Extremsportlerin Silke Pan: „Wenn ein Ereignis meinen Lebensweg kreuzt, dann habe ich sicher auch die Kraft, das durchzuziehen!“

Ein Bergsee. Felsen, eine Gletscherkante. Im bitterkalten, grauen Wasser: Eine strahlende Frau. Das Foto zeigt Silke Pan. Ehemalige Trapezkünstlerin, nach einer Querschnittlähmung Leistungs- und Extremsportlerin, Ballonkünstlerin, Mitentwicklerin eines Exoskeletts, positive Ausstrahlung in Person.

Nicht nur im eiskalten Bergsee – Pan trägt auf jedem Foto dieses Lächeln. Im Netz gibt es unzählige Videos über ihre sportlichen Höchstleistungen und über ihre Aktivitäten (eine Auswahl findet sich auf Pans Youtube-Kanal). Und auch dort strahlt sie, nach einer Extremtour genauso wie bei Fragen zu dem Trapezunfall, bei dem ihre Wirbelsäule brach.

Bellyjak, Handbike, Schwimmen, Rennrollstuhl: Pan legt oft extreme Distanzen zurück – manchmal auch unter extremen Bedingungen.

Was treibt diese Frau an? „Wenn man sich weiterentwickeln will, wenn man stimuliert sein möchte, dann muss man auch ein gewisses Risiko eingehen. Aber nicht blauäugig und unvernünftig – ein Risiko, das überlegt ist, bringt uns weiter. Ich treffe immer wieder Menschen, die Dinge machen, die ich nicht kann, aber die ich toll finde. Und dann sage ich mir: Ich mach das jetzt, ich probiere das!“, erzählt Pan. „Wenn ich auf Menschen stoße, die etwas machen, das mich interessiert, dann knie ich mich rein, entdecke Werkzeuge, die mir helfen, mein Leben anders zu sehen und voranzutreiben.“

Pan ist ausgebildete Artistin. Körperbeherrschung und die Lust an der Herausforderung spielten in ihrem Leben immer eine große Rolle: „Schon als Kind hatte ich den Drang, durch meinen Einsatz das Unmögliche zu schaffen. Beim Turnen wollte ich unbedingt Übungen probieren, die mich beeindruckten. Schon damals sagte ich mir: Ach: Das macht mir Angst, das will ich tun. Ich wollte die Angst zerstören, indem ich es tue. Das war auch beim Turnspringen so. Hatte immer Lust, zu sehen, zu probieren, zu testen: Wie weit kann ich kommen? Es hat mir immer wieder eine Befriedigung gegeben, etwas zu erreichen, von dem ich noch vor zwei Wochen sagte: Das kann ich nicht!“ sagt sie im Telefoninterview. „Als Kind, als Artistin, als behinderte Person habe ich die Lust, die Grenzen auszufühlen. Ich sage mir immer wieder: Wenn da jetzt ein Ereignis auf meinem Lebensweg ist, dann habe ich sicher auch die Kraft, das durchzuziehen.“

„Der Unfall war einfach ein schlechter Zufall“

Silke Pans erste Karriere: Artistik und Luftakrobatik

2007 gab es so ein Ereignis auf dem Lebensweg: Mit ihrem späteren Mann, dem Artisten Didier Dvorak, studiert sie eine neue Trapeznummer ein. Pan stürzt rund vier Meter in die Tiefe, ihr Schädel und der elfte Brustwirbel brechen: „Mir war von Anfang bewusst, dass so etwas passieren kann, so ist der Beruf. Als Akrobatin wusste ich sehr genau, dass mein Mann nicht „Schuld“ war, wir waren ja als Duo in der Luft – es war einfach ein schlechter Zufall. Der Sturz hat sein Leben verändert und meines. Er sah mich liegen, wusste nicht, ob ich noch lebe … er rief, ich habe nicht geantwortet, das war für sein Herz sehr schwierig.“

Ab diesem Lebensereignis stellt und beantwortet sich das Paar nur noch eine Frage: „Was jetzt?“. Als Vollblutartisten bleiben sie Artisten – Silke ab jetzt eben im Rollstuhl. Die beiden gründen ein Unternehmen für Ballonkunst und gestalten u. a. riesige Skulpturen aus Ballons, für die sie – ohne Superlative geht es scheinbar kaum – einen Eintrag ins Guinnessbuch der Weltrekorde bekamen.

Daneben entdeckt Pan ihre Körperlichkeit neu: „Am Anfang im Rollstuhl dachte ich mir: Ich kann nichts mehr machen. Ich fühlte mich total eingeschränkt.“ Nach den ersten Erfolgen im Handbike merkte sie: „Ich habe eine Behinderung, kann mich aber trotzdem noch bewegen. Ich hatte ja schon immer probiert, Sachen mit meinem Körper zu machen, und jetzt machte ich das wieder – obwohl man mir sagte, dass ich dies und jenes als querschnittgelähmte Frau nicht machen könne.“

Konnte und kann sie sehr wohl: Im Handbike gewinnt die gebürtige Deutsche zweimal in Folge den Giro d´Italia, 2019 fährt sie wieder ganz vorne mit. Gehört zunächst zum deutschen paralympischen Kader, will nun als Neu-Schweizerin für ihr neues Heimatland 2020 bei den Paralympics in Tokio starten. Seit 2017 trägt sie den Meistertitel „Grand Maître Honorifique de la Confrérie des 7 Majeurs“ – als erste Behindertensportlerin, die hintereinander die sieben Alpenpässe der franko-

Mit dem Handbike hat Pan bereits etliche Alpenpässe und die Pyrenäen überquert.

italienischen Alpen („7 Majeurs“) mit jeweils über 2000 Höhenmetern überwunden hat. Zuvor überquerte sie mit dem Handbike bereits 13 Schweizer Alpenpässe.

Aufsehenerregende Extremtouren

Und 2019? Da lebte sie neben dem Handbiking ihre neu entdeckte Begeisterung für den Triathlon aus: „Mich haben ein paar Schweizer Athleten gefragt, ob ich nicht einen Triathlon machen will. Erst wollte ich nicht, weil ich nicht so viel Erfahrung mit Schwimmen und im Rennrollstuhl hatte. Aber dann habe ich halt zugesagt. Ich wollte einfach die Erfahrung haben. Vor allem musste ich Schwimmen trainieren, was mir am Anfang richtig schwer fiel. Im Wasser hatte ich immer irgendwie Spastik, das war ein Problem. Bis ich den Trick gefunden habe, einen dicken Taucheranzug zu tragen, dann gingen die Beine nicht mehr so stark nach unten.“

Pans Einstieg in die Triathlon-Szene. Nach einigen „normalen“ Triathlons will sie wieder weitergehen, sehen, was möglich ist. Pan beginnt, Extrem-Touren zu fahren: „Das bringt mir viele Emotionen, viel für mich selbst. Anders als bei einem Rennen sind das ja nicht nur ein paar Kilometer, sondern ich muss tagelang meine Motivation halten. Da wachse ich über mich hinaus. Ich will so weit kommen, wie ich möchte, ganz ohne diesen Wettkampfdruck, bei dem jede Sekunde zählt.“

Furore macht sie im Sommer 2019 mit ihrer Le Tour des Lacs (Seentour): Mit dem neuen Schweizer Pass will sie ihre neue Heimat erfahren. Sie beschließt, alle größeren Schweizer Seen zu durchqueren und die Strecken dazwischen mit der Kraft ihrer Arme zurückzulegen. Am Ende werden aus 26 geplanten Seen 30, insgesamt legt Pan in zwei Wochen schwimmend, im Bellyak, im Handbike und im Rennrollstuhl über 1000 Kilometer zurück und überquert 10 Pässe.

Gestartet ist sie am Tag nach dem Genfer Triathlon, an dem sie – natürlich – auch teilnahm. „Allein der Triathlon ist ja schon extrem anstrengend, aber ich konnte keinen Rückzieher mehr machen, ich sollte da ja starten, um zu zeigen, dass auch bei diesem Sport Inklusion möglich ist.“ Und ihre Tour wollte sie auch durchziehen, schließlich hatte sie schon viel Training und Vorbereitung investiert: Sie musste Begleitboote organisieren, Übernachtungsmöglichkeiten und einen Zeitplan: „Wenn ich nachts um 11 ins Hotel komme, dann ist mein Tag ja nicht zu Ende. Ich habe ja diese Behinderung und dann beginnt meine Pflege, die ganze Blasen-Darm-Sanierung, das kann ja auch noch einmal Stunden dauern.“ Immerhin: Anders als bei einer früheren Pyrenäen-Überquerung (28 Pässe, zehn Tage, 800 Kilometer) hatte sie dieses Mal einen Physiotherapeuten an ihrer Seite, der ihr half, wenn die Schmerzen zu schlimm wurden.

Ihr Motto auch hier: „Nur noch in der Gegenwart leben, einfach positiv durchziehen, nicht mehr hadern. Und dann habe ich einfach einen Tag nach dem anderen durchgezogen.“ Die Bergpässe, die weiten Strecken und auch das Wasser: „Die Bergseen waren so kalt! Ich war verschwitzt, bin ja gerade erst den Berg hochgefahren, beim Handbike spürt man die Hitze besonders, man liegt ja so nahe am Asphalt. Und dann kamen zwischendurch die Seen, die vier bis sechs Grad kalt waren, an den Seiten lagen noch Eis und Schnee. Das war ein Schock! Aber ich wollte das, ich hatte mir das ja vorgenommen. Also bin ich in meinem Taucheranzug ganz schnell geschwommen, um meine Temperatur zu halten.“
Am Ende, in Lugano, musste sie dann sogar noch zwei Ehrenrunde drehen: Sie kam einen Tag früher an als geplant und schwamm dann nochmals die volle Etappe, um am offiziell geplanten Tag offiziell anzukommen. Und dann noch mal ein kleines Stückchen hin und zurück, um pünktlich zum Bürgermeister-Empfang am Ufer anzukommen.

Weiterentwicklung eines Exoskeletts

Ihre Zähigkeit, ihr Wille, mehr zu erreichen als scheinbar möglich ist und die Bereitschaft, Dinge einfach mal auszuprobieren, ebnete Pan auch den Weg zu einem ihrer weiteren großen Projekte: Die 46-Jährige arbeitet mit der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne EPFL zusammen, um ein Exoskelett namens Twiice

weiterzuentwickeln, mit dem sie u. a. beim ersten Cybathlon 2016 antrat, einem Wettkampf, bei dem sich Menschen mit Körperbehinderung „beim Absolvieren alltagsrelevanter Aufgaben mittels modernster technischer Assistenzsysteme messen“ (siehe auch: Der Cybathlon – Bionische Spiele).

„Die Ingenieure wollten, dass ich diese ganzen Bewegungen ausprobiere, die das Exoskelett können sollte und ihnen sage, was okay ist und was mir schwer fällt, damit sie das Exoskelett anpassen können und es tragbar wird für eine paraplegische Person. Am Anfang war das schwer, die Schritte zum Beispiel sehr zackig, Ich bin immer wieder umgekippt. Auf meine Anregung hin wurden dann Sensoren auf dem Arm eingeführt, die mir Meldung machen, wo mein Fuß gerade ist und ich nicht immer nach unten schauen muss.“ Irgendwann hat sie auch hier das nächste Level erreicht und wieder eine Herausforderung geschafft: Sie ist nach neun Jahren im Rollstuhl auf eigenen Beinen eine Treppe hochgelaufen.


Wer selbst aktiv werden möche (es muss ja nicht gleich im Pan-Style sein): Informationen zu einigen der genannten Sportarten gibt es in den Beiträgen

Mehr Informationen zu Silke Pan auf ihrer Homepage und ihrem Facebook-Auftritt

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