Reini Sampl: Mit Querschnittlähmung im Rallye-Cockpit

„Manchmal kommen Kunden in mein Fahrsicherheitstraining und ich spür´, dass die denken: Was soll dieser Rollstuhlfahrer mir jetzt schon groß beibringen?“ Dann setzt sich Reinhold „Reini“ Sampl zu ihnen ins Auto und die Frage beantwortet sich quasi im Tiefflug von selbst. Denn Sampl, seit einem Skiunfall querschnittgelähmt, gibt nicht nur Trainings, sondern mischt auch als Pilot im Rallyesport weit vorne mit.

„Ich bin in der Rallyeszene ein Exot“, sagt der querschnittgelähmte 46-Jährige. „In meiner Klasse, dem Rallyecross, fahren wir in kleinen Gruppen Sprintrennen gegeneinander. Das ist superschnell, sehr kurz und herausfordernd. Da bin ich der Einzige, der mit einem Handicap startet“. Im ersten Jahr fuhr er in der Titans RX-Serie im Mittelfeld der Europa-Elite mit, bei der Niederbayern-Rallye in der M1-Klasse war er der Schnellste.

Höchste Konzentration bei Höchstgeschwindigkeit: Sampl als Pilot im Rallye-Cockpit.

Damit er sich in einem Feld aus Menschen ohne Handicap durchsetzen kann, braucht Sampl neben Können auch Technik: Sein Rennwagen ist mit Adaptionen für Querschnittgelähmte ausgestattet, die wiederum noch einmal für den Rennsport adaptiert wurden. Eine Win-win-win-Situation für Sampl, für den Autohersteller, dessen Markenbotschafter er ist, und für Endverbraucher mit Querschnittlähmung, denn „ich unterstütze Audi, wenn es darum geht, neue Adaptionen zu entwickeln. Im Rallyesport wird das Material natürlich viel stärker belastet als im Alltag, meine Erfahrungen mit den einzelnen Komponenten fließen dann wieder in die Adaptionen für den Alltagsfahrer ein.“ (Mehr Informationen über Adaptionen im und rund ums Auto im Beitrag „Was im Fahrzeugumbau heute möglich ist“)

„Du musst zielorientiert und fokussiert sein“

Gleich geht´s ins Cockpit.

Sampl hat einen ausgeprägten Hang zur Schnelligkeit: mit vier Jahren gewinnt er sein erstes Skirennen, mit Anfang 20 ist er ein junger, dynamischer Skifahrer. Bis er bei einem Trainingslauf mit hoher Geschwindigkeit über eine Kuppe fährt und hart landet (siehe auch Sampls Biografie). Querschnittlähmung ab dem 12. Brustwirbel. „Mir wird immer wieder die Frage gestellt, ob ich nach dem Unfall nicht in ein tiefes Loch gefallen bin. Aber ich habe dafür gesorgt, dass ich dafür zu beschäftigt war. Ich habe mich den Herausforderungen gestellt und hart daran gearbeitet, sie zu meistern.“

Passend zu seinem Naturell absolviert er auch die Erst-Reha in kurzer Zeit und kann drei Monate nach seinem Unfall wieder nach Hause: „Ich bin ein zielorientierter Mensch und war es schon damals. Ich habe immer mehr gemacht als den Standard“, sagt der 46-jährige, „Dafür braucht es eine gewisse Härte, nein, besser sagt man wohl: Dafür musst Du zielstrebig und fokussiert sein. Ich habe im Rehazentrum gelernt, dass ich diese Extra-Übungsstunden nicht für den Therapeuten mache, sondern für mich. Mir war bald klar: Je mehr Zeit ich jetzt in meine Reha investiere, desto früher kann ich nach Hause und mein neues Leben beginnen. Ich habe viel Zeit und Quälerei investiert, um möglichst viel zu profitieren, in meinem Fall habe ich vier Monate Leben gewonnen, weil ich nur drei statt geplanter sieben Monate im Rückenmarkszentrum war.“

Volle Leistung auch im Parasport

Sampl mit einigen seiner Mitstreiter/Konkurrenten.

Ganz glatt, einfach und ohne seelische Blessuren lief die Reha jedoch nicht, der junge Spitzensportler brauchte Zeit, um sich mental auf die Veränderungen durch die Querschnittlähmung einzustellen: „In der zweiten Woche nach dem Unfall kam ein Peer an mein Bett und wollte mir erzählen, was für tolle Rollstuhlsportarten es gibt. Für mich war das nichts, ich dachte nur: Spinnt der? Das interessiert mich jetzt gerade überhaupt nicht!“

Auf Behindertensport wollte der vormalige Spitzensportler sich auch Wochen später nicht einlassen: „Mir hat die Motivation gefehlt. Behindertensport hat sich für mich angehört wie das Herumrutschen auf einem Idiotenhügel.“ Irgendwann hat er doch dem Peer geglaubt – „für mich war das damals eine Riesenherausforderung, zu erkennen, dass auch Parasport eine Wertigkeit hat. Und irgendwann – genauer gesagt: recht schnell, was sonst? – hat ihn der Parasport dann doch gepackt. (Mehr zum Thema Parasport im Beitrag Sporttherapie in der Rehabilitation von Querschnittgelähmten)

Er fing mit Basketball an. Mit seiner Mannschaft, dem Rolli-Basketballteam Salzburg, wurde er mehrfacher Österreichischer Meister und erreichte im Europacup einen beeindruckenden 5. Rang. Ein Jahr nach dem Unfall war er mit einem Mono-Ski wieder auf der Piste und kehrte rasch ins Lager der Leistungssportler zurück. Sampl wurde in Österreichs Nationalteam aufgenommen und vertrat sein Land sogar bei den Paralympics in Salt Lake City. Ganz schnell, was sonst, baut Sampl auch sein Sommertraining – Handbiken – zur erfolgreichen Leistungsdisziplin aus. Er gewinnt mehrfach internationale Rennen, hält sogar einen Weltrekord, weil er die Strecke der „Tour de Mur“ über 340 km in nur 10 Stunden und 43 Minuten bewältigte.

„Wegen einer Grippe jammere ich bestimmt nicht“

„Ich weiß, dass ich Punkt A, die Querschnittlähmung, nicht ändern kann, aber ich kann Punkt B ändern, ich kann mich weiterbilden, mich verändern, in jeder Lebenslage besser werden. Es bringt ja nichts, darauf zu warten, dass die Wand umfällt, wenn man auch an der Seite daran vorbei rollen kann. Ich durfte in meinem Leben viele geile Sachen ausprobieren, mein Land als Botschafter im Sport vertreten, ich habe Glück, ich kann mein Leben so leben, wie ich will.“

Dazu gehört für Sampl wohl auch die Arbeit: Er hat xsampl,  ein Modelabel für Rollstuhlfahrer und ein Fitness-Center gegründet, vermittelte Models in Rollstühlen und ist Generalimporteur für eine Reifenmarke. Vor einigen Jahren übernahm Sampl ein Zentrum für Winterfahrtraining und steht nun im Winter sieben Tage die Woche auf der Eisfläche und bringt Leuten bei, wie sie unter widrigen Bedingungen ihr Auto im Griff behalten. Manche sind skeptisch, wenn sie ihren Lehrer das erste Mal sehen – bis er ihnen zeigt, was er drauf hat, „danach ist der positive Lerneffekt noch größer.“

Kurz: Er schätzt und liebt und kostet das Leben aus, das er seit seinem Unfall führt. Erst durch die Querschnittlähmung habe er gelernt, „niemals anderen die Schuld für das Scheitern einer Idee zu geben. Durch meinen Unfall und all die anderen Verletzungen beim Skifahren wird man doch demütig und dankbar, weil man ja auch die andere Seite kennt. Man lernt, jeden Tag intensiver zu nutzen und zu schätzen, die Oberflächlichkeit fällt weg. Wegen einer Grippe jammere ich bestimmt nicht.“

Lieber macht er Pläne: Auf der großen To-do-Liste steht bei ihm nämlich noch das Projekt 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring, das er derzeit angeht. Sehr zielstrebig und fokussiert natürlich, wie alles in seinem Leben.

 

Fragen & Kommentare

Fragen & Kommentare zu diesem Artikel


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu hinterlassen.

Zur Registrierung geht es hier lang.