„Eine flächendeckende spezialisierte Versorgung von Patienten mit Querschnitt fehlt in Deutschland“

Medizinische Zentren für Erwachsene mit Behinderung (MZEB) sollen Versorgungslücken schließen und Betroffenen idealerweise ein Leben lang offenstehen. Aber nur sehr wenige nehmen Menschen mit Querschnittlähmung auf. Warum eigentlich? Das hat Der-Querschnitt.de PD Dr. Martin Winterholler, den Vorsitzenden der Bundesarbeitsgemeinschaft MZEB, gefragt.

Ganz offiziell und sperrig heißen die MZEB „Medizinische Zentren für Erwachsene mit geistiger und mehrfacher Behinderung“, heute hat sich die Bezeichnung „Medizinisches Zentrum für Menschen mit Behinderung“ eingebürgert. Die Weichen für die Einrichtung von MZEB wurden im Juli 2015 gestellt: Im fünften Buch des Sozialgesetzes wurde in Paragraph 119c (§119c SGB V) verankert, dass „die Behandlung durch medizinische Behandlungszentren … auf diejenigen Erwachsenen auszurichten (ist), die wegen der Art, Schwere oder Komplexität ihrer Behinderung auf die ambulante Behandlung in diesen Einrichtungen angewiesen sind. Die medizinischen Behandlungszentren sollen dabei mit anderen behandelnden Ärzten, den Einrichtungen und Diensten der Eingliederungshilfe und mit dem Öffentlichen Gesundheitsdienst eng zusammenarbeiten.“ Gedacht waren und sind die MZEB in erster Linie für Menschen mit geistiger Behinderung und/oder schweren Mehrfachbehinderungen.

Im Interview: PD Dr. Martin Winterholler, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft MZEB.

Damit wären die meisten Menschen mit Querschnittlähmung von einer Aufnahme in ein MZEB ausgeschlossen. Aber: Es gibt Zentren wie z. B. in Bayreuth oder Hannover, zu deren Leistungsspektrum durchaus auch die Behandlung von Menschen mit Querschnittlähmung gehört.
Wieso eigentlich hat das Gros dieser Personengruppe kaum eine Chance, sich dauerhaft in einem MZEB medizinisch versorgen zu lassen? Immerhin entwickeln dort Ärzte mehrerer Fachgebiete, Therapeuten, Psychologen, Sozialarbeiter und spezialisierte Pflegekräfte gemeinsam einen Handlungs- und Behandlungsplan – die multidisziplinäre und multiprofessionelle Diagnostik und Therapie würde doch sicherlich auch vielen querschnittgelähmten Menschen weiterhelfen? Dazu hat Der-Querschnitt.de PD Dr. Martin Winterholler befragt. Der Mediziner ist Bundesvorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft MZEB.

PD Dr. Martin Winterholler: Prinzipiell sind MZEB für Menschen da, die eine schwere geistige und/oder körperliche Behinderung, zum Beispiel eine Mehrfachbehinderung haben. Die Grundidee der Verbände, die die MZEB politisch durchgesetzt haben, war es, Menschen mit kognitiven Einschränkungen optimal zu versorgen – denn hier gibt es ja mitunter auch in der Kommunikation Probleme, nicht jeder Patient kann artikulieren, wo der Schuh drückt.
Diese Patienten sollen bei Bedarf in den Zentren versorgt werden. In der Regel muss ihr Grad der Behinderung (GdB) größer als 70 sein, es müssen bestimmte Merkzeichen wie G oder aG und bestimmte Krankheitsdiagnosen vorliegen. Welche Zugangskriterien erfüllt werden müssen und mit welcher Diagnose ein behandelnder Arzt seinen Patienten in ein MZEB überweisen darf, variiert von Zentrum zu Zentrum. Da muss man sich vorab genau erkundigen, das hängt auch ganz stark davon ab, was das jeweilige Zentrum mit den Krankenkassen ausgehandelt hatte.

Und eine Querschnittlähmung alleine reicht da nicht?
Eine Querschnittlähmung allein ist bei den meisten MZEB kein Zugangskriterium. Anders sieht es bei Menschen mit einem hohen Querschnitt aus, die dauerhaft beatmet werden, oder auch bei querschnittgelähmten Menschen mit Hirntrauma, Spracheinschränkungen, cerebral bedingten Wesensveränderungen oder ähnlichem. Sie könnten wohl in vielen MZEB behandelt werden, aber ob das derzeit in jedem Fall Sinn machen würde, wage ich zu bezweifeln.

Weshalb?
Weil Menschen mit Querschnittlähmung eine sehr spezialisierte Behandlung, im Falle von MZEB mit einem speziellen multidiagnostischem und multiprofessionellem Konzept, brauchen. Für Menschen mit Querschnittlähmung macht die Behandlung in einem MZEB nur Sinn, wenn sie sich sicher sein können, dass das MZEB tatsächlich spezialisierte Angebote für den Querschnitt hat, denn diese Menschen brauchen nun mal ein sehr spezialisiertes Behandlungskonzept.
Auch deshalb ist es Moment noch die Ausnahme, dass MZEB für Menschen mit Querschnitt offen sind – und es ist die ganz große Ausnahme, dass ein Querschnittzentrum ein MZEB hat.

Wären Ihrer Meinung nach denn mehr MZEB mit Schwerpunkt Orthopädie oder Querschnittlähmung wünschenswert?
Seit 2015 entstehen laufend neue MZEB, und wer schon arbeitet, bemüht sich, sein Spektrum zu erweitern. Für die lebenslange Versorgung von Menschen mit Querschnittlähmung – gerade bei Leuten mit hohem Querschnitt – wäre es natürlich wünschenswert, dass sich ihre Versorgung verbessert. Man könnte zum Beispiel darüber nachdenken, ob sich nicht Querschnittzentren mit MZEB zusammentun sollten. Man könnte auch Kliniken motivieren, mit einem MZEB zusammenzuarbeiten, das 5 Kilometer weiter weg ist. Aber das ist wohl im Moment noch Zukunftsmusik, da braucht es noch viel Lobbyarbeit bei den Krankenkassen und den Kostenträgern, bis solche Gedankenspiele realisiert werden können.
Aber sicher ist: Eine spezialisierte Versorgung sollte unbedingt gewährleistet sein, denn diese Personengruppe braucht für ihre medizinische Versorgung Spezialisten.

Welchen Vorteil hätten MZEB beispielswiese im Vergleich zu Spezialambulanzen?
Viele Querschnittpatienten wenden sich an Spezialambulanzen. Diese Institutsambulanzen übernehmen entsprechende Aufgaben, so wie es auch Ärzte mit entsprechender Ermächtigung gibt, die in diesem Bereich tätig werden können. Beide rechnen ganz normal mit der Krankenkasse ab. Die Besonderheit der MZEB ist es, interdisziplinär und interprofessionell zu arbeiten. Das heißt im Alltag: Neurologe, Orthopäde und Urologe arbeiten an einem Ort zusammen mit Therapeuten, Psychologen und Sozialarbeitern. Das ganze wird mit einer Pauschale direkt von den Krankenkassen abgegolten. So wird eine deutlich bessere Versorgungsqualität aus einer Hand erreicht.

Was ja im Moment die Ausnahme ist, immerhin gibt es ja bereits die Spezialambulanzen, an die Menschen mit Querschnittlähmung sich wenden können. Damit müsste doch eigentlich in Sachen medizinischer Versorgung bereits heute alles im grünen Bereich sein?
Ich sehe das immer wieder in der Praxis: Ich arbeite sehr gut mit dem Kollegen zusammen, der bei uns den Bereich Querschnittlähmung betreut. Wir sind oft erstaunt, wie schlecht manche querschnittgelähmten Menschen versorgt sind, eben weil sie bisher nicht von Spezialisten betreut wurden. Deshalb ist uns klar: Was wir auf jeden Fall brauchen, ist eine flächendeckend bessere Versorgung von querschnittgelähmten Patienten. Ob dann da das Label MZEB oder Spezialambulanz draufsteht oder etwas ganz anderes, spielt nicht die zentrale Rolle.


Die „Bundesarbeitsgemeinschaft der Medizinischen Zentren für Menschen mit mehrfacher und geistiger Behinderung“ (BAG-MZEB) hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Entwicklung und Arbeit der neu entstehenden und schon länger bestehenden medizinischen Zentren zu fördern und diese bei Arbeit zu unterstützen. Bundesvorsitzender der BAG-MZEB ist der Chefarzt der Neurologischen Klinik Krankenhaus Rummelsberg, PD Dr. Dr. Martin Winterholler.
Auf der Webseite der BAG-MZEB finden sich weiterführende Informationen zum Thema MZEB sowie eine interaktive Karte, auf der die meisten deutschen MZEB – sofern sie Mitglied in der Bundesarbeitsgemeinschaft sind – verzeichnet sind.

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