Gelesen: Ein Kommissar und sein fieser Gegenspieler im Rollstuhl

Lino La Rosa, ehemaliger Polizist bei der Guardia di Finanza, ist ein echter Kotzbrocken. In „Die Zeitungsfrau“, dem neunten Buch der Commissario-Laurenti-Reihe, spielt er als Tyrann im Elektrorollstuhl eine maßgebliche, aber beileibe keine sympathische Rolle.

Wie immer hat Autor Veit Heinichen seine Geschichte in Triest angesiedelt, jener Stadt, die als nördlichste Hafenstadt am Mittelmeer großartige Paläste zu bieten hat, großen Reichtum und großartige Möglichkeiten, mit entsprechender krimineller Veranlagung ein Vermögen zu machen. Genau letzteres tat und tut Lino La Rosa – zunächst als Maresciallo (Stabsfeldwebel der Guardia di Fiananza), später als invalider Frührentner.

Ein Unfall – vielleicht auch ein Rache-Anschlag – hat ihn vor 25 Jahren in den Rollstuhl gebracht, seither leidet er darunter, permanent auf Hilfe angewiesen zu sein. Doch Mitleid mit dem 78-Jährigen scheint während der Lektüre unangebracht: La Rosa mag körperlich gehandicapt sein, aber charakterlich hat ihn der Einschnitt in seinem Leben nicht verändert. Seiner Umwelt – allen voran seiner Tochter – begegnet er weiterhin mit Gier, Bosheit und Menschenverachtung.

Handlangerdienste erzwingt er, indem er seine Urinflasche drohend kreisen lässt. Er betatscht seine Pflegerinnen, schikaniert seine Mitbewohner in dem Heim, das seine Tochter am Rande der Legalität, auf jeden Fall jedoch jenseits der Menschlichkeit betreibt, fährt stockbesoffen mit seinem hochgetunten Elektrorollstuhl durch die Gegend und benutzt dafür unbekümmert – oder voller Absicht – seelenruhig auch mehrspurige Autostraßen.

Wer jemals den Drang verspürte, seinem Gegenüber den Urinbeutel über die Rübe zu ziehen oder ihm mit dem Rolli in die Kniekehlen zu fahren, findet in La Rosa eine prima Projektionsfläche für derartige Fantasien.

Bekannt für Triest-Krimis mit Tiefgang: Autor Veit Heinichen.

Aber La Rosa und seine Tochter bilden nur einen der Handlungsstränge in Heinichens Krimi. Es geht auch um Kunstraub im ganz großen Stil, um Bestechlichkeit quer durch alle Berufe und um einen Raubzug, der die unverkennbare Handschrift eines Kriminellen trägt, der vor 25 Jahren bei seinem letzten Coup ums Leben kam. Oder auch nicht. Zumindest hat Diegos Witwe – die titelgebende „Zeitungsfrau“ – nach seinem Ableben noch zwei Kinder zur Welt gebracht, die dem vermutlich Toten wie aus dem Gesicht geschnitten sind. Die Witwe übrigens war es auch, die vor 25 Jahren den korrupten Polizisten überfuhr …

All diese Menschen und noch einige mehr sind durch ein immer wieder überraschendes und in die Irre führendes Geflecht aus Beziehungen, Abhängigkeiten und offenen Rechnungen miteinander verbunden. Ein Netz, das bis in die beste Gesellschaft Triests reicht, dorthin, wo Diegos Komplizen von einst heute angekommen sind.

Während seiner Ermittlungen lässt Autor Heinichen seinen Commissario eine Gesellschaft kennenlernen, in der alles – Kunst, Pflege, die Bestattung eines Menschen – zum bloßen Geschäft degradiert wird. Eingebettet in viel Lokalkolorit ist „Die Zeitungsfrau“ ein gut gemachter Krimi mit politischen und kritischen Seitenblicken. Aber er ist keine ganz einfache Lektüre. Wer einen spannungsgeladenen, linear geschriebenen Thriller erwartet, der einem beim Lesen immer wieder den Atem stocken lässt, wird enttäuscht sein. Auf dieses Buch muss der Leser sich einlassen, um alle Handlungsstränge und unerwarteten Verflechtungen genießen zu können.

„Die Zeitungsfrau. Commissario Laurenti in schlechter Gesellschaft.“
Erschienen am 01.09.2017 bei Piper
Preis: € 10,00 [D], € 10,30 [A]
352 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31194-6

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