Altwerden ist nichts für Feiglinge – Über das Altern mit Querschnittlähmung

Man ist so alt wie man sich fühlt – eine Lebensweisheit, die mit zunehmendem Alter an Bedeutung gewinnt. Für einen 14-Jährigen ist ein 40-Jähriger alt, für einen 40-Jährigen der 80-Jährige.

Während das chronologische Alter das Alter eines Individuums als reine Zeitangabe angibt, wird beim biologischen Alter das Alter eines Menschen an seinem körperlichen und geistigen Entwicklungszustand gemessen. Für die Weltgesundheitsorganisation ist ein 65-Jähriger alt. Ab 75 Lebensjahren spricht man von betagten Menschen und über 100-Jährige werden als Langlebige bezeichnet.

Über das Altern

Altern ist eine irreversible zeitabhängige Veränderung von Strukturen und Funktionen lebendiger Systeme oder die Summe aller Veränderungen, die in einem Organismus während seines Lebens auftreten und zu einem Funktionsverlust von Zellen, Geweben, Organen und schließlich zum Tod führen.

Die demographische Entwicklung macht auch vor den Menschen mit Querschnittlähmung nicht Halt. Das Älterwerden an sich hat schon so seine Tücken und mit Querschnittlähmung gibt es da einiges zu Beachten. Paraplegiker haben eine um etwa zwei Jahre verringerte Lebenserwartung im Vergleich zum „Fußgänger“. Da beträgt bei einem 2015 geborenen Menschen die durchschnittliche Lebenserwartung bei Frauen 82 Jahre und zehn Monate, bei Männern 77 Jahre und neun Monate.

Ursachen für das Altern

Wissenschaftler vermuten eine Kombination aus verschiedenen Verschleißerscheinungen zusammen mit einer genetischen Vorherbestimmung, die einhergeht mit dem zunehmenden Verlust von körperlichen und geistigen Funktionen und Fähigkeiten. Die Lebensweise beeinflusst den Alterungsprozess aber doppelt so stark wie die genetische Disposition. Im Rahmen der Querschnittlähmung und Alterung gibt es grundsätzlich zwei unterschiedliche Aspekte, die eine wichtige Rolle spielen:

  • Das Altern mit Querschnittlähmung
  • Das vorzeitige Altern infolge Querschnittlähmung

Bei diesen Situationen spielen Multimorbidität (das Vorhandensein von meist mehreren, sich gegenseitig beeinflussenden, chronischen wie auch akuten Krankheiten) und geriatrische Syndrome eine wichtige Rolle.

Zivilisationskrankheiten

Die Querschnittgelähmten leiden wie alle anderen Personen an den „Zivilisationskrankheiten“ wie Übergewicht, Diabetes Typ 2 und Bluthochdruck, die ihre Gesundheit beeinträchtigen und das Leben verkürzen. Zusammen mit der Querschnittlähmung führen sie zu einer zusätzlichen Belastung des Körpers, die für ein gesundes Altern vermeidbar wäre. Auch Alkohol und Zigarettenkonsum sind der Gesundheit speziell bei Personen mit Querschnittlähmung nicht förderlich.

Langzeiteffekte bei Querschnittlähmung in einzelnen Organen und Systemen

  • Muskel- und Skelettsystem

Im Alter nimmt die Muskelmaße ab, Bandscheiben sowie Gelenkknorpel schrumpfen. Bänder, Sehnen und Muskeln sind weniger dehnbar, was zu reduzierter Beweglichkeit und Kraft führt. Durch Abnahme des Mineralstoffgehalts kommt es zur Osteoporose und die Verschleißerscheinungen in den Gelenken äußern sich oft als Arthrose. Der Alltag im Rollstuhl erfordert eine erhebliche Mehrleistung der nicht gelähmten Körperregionen, sodass es zu Abnutzungserscheinungen der Gelenke im Besondern der Schultergelenke sowie der Wirbelsäule kommen kann. Dadurch kann die Selbstständigkeit eines Para- oder Tetraplegikers weitere Einschränkung erfahren.

  • Herz Kreislauf – und Lungenfunktion

Durch den Verlust der Elastizität der Blutgefäße, erhöhte Herzfrequenz sowie die Einschränkung des Herzschlagvolumens kommt es zu Blutdruckerhöhungen, die oft mit einer verzögerten Blutdruckregulation einhergehen. Querschnittgelähmte, die eher an einen zu tiefen Blutdruck gewöhnt sind, erfahren plötzlich Kreislaufprobleme: Sie leiden an Bluthochdruck. Aufgrund der Arteriosklerose und des damit einhergehenden erhöhten Blutdrucks nimmt das Risiko für Kreislaufprobleme zu.

Ein nicht therapierter Bluthochdruck kann zum Schlaganfall führen. Die Lungenfunktion – teilweise aufgrund der Lähmung schon eingeschränkt – wird durch die Abnahme der Lungenelastizität und der dadurch verminderten Sauerstoffaufnahme weiter reduziert. Es kann schneller zu Lungenentzündungen kommen. Daher wird für Tetraplegiker die jährliche Grippeschutzimpfung sowie Pneumokokkenimfpung empfohlen.

Beim Blut- und Immunsystem vermutet man, dass die Knochenmarksreserven und die Funktion der T-Lymphozyten abnehmen. Damit einhergehend sinkt auch die Immunabwehr. In der Folge treten Infektionen wie Harnwegsinfektionen oder Lungenentzündungen häufiger auf.

  • Energiebedarf

Der Seniorenteller im Restaurant hat durchaus seine Berechtigung, denn der tägliche Energiebedarf nimmt im Alter um 300 – 400 Kilokalorien pro Tag ab. Allerdings verringert sich der Bedarf an Mikronährstoffen (Vitamine, Spurenelemente, Elektrolyte) nicht. Daher spielt eine vollwertige Ernährung eine große Rolle. Natürlich kann man den verminderten Energiebedarf durch sportliche Aktivitäten wieder erhöhen, soweit die körperlichen Funktionen dies zulassen.

  • Haut und Haare

Weiße Haare stehen für Alter und Weisheit. Die humorvolle Frage, ob die Haare zuerst weiß werden oder zuerst ausfallen, wird immer wieder gestellt. Fakt ist, dass die Kopfhaare weniger und dünner werden und sich das in Glatze, Geheimratsecken oder einfach dünnerem Haar zeigen kann. Auch Brusthaare oder Beinhaare werden weniger. Während bei den Männern Haare in den Ohren und in der Nase wachsen und die Augenbrauen meist üppiger werden, ist bei Frauen das Wachstum von Haaren am Kinn und auf den Oberlippen zu sehen. Die Haare verlieren die Farbe. Allerdings zeigen sich Farbveränderungen auf der Haut in Form von Altersflecken. Diese Phänomene sind Altersphänomene, die mit unserem Schönheitsbild zusammenhängen und mit denen die Kosmetikindustrie mit Pasten, Pillen und Salben versucht, Geld zu verdienen. Auch die Nägel verändern sich: Sie werden meist dicker und lassen sich schlechter kürzen. Das kann eine medizinische Fußpflege erforderlich machen.

Ein weiteres Zeichen, welches wir mit Alter verbinden, sind Falten. Diese entstehen, wenn das Bindegewebe die Fähigkeit verliert, Wasser zu speichern und sich dadurch die Hautstruktur verändert. Die Haut ist aufgrund von mangelndem Kollagen sowie den Fettzellen, die kleiner werden, weniger elastisch.

Für den querschnittgelähmten Menschen führen die alternde Haut und die Atrophie des Fettgewebes zu einem erhöhten Risiko für Dekubitus. Die Hautkontrolle sollte intensiviert werden; auch müssen Hilfsmittel wie (Sitzkissen, Lagerungsmaterialien, Transferhilfen angepasst oder neu eingesetzt werden. Vorsicht ist bei der empfindlicheren Haut auch bei Pflasterverbänden geboten.

  • Schlaf

Wenn der ältere Mensch früh um fünf Uhr durch die Gegend geistert, spricht man von „präseniler Bettflucht“ im Sinne einer Verschiebung des Schlaf-Wach-Rhythmus: Das individuelle Schlafbedürfnis nimmt im Alter ab. Den veränderten Schlafrhythmus kann man mit Anpassung der Alltagsroutine unterstützen – also auf den Mittagsschlag verzichten, um am Abend auch richtig müde zu sein. Wenn sich die Schlafenszeiten verändern, kann dies im Einzelfall dazu führen, dass Fremdhilfe zu anderen Zeiten notwendig wird.


GANZ KONKRET: Tipps für eine gesunde Lebensführung

  • Ausgewogene und vielseitige Ernährung
  • Für Stressabbau und Entspannung sorgen
  • Essen mit Lust und Freude genießen, es ist keine besondere Schonkost notwendig
  • Kontrollierter Konsum von Genussmitteln
  • Bewusster Einsatz von Medikamenten
  • Ausreichende Bewegung, regelmäßige körperliche Aktivität
  • Soziale Kontakte pflegen
  • Geistige Betätigung nicht vernachlässigen

Gesundes Altern

Neben all den ernüchternden Informationen gibt es aber auch Positives zu berichten. Das Erfahrungswissen und das intuitive Handeln («Bauchentscheidungen») nehmen mit dem Alter zu. Und: Auch alte Menschen haben die Fähigkeit, zu lernen. Alt sein ist keine Krankheit, sondern eine normale Entwicklung. Viele Funktionen von Körper und Geist verändern sich, doch sie genügen noch immer für eine gute Lebensqualität bis ins hohe Alter. Voraussetzung dafür ist eine gesunde Lebensführung!

Nicht vergessen: Auch die Angehörigen werden älter. Bei allen Überlegungen sollte berücksichtigt werden, dass der Alterungsprozess sowohl den querschnittgelähmten Menschen als auch seine Angehörigen und sein behandelndes Team vor besondere Herausforderungen stellt. Und: Auch die (pflegenden) Angehörigen altern und kommen vielleicht selbst an Leistungsgrenzen, weshalb es wichtig ist, regelmäßig die gegebenen Situationen, das Umfeld zu Hause als auch die Notwendigkeit von zusätzlicher Hilfe zu überprüfen.

Darum immer daran denken:

  • Regelmäßige rehabilitative und medizinische Check-Ups wahrnehmen
  • Anpassung der Hilfsmittel an die Bedürfnisse
  • Anpassung des barrierefreien Umfelds
  • Veränderungen zulassen
  • Hilfe annehmen
    • Anpassung Unterstützung und Betreuung
    • evtl. auch mehr ambulante Pflege zulassen

 

Siehe auch: Männer und Frauen und fünf kleine Unterschiede bei Querschnittlähmung

Für einen Erfahrungsbericht siehe: „Von der Bravo zur Apothekenumschau“ – Hennes Lübbering über das Altern mit Querschnittlähmung oder: Wie jetzt? Ich bin nicht unverwundbar?



Der Text wurde in Ausgabe 3/2019 des Paraplegiker erstveröffentlicht.

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