Meine Querschnittlähmung und ich: Wenn es kalt und dunkel ist

In den ersten beiden Monaten des Jahres gibt es Tage, da liegen Dunkelheit und Kälte wie ein großer, schwarzer (und müffelnder) Hund auf meinem Schoß und machen mich quasi handlungsunfähig. Da ich schon weiß, dass ich ein potentielles Opfer depressiver Verstimmungen sein kann, bin ich dieses Jahr entsprechend vorbereitet.

Um eines klarzustellen: ich habe keine Depressionen. Die sind nämlich eine ernste Sache und Menschen mit Depressionen gehören in ärztliche Betreuung und sollten nicht alleine mit Hausmitteln herumdoktern. Ich habe das checken lassen. Ich habe keine Depressionen. Aber meine Stimmung saust merklich in den Keller, wenn es draußen kalt und dunkel und die festliche Weihnachtsbeleuchtung aus den Fenstern und von den Straßen verschwunden ist.

Im Winter hab ich es mit meiner Querschnittlähmung schwerer

Ich beschwere mich über alles und jeden und vor allem über meine Querschnittlähmung, die mich im Winter wegen Temperaturdysregulation und Spastik mehr mitnimmt (und auch mehr nervt) als im Sommer. Ich beschwere mich allerdings nicht lautstark, denn dazu fehlt mir die Energie. Ich brummle mehr so unfreundlich vor mich hin und lass mich hängen, was meine Frau gar nicht sexy findet. Ich brauch deutlich länger für so ziemlich alles und ich schlafe viel mehr als in der hellen Jahreszeit. Gern auch mal tagsüber. Dies alles macht mich nicht gerade zu einem idealen Partner, meint meine Frau.

Dieses Jahr starte ich deswegen eine Gute-Laune-Offensive, die mich in eine wahre Stimmungskanone verwandeln sollte. Diese Offensive funktioniert ganz einfach mit Essen und Licht. Und weil draußen von letzterem so wenig zu holen ist, hab‘ ich jetzt – in Form einer Tageslichtlampe – quasi eine Zimmersonne für den Hausgebrauch.

Stimmungsoffensive mit Tageslichtlampen und Mood Food

Tageslichtlampen sind eine spannende Erfindung, die schon lange zu therapeutischen Zwecken eingesetzt werden. Dabei lässt man sich morgens (gleich nach dem Aufstehen) von 10.000 Lux bestrahlen – und das mindestens eine halbe Stunde. Zugegeben, ideal ist das nicht. Ich brauch morgens eh immer so lange, bis ich ausgehfertig bin. Aber die Mühe lohnt sich, denn das Extra-Licht steigert die Ausschüttung von Serotonin, ein Botenstoff im Gehirn, der wach macht und für gute Laune und mehr Wohlbefinden sorgt.

Teil 2 meiner Strategie ist das Essen von bestimmten Nahrungsmitteln. Mood Food (dt. etwa: Stimmungs-Essen) sind Nahrungsmittel, die für eine gute Stimmung sorgen sollen. Dazu zählen z. B. die Scharfmacher Chili und Ingwer sowie Schokolade, Fisch, Mandeln, Haferflocken und Hülsenfrüchte. Die ersten beiden setzten wegen ihrer Schärfe Endorphine frei (vermutlich weil man glücklich sein kann, dass man den Verzehr überlebt hat) und die anderen sind voll mit der Aminosäure Tryptophan, was wie Tageslicht für mehr Serotonin sorgt, oder gesunden Fetten, die ausgeglichen und stressresistenter machen. Und außerdem hab ich Spaß dabei mit den ganzen Zutaten, die so als „Mood Food“ gelistet werden, in der Küche zu experimentieren und neue Gerichte zu entdecken.

Vielleicht ist es der Placebo-Effekt, aber ich futtere leckere Sachen, als gäbe es kein Morgen, und verwende meine Tageslichtlampe, die ich Susi genannt habe, jetzt schon seit Ende November – und ich fühle mich deutlich besser als in den Jahren zuvor. Weniger müde. Weniger reizbar. Und weniger als würde ein seufzender, sabbernder Höllenhund auf meiner Brust sitzen – denn so einer hat in meiner Küche (und in meinem Leben) wirklich nichts verloren.

 


Die Kolumnenbeiträge sind inspiriert von Gesprächen der Redaktion mit Lesern. Alltagstipps, eine witzige Begebenheit, eine emotionale Begegnung, eine ärgerliche, aber typische Situation: Was die Leser von Der-Querschnitt.de beschäftigt, greifen die Redakteure gerne an dieser Stelle auf.

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