Atemproblematik

Die Atmung ist eine der lebenswichtigen Funktionen des Körpers für jeden Menschen. Eine chronische Störung der Atemfunktion aufgrund einer Querschnittlähmung wirkt daher schnell bedrohlich. Ausgetüftelte Systeme und Techniken können jedoch selbst bei einer kompletten Atemlähmung für die nötige Sauerstoffzufuhr sorgen.

 

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Auch bei der Atmung sind das Lähmungsniveau, die Ausprägung der Lähmung und vegetative Auswirkungen entscheidend für die Komplexität der Problematik. Eine Störung der Atemfunktion (respiratorische Insuffizienz) betrifft entweder das Lungengewebe und damit den Gasaustausch – oder die Lunge ist gesund, aber die Atempumpe fällt teilweise oder komplett aus und muss künstlich ersetzt werden. Atemprobleme können bei Rückenmarksverletzungen zudem als Begleiterscheinung anderer Störungen auftreten.

So kann schon bei Paraplegie durch Beeinträchtigungen der Bauchmuskulatur die Atmung mit betroffen und etwa ein Hustenstoß nur noch eingeschränkt möglich sein. Selbst Einschränkungen im Bereich der Beckenbodenmuskulatur können Einfluss auf die Atmung haben. Je höher das Lähmungsniveau, umso mehr erstreckt sich die Lähmung auch auf die direkt an der Atmung beteiligten Muskeln, die z. B. den Brustkorb beim Atmen anheben und damit die Lunge auseinanderziehen (s. Tabelle). Das Zwerchfell trägt 60 bis 70% zur Einatmung bei und ist damit der wichtigste Atemmuskel, aber auch die Zwischenrippenmuskulatur und die Halsmuskulatur wirken bei der Atmung mit. 

Läsionshöhe Atemmuskulatur Versorgung
C3–C5
  • Zwerchfell (Diaphragma)
evtl Atemtherapiegerät
C2/3
  • Zwerchfell (Diaphragma)
  • Zwischenrippenmuskulatur (Interkostale Muskulatur)
  • evtl. Halsmuskulatur
evtl. Atemhilfsgerät
C1/2
  • Zwerchfell (Diaphragma)
  • Zwischenrippenmuskulatur (Interkostale Muskulatur)
  • Halsmuskulatur
maschinelle Beatmung

(nach Grosse, 1993; Zäch/Koch, 2006)

Mechanische und vegetative Einflüsse

Spastik

Bei Tetraplegie kann  eine Spastik das Luftholen erschweren oder unterbrechen. Auch die Beatmung ist durch die ungesteuerte Muskelaktivität nicht konstant durchführbar. Ggf. muss eine bronchiale Spastik mit einem krampflösenden Mittel (per Dosieraerosol) durchbrochen werden (Tiedemann, 2012). Tetraplegiker haben zudem mit der übermäßigen Produktion von Sekret im Bereich der Lunge zu tun, wenn das Zusammenspiel vegetativer Funktionen gestört ist und eine Dominanz des Parasympathikus vorliegt.

Zwerchfellhochstand

Auswirkungen auf die Atemfunktion hat auch ein Zwerchfellhochstand, der vorkommen kann, wenn vermehrte Darmgase und Stuhl im Darm das Zwerchfell hochschieben. Damit sinken das Atemzugvolumen und die Vitalkapazität.

Diagnostik

Das Röntgen der Lunge und ggf. eine Computertomographie (CT) oder eine Magnetresinanztomographie (MRT) geben einen Einblick in die Situation der Lunge. Eine Analyse der Blutgase (BGA) und des Sauerstoffgehaltes im Blut (Pulsoxymetrie) und eine Messung des Kohlendioxids in der Atemluft (Kapnometrie) können den Atembefund ergänzen. „Dabei ist es wichtig, sich im multidisziplinären Team auszutauschen und die erhobenen Befunde gemeinsam zu diskutieren.“ (Tiedemann, 2012) Umso besser können Maßnahmen zur besseren Belüftung der Lunge und solche des Sekretmanagements geplant werden und ineinander übergehen.

Belüftung durch Lagerung

Durch unterschiedliche Techniken der Lagerung kann die Belüftungssituation unterstützt werden. In der Regel sollte eine Person vorwiegend auf der besser belüfteten Lungenseite liegen, damit auf der anderen Seite die Entfaltung und der Sekretabfluss ermöglicht werden. Natürlich nur, solange keine Luftnot besteht.

Halbmondlagerung: Durch eine halbmondförmige Lage wird der Körper so überdehnt, dass sich auch die schlecht belüftete Lungenseite auseinanderdehnt.

VATI-Lagerung: Kleine Kissen werden in Rückenlage in V-, A-, T- oder I-Form unter den Brustkorb gelegt, je nachdem, welcher Bereich der Lunge zu dehnen ist.

135°-Bauchlage: Auch hier sollte die schlechter belüftete Lungenseite oben liegen.

Sekretmanagement

Bei einer normalen Atmung verklebt die Lunge nicht, weil sie durch ständigen Wechsel der Position in Bewegung bleibt und unterschiedlich belüftet wird. Zudem blähen unwillkürliche Seufzer die Lunge mehrmals pro Stunde auf. Bei eingeschränkter Atemfunktion und unzureichender Belüftung der Lunge kommt es häufig zu Ansammlungen von Sekret, was die Atmung zusätzlich belastet, aber durch verschiedene Maßnahmen zum Teil auch ohne Hilfsmittel in den Griff zu kriegen ist.

Maßnahmen, die das Sekret in Bewegung und zum Abfluss bringen sollen, funktionieren nur dann, wenn durch ausreichendes Trinken das Sekret flüssig genug ist. „Insgesamt sollte ein Tetraplegiebetroffener mit pulmonaler Problematik zur Sekretverflüssigung auf eine Einfuhr von 2 bis 2,5 l über den Tag verteilt kommen.“ (Tiedemann, 2012). Durch sogenannte Vernebelung, das Einbringen von Luft mit hoher Feuchtigkeit und einem bestimmten Salzgehalt in die Lunge, kann das Sekret zusätzlich flüssiger werden. Das Salz zieht Wasser an, wodurch sich das Sekret verflüssigt und besser in Bewegung zu bringen ist.

Perkussion, Airstacking und Thoraxkompression sind Techniken zur Mobilisation von Sekret ohne Hilfsmittel.

  • Bei der Thoraxkompression atmet der Betroffene langsam tief ein und hustet, während ein anderer seinen Brustkorb zusammendrückt. Auch der Bauchraum muss während des Abhustens komprimiert werden, um den Druck nach oben zu lenken. Das kann die helfende Person mit dem Ellenbogen machen oder, wenn zwei Helfer zur Verfügung stehen, einer mit dem ganzen Arm. Durch das tiefe Einatmen soll Luft hinter das Sekret gelangen und es mit dem Hustenstoß mobilisieren.
  • Airstacking („Luftstapeln“): Über einen Handatembeutel werden 3 bis 4 Hübe Luft in die Lunge gepumpt, dazu atmet die betroffene Person ein, aber zwischendurch nicht wieder aus. Ist die Lunge gut aufgedehnt, muss das Mundstück des Handatembeutels ausgespuckt und gleichzeitig abgehustet werden, damit Sekret in der Lunge mobilisiert werden kann.
  • Perkussion: Auch die Perkussion dient der Befreiung von Sekret in den Atemwegen, ist in ihrer Wirksamkeit aber umstritten. Durch Klopfen soll die Luftsäule in den Atemwegen zum Schwingen und Sekret in Bewegung gebracht werden. Als Hilfsmittel gibt es Vibramaten, vibrierende Massagegeräte, die vom Betroffenen oft gut selbst angewendet werden können.

Die Lunge kann auch maschinell durch künstlich herbeigeführtes Einatmen (Überdruckinhalation) entfaltet bzw. durch Sog wieder zusammengezogen werden. „Bekanntestes Gerät ist der Cough-Assist®. Es löst entweder manuell oder automatisch gesteuert eine tiefe, vom Anwender einzustellende Inspiration aus, welche die Lunge maximal aufdehnt. (…) Dann hustet der Patient, das Gerät wird gleichzeitig auf Sog, d. h. Exsufflation eingestellt und das Sekret wird herausgeschleudert.“ (Tiedemann, 2012)

Sollten diese Interventionen nicht ausreichen, bleibt die Möglichkeit eines Luftröhrenschnitts, um durch diesen Sekret absaugen zu können (Tracheostoma). Problematisch sind dabei das Fremdkörpergefühl im Hals und die Beeinträchtigung der Lautbildung, die das Sprechen einschränkt. Demgegenüber steht jedoch eine effektive Befreiung von Sekret.

Beatmung

Eine durchgehende oder teilweise Beatmung kann notwendig werden, wenn andere Maßnahmen nicht genügen oder sie zumindest entlasten soll. In Kombination mit oben vorgestellten Interventionen erfolgt die Beatmung meistens nachts, damit sich die Atemmuskulatur im Schlaf erholen kann. Je nach Lähmungshöhe wird auf unterschiedliche Beatmungsmethoden zurückgegriffen:

  • Liegt eine ausreichende Fähigkeit zum Husten und zur Spontanatmung vor, können Patienten per Maske Unterstützung bei der Atmung bekommen, etwa bei Atemstillständen im Schlaf (Schlafapnoe). Die korrekte Anpassung einer Maske, deren Selbststeuerung und Anleitung Angehöriger und Pflegender ist komplex und sollte stationär durch geübtes Fachpersonal sichergestellt werden. „Dank batterieunterstützter kleiner Geräte wird dem Patienten unter nicht invasiver Beatmung eine größtmögliche Mobilität ermöglicht. Selbst Reisen in ferne Länder sind möglich.“ (Zäch/Koch, 2006)
  • Kann das Zwerchfell gar nicht mehr eigenständig aktiviert werden, kann dies nur durch eine sofortige Beatmung aufgefangen werden, die fortan rund um die Uhr aufrechterhalten werden muss. Eine invasive Beatmung über eine Trachealkanüle schafft einen künstlichen Luftweg, mit dem die Atmung gesichert und zugleich ein Zugang zum Absaugen von Sekret ermöglicht wird.

klein 121424467Copyright Aletia, 2013. Mit Genehmigung von Shutterstock.comAlle unterstützenden Maßnahmen sollten über diagnostische Untersuchungen, etwa die Blutgasanalyse, im Anschluss auf ihre Wirksamkeit überprüft werden. Entscheidend ist das größtmögliche subjektive Wohlbefinden. „Wenn der Patient abschließend äußert, dass es ihm gut geht, kann davon ausgegangen werden, dass die pflegerischen Interventionen erfolgreich waren.“  (Tiedemann, 2012).

 

 

 

 

 

 

 

Fragen & Kommentare

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  1. Thomas Lackner 14.05.2014, 07:07 Uhr

    Sehr geehrte Frau Hahn, als Stimm- und Sprechtrainer ist bei mir letztens im Rahmen eines Workshops die Frage nach Stimme und Querschnittslähmung aufgetaucht. Als Beispiel wurde Samuel Koch genannt, der jetzt nach seinem Unfall weiter seinem Schauspielstudium nachgeht und auch mit Lesungen auftritt. Trotzdem fällt mir beim Zuhören eine gewisse Kurzatmigkeit auf. Darf ich fragen, inwieweit man eventuelle Lähmungserscheinungen des Zwerchfells kompensiert. Mit Brustatmung? Und gibt es da, auch je nach Ort der Verletzung (Wirbel) graduelle Abstufungen. Können auch die Stimmlippen selber direkt betroffen sein, oder „nur“ durch die Verschleimung der Lunge. Sie sehen, ich hätte Fragen über Fragen. Vielleicht könnten Sie zum Thema Stimme und Lähmung ein bisschen etwas schreiben. Vielen Dank, Thomas Lackner

    • Nikola Hahn 14.05.2014, 13:26 Uhr

      Guten Tag Herr Lackner,
      vielen Dank für Ihren Kommentar zum Beitrag „Atemproblematik“. Wir greifen Ihre Fragen gern auf und widmen uns der besonderen Thematik in einem separaten Artikel. Bis zum Erscheinen bitten wir Sie noch um etwas Geduld.
      Viele Grüße
      Nikola Hahn

  2. Sybille Mössinger 21.08.2013, 08:32 Uhr

    Den Artikel fand ich sehr hilfreich, jedoch würde mich noch interessieren, was ich bei akuter Atemnot machen kann. Zum Beispiel, wenn man unterwegs ist und keine Lagerung im Bett möglich ist. Und kann man die Lunge auch ohne Sport trainieren?
    Grüße Sybille

    • Nikola Hahn 26.08.2013, 11:57 Uhr

      Guten Tag Frau Mössinger,
      wir freuen uns, dass der Artikel zur Atemproblematik hilfreich für Sie war.
      Atemnot kann sehr unterschiedliche Ursachen haben, die ärztlich abgeklärt werden sollten. So könnten Schwellungen oder Fremdkörper im Bereich der Atemwege das Atmen erschweren. Menschen mit Schluckstörungen z. B. haben ein erhöhtes Risiko, dass etwa Nahrungsbestandteile in den Luftwegen steckenbleiben und nicht abgehustet werden (stille Aspiration). Mithilfe von Logopäden können Betroffene den Schluckvorgang in einer Schlucktherapie trainieren und damit u. a. Atembeschwerden vorbeugen (Weitere Informationen dazu finden Sie auch in der Rubik „Para- & Tetraplegie“ unter „Weitere Themen“ in dem Artikel „Schluckfunktionsstörungen“).
      Dem Aufbau eines stabilen Bronchialsystems dient zunächst die Atemtherapie, die auch Atemübungen zur Verbesserung der Lungenkapazität umfasst:
      – Atemgymnastik soll helfen, eine geeignete Atemtechnik zu erlernen. Hierzu gibt es Trainingsgeräte, die die Übungen in ihrer Wirkung unterstützen. Sie zeigen z. B. Luftvolumen und Strömungsgeschwindigkeit an (Spirometer), sodass Fortschritte kontrolliert angestrebt werden können.
      – Ein Atemtraining zur Verbesserung der Lungenkapazität stärkt die Brustmuskulatur und fördert die Bauchatmung, z. B. über das Atmen gegen Widerstand. Die „Lippenbremse“ beispielsweise ist eine Atemtechnik, die Menschen „bei Atemnot durch verengte Bronchien verwenden sollen“ (Abteilung für Physiotherapie, Kreiskrankenhaus Bad Reichenhall: Atemtherapie in Theorie und Praxis, auf: http://www.kliniken-suedostbayern.de, Bad Reichenhall, 2005)
      Die Therapie von Schluck- oder Atembeschwerden sollte einerseits das Auftreten von Beschwerden soweit wie möglich reduzieren und andererseits Handlungsoptionen aufzeigen, die angewandt werden können, falls es doch dazu kommt. Was konkret helfen kann, muss für den Einzelfall durch Fachkräfte wie z. B. Logopäden oder Atemtherapeuten festgestellt werden. Ergänzend zu einer Atemtherapie könnten Entspannungstechniken etwa bei Muskelverspannungen hilfreich sein. Betroffene sollten immer auch auf ausreichend weite Kleidung achten, damit die ohnehin beeinträchtigte Atemfunktion nicht noch zusätzlich belastet wird (Weitere Informationen zu Atemtechniken und anderen vorbeugenden Maßnahmen zum Schutz der Atemorgane finden Sie auf diesem Portal auch in dem Artikel „Lungeninfektionen und Pneumonien vorbeugen“).
      Viele Grüße
      Nikola Hahn