Sexualität bei Querschnittlähmung

Sexualität ist ein wichtiger Aspekt des Menschseins und nach dem Eintritt einer Querschnittlähmung müssen Betroffene keinesfalls auf Lust und Sinnlichkeit verzichten. Allerdings beeinträchtigt eine Rückenmarksverletzung fast immer die Sexualfunktionen und stellt somit eine Veränderung im Vergleich zu dem bisher Erlebten dar.Bild 61288258 Copyright Piotr Marcinski, 2013 Mit Genehmigung von Shutterstock.com

Auswirkungen der Rückenmarksverletzung auf die Sexualität (Männer)

Direkt beeinflusst sind beim Mann je nach Höhe und Vollständigkeit der Verletzung Erektions-, Ejakulations– und Orgasmusfähigkeit sowie die Sensibilität unterhalb der Läsionshöhe (Kämpfer, 2012).

Es gibt zwei Arten von Erektionen, von denen Männer mit Querschnittlähmung entweder die eine oder andere haben können, je nach Lähmungsniveau und abhängig davon, ob die Lähmung komplett oder inkomplett ist.

  •  Psychogene Erektionen

Psychogene Erektionen werden durch psychische Reize, d. h. durch optische und akustische Stimulation, Gerüche, Phantasien, Erwartungen und Wünsche ausgelöst. Diese Impulse werden im Gehirn gesteuert und über den Parasympathikus ins Erektionszentrum im Rückenmark weitergeleitet.

Querschnittgelähmte können eine psychogene Erektion haben, wenn die Läsionshöhe unterhalb von Th11 bis L2 liegt, selbst wenn sakrale Wurzeln oder das sakrale Rückenmark zerstört sind.

  •  Reflektorische (bzw. Reflex-) Erektionen

Reflektorische Erektionen sind bei Querschnittgelähmten mit einer Läsionshöhe von oberhalb Th11 möglich, wenn die sakralen Wurzeln und das sakrale Rückenmark intakt sind. Sie entstehen durch eine direkte Stimulation der Genitalien, unabhängig davon, ob diese Stimulation sexueller Natur ist oder nicht, und indirekt über z. B. eine volle Harnblase. Dieser Reiz wird im sakralen Rückenmark umgesetzt, das über parasympathische Fasern die Erektion auslöst.

Da das Signal vom Gehirn fehlt, hört die Erektion auf, sobald die Stimulation nachlässt, was bedeutet, dass die reflektorische Erektion zum Geschlechtsverkehr oft nicht ausreicht (Kämpfer, 2012). Um eine reflektorische Erektion für eine sexuelle Begegnung aufrechtzuerhalten, kann ein Penisring eingesetzt werden.

Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, die Betroffenen im Fall von Erektionsstörungen bei Querschnittlähmung helfen können. Siehe hierzu: Erektionsstörungen bei Querschnittlähmung

Ejakulationsstörungen

Das Zusammenspiel verschiedener Nerven, das bei einer Ejakulation stattfindet, ist nach einer Rückenmarksverletzung oft gestört. Das Ejakulat ist nur tropfenweise vorhanden, entfällt völlig oder findet, wenn der Verschluss des Blasenhalses gestört ist, als retrograde Ejakulation rückläufig in die Harnblase statt (Krieger, 2012). Die Störungen der Ejakulation werden durch unzureichende neurogene Stimulationsmöglichkeiten verursacht und teilweise auch durch Nebenwirkungen von Medikamenten. Manche Medikamente zur Lähmung der Blasenmuskulatur etwa beeinflussen ebenfalls die Muskulatur der Samenleiter(Zäch/Koch, 2006).

Veränderte Orgasmen (Männer)

Auch wenn die Sensibilität nach Eintritt der Querschnittlähmung unterhalb der Läsionshöhe vermindert oder erloschen ist, gibt es Para- und Tetraplegiker, die einen Orgasmus erleben. Jedoch können die rhythmischen unwillkürlichen Muskelkontraktionen eines Orgasmus nach Eintritt der Querschnittlähmung länger andauern und eventuell als unangenehm empfunden werden. Bei einer Verletzung oberhalb on Th12 gehen einem Orgasmus häufig spastische Reaktionen in den Beinen voraus (Kämpfer, 2012).

Vermutlich wird es einige Zeit in Anspruch nehmen, bis Betroffene mit dem neuen Erleben und Ausleben ihrer Sexualität so umgehen können, dass eine vollständige Befriedigung eintritt, die mit der sexuellen Erfüllung gleichzusetzen ist, die vor Eintritt der Querschnittlähmung erlebt wurde. Einige Querschnittgelähmte berichten, nach Monaten oder Jahren wieder einen Orgasmus zu haben. Manche Männer beschreiben ihren Höchepunkt als einen „psychischen Orgasmus, vergleichbar mit dem Gefühl ‚high‘ zu sein.“ Ein solcher Höhepunkt ist vermutlich eine Kombination von Phantasie, Erinnerung an frühere Orgasmen und der stattfindenden sexuellen Situation. Die Erfahrungen können mit der Zeit schöner und intensiver werden, wenn der partnerschaftliche Umgang in der Beziehung entspannter und einfacher wird (Ducharme/Gill, 2006).

Auswirkungen der Rückenmarksverletzung auf die Sexualität (Frauen)

Bei Frauen bleibt je nach Läsionshöhe die Lubrikation, d. h. das Feuchtwerden der Scheide, aus. Die Sensibilität unterhalb des Lähmungsniveaus und die Orgasmusfähigkeit sind eingeschränkt.

Keinen Einfluss hat die Rückenmarksverletzung auf Fruchtbarkeit und Empfängnis, da Eireifung und Eisprung hormonell gesteuert sind, und die Eizelle durch unwillkürliche Muskelkontraktionen des Eileiters und durch die Bewegung der Flimmerhärchen in die Gebärmutter gelangt (Kämpfer, 2012).

Sollte trotz sexueller Stimulation das Feuchtwerden der Scheide ausbleiben, kann diese fehlende Lubrikation einfach mit einem geeigneten Gleitmittel ausgeglichen werden, was eventuellen Verletzungen und möglichen Infektionen vorbeugt und das Eindringen durch den Partner erleichtert.

Veränderte Orgasmen (Frauen)

Trotz einer verminderten oder fehlenden Sensibilität nach Eintritt der Querschnittlähmung, verlieren viele betroffene Frauen nicht die Fähigkeit auf sexuelle Stimulation mit rhythmischen Kontraktionen der Scheide zu reagieren. Das heißt, sie können einen Orgasmus haben. Jedoch können sich diese von den Orgasmen, die zuvor erlebt wurden, unterscheiden und eine neue, eigene Qualität aufweisen. Diese sogenannten Para-Orgasmen können eine Kombination aus körperlichen Empfindungen, emotionalen Reaktionen, Erinnerungen, Phantasien und visuellen und/oder auditiven Stimulationen sein. Damit sind sie mehr eine ganzheitliche Körpererfahrung, denn eine nur auf den Genitalbereich bezogene.

Ganzheitliche Sexualität

Die veränderte Körpersituation von Querschnittgelähmten verlangt es eine neue Weise zu entdecken, wie die eigene Sexualität alleine oder mit dem Partner gelebt werden kann.

Zunächst sollten sich Betroffene darüber im Klaren sein, dass sich sexuelle Erregung auf mehr Arten manifestiert als lediglich durch die Reaktion des Körpers im Genitalbereich. Wenn beim Mann die Erektion oder der Frau die Durchfeuchtung der Scheide ausbleibt, bedeutet das nicht, dass keine sexuelle Erregung stattfindet. Es gibt andere Zeichen für die hormonelle Veränderung, die mit Lust einhergeht, etwa ein beschleunigter Herzschlag, eine erhöhte Empfindlichkeit der Haut und der Brustwarzen, eine veränderte Atmung und ein ganzkörperliches Hitzegefühl (Ducharme/Gill, 2006).

Dann gilt es zum einen bei eingeschränkter Sensibilität der Genitalien neue erogene Zonen zu entdecken, etwa die Brustwarzen, die bei männlichen Fußgängern gerne ignoriert werden, Hals und Nacken oder die Ohren. Zum anderen können neue Wege gesucht werden, die Libido zu stimulieren. Zum Beispiel können andere, intakte Sinnesorgane vermehrt angeregt werden, etwa durch erotische Musik, Klänge oder Worte. Duft- und Geschmacksinn können durch betörende Gerüche oder als aphrodisierend geltende Speisen angeregt werden. Oder die Partner lassen den jeweiligen anderen verstärkt an der eigenen Lust teilhaben, etwa durch eine detaillierte Beschreibung dessen, was sie erleben (Ducharme/Gill, 2006 & Kämpfer, 2012).

Nach Eintritt einer Querschnittlähmung sind manche Stellungen beim Geschlechtsverkehr nicht mehr möglich oder werden nicht mehr als so lustvoll erlebt wie vorher. Auch hier muss jeder Einzelne bzw. jedes Paar für sich neu entdecken, was möglich und lustvoll ist und was nicht. Querschnittgelähmte finden oft, dass es ihnen ein großes Maß an Bewegung und Freiheit ermöglicht, wenn sie unten liegen. Für andere funktioniert eine seitliche Stellung am besten, da diese einen sehr engen Kontakt zulässt. Auch sitzende Positionen (im Rollstuhl) sind möglich (Durcharme/ Gill, 2006). Eine offene Kommunikation zwischen den Partnern über ihre Bedürfnisse und Wünsche ist Voraussetzung für eine befriedigende Sexualität. Abwechslung bei Stellungen und Umsetzung der erotischen Begegnung ermöglichen nicht nur andersartige Berührungen und Wahrnehmungen, sondern vermehren auch die Lust und den Spaß am Sex (Kämpfer, 2012).

Essentiell wichtig für ein ausgefülltes Sexualleben ist ein positives Selbstbild, die Akzeptanz des eigenen Seins in allen seinen Fassetten und damit auch die Tatsache querschnittgelähmt zu sein.

Eventualitäten

Eventualitäten, die beim Geschlechtsverkehr eintreten können und über die der Partner im Vorfeld informiert sein sollte, sind:

  • Inkontinenz

Wenn ein regelmäßiges Schema zur Darm- und Blasenentleerung verfolgt wird, gibt es keinen Grund, warum sexuelle Aktivität dieses Schema durcheinanderbringen sollte (Ducharme/Gill, 2006). Und wenn vor einer sexuellen Begegnung die Trinkmenge eingeschränkt und die Blase (evtl. auch der Darm) entleert wird, wird die Möglichkeit eines unwillkürlichen Abgangs auf ein Minimum reduziert.

  •  Spastik

Spasmen können aus verschiedenen Gründen, u. a. bei sexueller Erregung, oder auch völlig unberechenbar in den gelähmten Körperteilen auftreten. Sie lassen sich durch Positionswechsel oder Massagen beenden.

  •  Autonome Dysreflexie

Geschlechtsverkehr kann bei Querschnittgelähmten mit einer Lähmungshöhe von oberhalb Th 6/7 eine autonome Dysreflexie auslösen. Meist klingen die Symptome sofort ab, wenn die genitale Stimulation beendet wird (Kämpfer, 2012); sollte dies nicht der Fall sein muss ein Arzt aufgesucht werden. (Siehe: Autonome Dysreflexie) Wenn die autonome Dysreflexie häufig in intimen Situationen auftritt, ist eine Rücksprache mit dem Arzt angezeigt.

Für weitere Informationen zum Thema Sexualität siehe:

Erektionsstörungen bei Querschnittlähmung

Schwangerschaft bei Querschnittlähmung

Vater werden trotz Querschnittlähmung

Ratgeber Sexualität und Querschnittlähmung

Über Sexualität bei Querschnittlähmung sprechen: Eine Anleitung

Sexualität: Hilfsmittel für Männer und Frauen

Sexualität bei Querschnittlähmung: Stellungswechsel

Und die Erfahrungsberichte:

Abenteuer Fruchtbarkeit

Über Sexualität sprechen

Über die Treffen mit einer Sexualbegleiterin

Fragen & Kommentare

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  1. Dennis Balke 05.01.2015, 02:25 Uhr

    Hallo.
    Das ist vielleicht eine dumme Idee/Frage aber kann man nicht sowas wie eine Neurostimulation entwickeln.
    Ich dachte an Elektroden die dem Gehirn das Signal eines Orgasmus ….,, vor spielen ,, und es so zu freisetzung von Dopamin anregt.

    • Tanja Konrad 12.01.2015, 14:54 Uhr

      Hallo Herr Balke,

      wir können nicht sagen inwieweit eine derartige Entwicklung sinnvoll bzw. möglich und für welche Personen sie geeignet wäre. Tatsächlich bedarf es keiner Neurostimulation durch Implantate ö. ä. um eine Dopamin-Ausschüttung im Gehirn auszulösen und so das Belohnungszentrum zu stimulieren. Z. B. gibt es verschreibungspflichtige (!) Medikamente, die die Dopaminkonzentration erhöhen können, und die Methode der Elektrokonvulsionstherapie (EKT), die vorwiegend zur Behandlung psychischer Erkrankungen eingesetzt wird. Zudem kann die Bildung von körpereigenem Dopamin durch verschiedene Faktoren (Ernährung, Bewegung, Schlaf, das Erreichen gesetzter Ziele, etc.) angeregt werden.

      Durch eine Dopaminausschüttung alleine kann allerdings kein Orgasmus simuliert werden, und auch auf eine etwaige erektile Dysfunktion bei Querschnittlähmung wird sie keinen Einfluss haben.

      Viele Grüße
      Tanja Konrad