Behinderungen geht, gibt es ja immer mal wieder flammende Plädoyers über das was man sagen darf und was nicht und wie menschenverachtend manche Ausrücke sind und wie sehr ich mich deshalb angegriffen fühlen muss. Manchmal kann ich mir ein Augenrollen dabei nicht verkneifen, weil ich finde, dass da ganz viel Haarspalterei am Werk ist. Wenn meine Frau mich fragt, ob wir spazieren gehen wollen, werd‘ ich ja schließlich auch nicht patzig, weil ich gar nicht gehen kann….

Dabei fällt mir gerade was ein:

„Herzblatt“, ruf ich. „Stört’s dich eigentlich, wenn ich dich ‚meine Frau‘ nenne?“

Sie steckt ihren Kopf zum Arbeitszimmer herein und sagt: „Wie bitte?“

„Na, du bist doch viel mehr als nur ‚meine Frau‘“, erkläre ich. „Du bist auch viel mehr als nur ‚eine‘ Frau. Müsste ich dich vielleicht eher als ‚Mensch mit einem Uterus‘ bezeichnen?“

„Bist du betrunken?“ fragt meine Frau und geht wieder weg, was ich mal als ‚Nein‘ interpretiere. Nun gut, denke ich, soll sie später nur nicht sagen, ich hätte sie nicht gefragt.

Zurück zum Thema: In meinem Bekanntenkreis gibt es viele Menschen, die zur korrekten Ausdrucksweise eine sehr klare Position bezogen haben und ihre Meinung auch zu jeder sich bietenden Gelegenheit kundtun. Was mich dabei immer ein bisschen ärgerte, ist, dass sie stets von „uns“ also von allen Menschen mit Behinderung und damit auch von mir reden, und „unsere“ Rechte auf eine politisch korrekte Ausdrucksweise einfordern. Mich persönlich interessiert es herzlich wenig ob mich jetzt jemand als behindert oder als Mensch mit Behinderung bezeichnet und ich denk bei so was immer: Sack. Reis. China.

Ich kann aber auch akzeptieren, dass es Leute gibt, denen bei einer vermeintlich degradierenden Bezeichnung die Galle hochkommt. Meist behalte ich meine Meinung für mich, da ich den anderen nicht in die Parade fahren will, wenn sie sich so energisch echauffierten. Und ich bewundere sie für die Leidenschaft, mit der sie solche Dinge fühlen. An mir geht die Debatte, wie gesagt, meist spurlos vorbei. Eine Ausnahme bildete ein Vorfall, der sich vor ein paar Jahren zutrug.

Meine Krüppelschubse

Ich fuhr ein Rollstuhlzuggerät Probe, das einen, wie sogar ich fand, eher unglücklichen Namen hatte, der übersetzt „Mein Sklave“ lautete. Nach dem Rugby-Training kehrte ich mit meinen Teamkollegen in einem Biergarten ein und erwartete, dass sie spätestens dort über mich herfallen würden, wie Raubtiere über ein lahmes (pardon: mobilitätseingeschränktes) Zebra in der Savanne. Die Reaktionen überraschten mich dann aber doch, denn sie gingen alle mehr so in Richtung: „Cooles Teil!“ „Welche Reichweite?“, „Wie schnell Spitze?“, „Was kostet es und wer bezahlt es?“.

Ich erwähnte vorsichtig, wie das Ding hieß… Als kein Protest laut wurde, schob ich die Übersetzung nach. Und ich muss sagen, ich war schon bass erstaunt, dass keiner meiner sonst so politisch korrekten Spezies Anstoß daran zu nehmen schien, dass mein geliehenes Hilfsmittel nach den Leidtragenden einer der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte benannt worden war. Und war ich der einzige, der wusste, dass die Sklaverei und Menschenhandel heute zwar offiziell verboten sind, aber nach wie vor ihre Opfer fordern? Wo würde der Hersteller die Grenze ziehen? Würde das Nachfolgemodell* „Mein Zwangsarbeiter“ oder „Mein Völkermordopfer“ heißen?

Auf diese Argumente erntete ich nur verständnisloses Schweigen von acht Leuten, die ansonsten nicht auf den Mund gefallen waren. Und da wurde ich wütend. Ich forderte sie dazu auf mal darüber nachzudenken, wie groß das Geschrei wäre, wenn das Teil „Meine Krüppelschubse“ hieße! Und dass man, wenn man so ein riesen Aufhebens um die Belange der eigenen Anspruchsgruppe mache, auch gerne mal über die von anderen nachdenken dürfe. Alles andere wäre Heuchelei. Dann ließ ich sie sitzen.

Sehr zufrieden mit mir und meiner moralisch überlegenen Sicht auf die Welt rollte ich nach Hause.

„Der Rollstuhl will da durch.“

Natürlich wäre das Schicksal nicht für seinen Humor bekannt, wenn vor ein paar Tagen – just als ich angefangen hatte diesen Kolumnenbeitrag zu schreiben –  nicht folgendes passiert wäre:

Ich bin (ohne Zuggerät) im öffentlichen Nahverkehr unterwegs und es ist ziemlich voll in der Bahn. Als ich aussteigen will, sind mir ein paar Leute im Weg und ich sage solche Sachen wie „Entschuldigung“ und „Kann ich mal vorbei?“, als plötzlich jemand, den ich nicht sehen kann, energisch ruft: „Geht da mal weg, der Rollstuhl will da durch!“. Die Menge teilt sich.

Und dann schiebt mich jemand aus der Bahn.

Nach diesem Übergriff stehe ich noch lange an der Haltestelle und kann gar nicht fassen, was da gerade passiert ist. Erst hat man über mich geredet, als wäre ich eine Sache. Und dann hat man mich als eine solche behandelt. Wie ein Ding, das von A nach B gebracht werden muss. Ich frage mich, ob ich auch ungefragt ins Freie befördert worden wäre, wenn der ursprüngliche Ausruf gelautet hätte „Der Mann will da durch!“

Ist es möglich, dass mit der Ausdrucksweise die Übergriffigkeit beginnt?

Ich weiß wirklich nicht, wo die berechtigte Kritik an den Formulierungen anderen aufhört und die Haarspalterei anfängt. Vermutlich sind die Grenzen da individuell fließend. Aber Menschen mit Behinderungen sind in einem gewissen Maße angreifbarer als andere (- aufgehoben und aus der Bahn getragen worden wär ich als Fußgänger schließlich eher nicht). Vielleicht müssen wir uns wehren, selbst wenn – vermeintlich – kein Anlass besteht.

Hut ab für alle, die es tun.

 

 

*Das Nachfolgemodell hat einen produktbezogenen, neutralen Namen. Vielen Dank an den Hersteller!


Die Kolumnenbeiträge sind inspiriert von Gesprächen der Redaktion mit Lesern. Alltagstipps, eine witzige Begebenheit, eine emotionale Begegnung, eine ärgerliche, aber typische Situation: Was die Leser von Der-Querschnitt.de beschäftigt, greifen die Redakteure gerne an dieser Stelle auf.

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