Im Rollstuhl im Regen unterwegs: Diese Kleidungsstücke halten dicht

Bei 130 Regentagen im Jahr bleibt Menschen mit Querschnittlähmung nur, über das ständige Schietwetter zu jammern und/oder sich die passende Regenbekleidung zuzulegen. Auf dem Markt finden sich diverse Varianten und Kombinationen, um den Regenschutz den eigenen Mobilitätsmöglichkeiten anzupassen.

1. Der Oberkörper

Neben Regenjacken, deren Schnitt für Rollstuhlnutzer optimiert wurde,  sind Ponchos die klassische Regenkleidung: Sie sind schnell überzustreifen und schützen einen Großteil des Körpers. Und falls es nicht regnet – was in Deutschland immerhin an fast zwei Dritteln des Jahres der Fall ist – sind die Ponchos schnell verstaut und nehmen nicht allzu viel Platz weg.

Die Redaktion hat bei zwei Experten für Rollstuhlbekleidung nachgefragt, worauf Rollstuhlnutzer beim Kauf eines Ponchos achten sollten. Die Rolko Kohlgrüber GmbH beliefert ausschließlich den Fachhandel, Rollstuhlbekleidungspionier Rollimoden verkauft auch an Endverbraucher. (Mehr Informationen auch zu anderen Produzenten und Anbietern im Beitrag: Mehr als nur praktisch: Kleidung für Rollstuhlstuhlfahrer)

Hier zusammengefasst die Empfehlungen der Fachleute:

• Die Form der Ponchos richtet sich nach den motorischen Fähigkeiten des Trägers und nach der Art des verwendeten Rollstuhls. Ponchos mit Ärmeln sind optimal für Rollstuhlnutzer, die sich mit ihrer Armkraft vorwärtspushen. Zudem erfordert das Überziehen eines Ärmel-Ponchos eine gewisse Beweglichkeit des Oberkörpers und der Arme. Überhänge ohne Ärmel sind dementsprechend für Menschen entworfen, die im Rollstuhl geschoben werden. Für Scooter-Nutzer und E-Rollstuhl-Fahrer gibt es eigene, auf das jeweilige Gefährt konfektionierte Überhänge.
• Das Material sollte – natürlich – hochwertig und regendicht und dennoch relativ dünn und leicht sein. So wird unnötiges Gewicht gespart und der Poncho kann bequem in einer Aufbewahrungstasche immer mit dabei sein.
• Wichtig: Die Nähte. Diese sollten verschweißt, bzw. wasserdicht sein. Wer hier spart, sitzt relativ schnell mit durchnässten Schultern im Regen.
• Innenleben: Ein Futter aus Baumwollstoff hat eine zusätzliche, wärmende Wirkung. Ärmel, die mit einem Netzstoff gefüttert sind, bieten mehr Bewegungsfreiheit; zudem schwitzt man weniger.
• Ausstattung: Reißverschlüsse, die von innen und außen bedienbar sind, bieten Vorteile. Leicht erreichbare Taschen erhöhen den Komfort, Reflexstreifen die Sicherheit.

Regencape Marine von Rollimoden

Regenponcho von Rolko.

Und: Das Rückenteil des Umhangs sollte Aussparungen für die Schiebegriffe haben.

Damit man im Rollstuhl nicht wie das Schlossgespenst im wallenden Umhang unterwegs ist, lohnt sich ein Blick auf die Verschlussvarianten: Einige Ponchos sind mit einem Rundum-Gummizug ausgestattet.

Dadurch kann das Cape über Fußrasten, Arm- und Rückenlehne gespannt werden. Andere arbeiten mit partiellen Gummi- oder Kordelzügen, z. B. an den Fußteilen, um für einen optimalen Sitz zu sorgen. Bei anderen lässt sich die Beinschürze mit Bändern verschließen (mehr zum Thema Schutz der Beine und Füße: siehe unten). Gibt es keine Klettverschlüsse, Bänder oder Gummizüge kann man überflüssigen Stoff auch einfach seitlich in den Rollstuhl schoppen,  riskiert dabei aber, dass der Po seitlich ein bisschen nass oder feucht wird. Bei der Auswahl des jeweiligen Verschlusssystems sollte zudem darauf geachtet werden, ob man als mobiler Rollstuhlfahrer den Poncho ohne allzu großes Gehuddel selbst anziehen kann und ob es im umgekehrten Falle für einen Außenstehenden leicht ist, den Poncho dem Rollstuhlnutzer überzuziehen und ihn zu verschließen. Angesichts des riesigen Angebotes lohnt sich eine ausgiebige Netzrecherche – oder ein Beratungsgespräch mit den Fachleuten aus dem Sanitätshandel.

2. Oberschenkel und Beine

Wer sich für die klassische Regenjacke (oder ein kurzes Cape) entscheidet, benötigt vermutlich einen separaten Schutz für die Oberschenkel und Beine. Viele Varianten sind auf dem Markt, hier seien nur einige exemplarisch genannt:

Regenschürze von Rolko

Von Rolko gibt es eine Regenschürze, die einfach über Beine und Füße gelegt wird. Die Schürze wird am Rollstuhlrahmen mithilfe von elastischen, weichen Bändern und Druckknöpfen befestigt. Farbe: Blau, Gewicht: 1,1 kg. Preis: Im Netz für ca. 30 Euro gefunden.

Beinschutz von Rollimoden, kombiniert mit einer Regenjacke.

 

Auch Rollimoden hat mehrere Modelle für den Beinschutz im Katalog, z. B. ein Modell in braun: Atmungsaktiv, wasserdicht (Wassersäule 10.000 mm), mit Reflexstreifen. Material: 100% Polyester. Der Preis: 59,90 Euro zzgl Versand.

 

 

 

 

 

 

Der outdoor-orientierte niederländische Hersteller Kinetic Balance hat zwei Regenschutzhüllen für die Beine im Programm – der Hersteller selbst spricht von „Regenjacken, die für die Beine gedacht sind“. Das sog. Raindek® ist so konzipiert, dass Beine, Leiste und das Sitzkissen trocken bleiben. Das Raindek® gibt es in zwei Längen: Bis über die Knie oder bis zu den Knöcheln. Die Füße bleiben unbedeckt.

Der Regenschutz wird mit einem Gurt an der Taille und einem Gurt in den Kniekehlen (in der langen Version noch an den Knöcheln) befestigt, das An- und Ausziehen dauert so weniger als eine Minute – so verspricht es das Produkt-Video:

Nach Gebrauch lässt sich der Regenschutz sich in einen kleinen Beutel ähnlich einem Federmäppchen verstauen.

6 Farben, 5 Größen. Material: 100 % Nylon, TPU-Membrane (TPU-Membrane machen Stoffe wasserdicht und halten sie zugleich atmungsaktiv). Gewicht: 1 kg. Preis: 64, bzw. 84 Euro zzgl. Versand.

Auch RehaDesign, die Firma eines US-Amerikaners, bietet einen Schlupfsack aus leichtem, dünnem Material, der auf Handflächengröße zusammenlegbar ist und in seinem eigenen kleinen Beutel in der der Rolli-Tasche nicht viel Platz wegnimmt.
Das Rayne Shield besteht aus zwei Teilen – einem Schutz für den Schoß und einem Schlupfsack, der Beine und Füße bedeckt. Der Regenschutz wird mit Gurten befestigt und ist innerhalb kürzester Zeit übergezogen, wie folgendes Video zeigt:

Der Rayne Shield ist in sechs verschiedenen Farben erhältlich. Keine Angaben zum Material. Die Schutzhülle kann direkt bei RehaDesign bezogen werden, die Kosten liegen bei 45 Euro inkl. Versand.

(Für Informationen zum Thema wärmende Schlupfsäcke siehe auch: Die stecken die Kälte weg: Sechs Punkte, die Querschnittgelähmte über Schlupfsäcke wissen sollten.)

3. Die Füße

Beispiel für einen Überschuh – hier  ein „Bike Gaiter“ von Vaude. Preis: Ca. 24 Euro.

Wer sich für einen Poncho oder eine Regenschürze ohne Fußteil entscheidet, muss entweder mit nassen Füßen leben, wasserdichte Schuhe tragen oder auf Überschuhe setzen. Viele Handbiker, die regelmäßig trainieren, oder auch Leute, die mit ihrem Outdoor-Rollstuhl viel in der Natur unterwegs sind, schaffen sich für Schlecht-Wetter-Tage Überziehschuhe an (Handbiker natürlich eine Gamasche, die auch an den Sohlen geschlossen ist). Derartige wasserdichte Schuhe gibt es u. a. im Motorrad- und Radsportbedarf. Die Gamaschen halten die Füße, Knöchel und den unteren Teil des Unterschenkels trocken. Gemacht sind sie u. a. aus wind- und wasserabweisende Stoffen, sie sind mit PVC beschichtet sind oder aus Neopren gefertigt.

Geschlossen werden die Überschuhe meist mit Reißverschluss oder Klettverschlüssen. Nachteil: Die Passform ist mitunter nicht optimal, ein Nutzer hat der Redaktion erzählt, dass er beim Umsetzen der Füße genau aufpassen muss, wie er den Fuß samt Gamasche auf dem Boden platziert – „aber im Handbike ist mir das egal, da leg ich den Fuß ja nur einmal ab.“ Den anderen Tipp, im Notfall – wenn Schuhe und Hosensaum trocken bleiben sollen, weil man keine Möglichkeit hat, seine Bekleidung zu wechseln – die Füße in Müllbeutel zu stecken und diese zuzukleben, geben wir aus Chronistenpflicht ebenfalls weiter. Keine sehr nachhaltige Lösung und nichts für Ästheten, aber Füße, Knöchel und Hosenbeine bleiben auch mit dieser Methode trocken.

4. Die Ärmel

Beispiel für einen Ärmelschoner auf dem landwirtschaftlichen Fachbedarf. In diesem Fall von Kerbl. Preis: Ca. 10 Euro.

Klar: Ponchos und Regenjacken halten auch die Arme trocken. Dennoch sei zum Schluss noch eine Produktgruppe vorgestellt, die speziell die Ärmel schützt: Ärmelschoner. Die Stulpen für die Unterarme gibt es in vielen Varianten im Sanitätsfachhandel, aber auch bei Spezialanbietern für den landwirtschaftlichen Bedarf. Praktisch sind die Schoner u. a. dann, wenn man nach dem großen Regen unterwegs ist. Denn sie schützen den Jackenärmel vor hochspritzendem Wasser und Schmutz.

5. Kopf und Schultern

Für Menschen, die den Regenschutz nicht direkt am Körper tragen wollen, gibt es zudem eine Fülle an Regenschirmen, die speziell für Rollstuhlnutzer konzipiert wurden. Einen Überblick bietet der Beitrag: Schutz vor Regen und Sonne: Schirme und Dächer für den Rollstuhl.

 


Alle genannten Preise: Stand November 2019. Der Text erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, die gezeigten und genannten Produkte stellen keine Empfehlung dar. Hinweise zu weiteren Herstellern und Produkten nimmt die Redaktion gerne unter info@der-querschnitt.de entgegen.

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