Fallstudie: Mit Stammzellen einen Schritt weiter zur Verbesserung der motorischen und sensorischen Fähigkeiten bei Querschnittlähmung

Laut einer Studie der Mayo Clinic in Minnesota, USA, scheinen Stammzellen, die aus dem Eigenfett eines Patienten gewonnen wurden, einen Schritt zur Verbesserung – nicht nur zur Stabilisierung – der motorischen und sensorischen Funktionen mehrere Monate nach Eintritt einer Rückenmarksverletzung zu bieten.

Zehn Erwachsene nahmen an einer klinischen Studie zur Behandlung von durch traumatische Rückenmarksverletzungen verursachte Querschnittlähmung teil. Nach der Injektion von Stammzellen zeigte der erste Patient eine Verbesserung der motorischen und sensorischen Funktionen, wobei keine signifikanten Nebenwirkungen auftraten, so ein in Mayo Clinic Proceedings veröffentlichter Fallbericht.

Als multidisziplinäre klinische Studie der Phase I testet die Studie die Sicherheit, die Nebenwirkungen und die ideale Dosis der Stammzellen. Erste Studienergebnisse zeigen, dass die Reaktion bei den Patienten unterschiedlich ausfällt. Das Mayo-Team plant, die Analyse der Patientenreaktionen fortzusetzen, und weitere Ergebnisse werden zu den anderen neun Studienteilnehmern veröffentlicht.

„In diesem Fallbericht war der erste Patient ein Super-Responder, aber es gibt auch andere Patienten in der Studie, die moderate Responder und Non-Responder sind“, sagt Neurochirurg und Studienerstautor Dr. Mohamad Bydon. „Eines unserer Ziele in dieser und künftigen Studien ist es, besser abzugrenzen, wer ein Responder sein wird und warum Patienten unterschiedlich auf Stammzelleninjektionen reagieren. Die bisherigen Ergebnisse könnten aber schon einigen Betroffenen Grund zur Hoffnung geben.”

Die Methode

Alle an der Studie teilnehmenden Probanden erhielten eine derzeit nur für die Forschung zugelassene Behandlung mit aus Fettgewebe gewonnenen Stammzellen.

Der im Fallbericht besprochene damals 53-jährige Patient, zog sich bei einem Sportunfall 2017 eine Querschnittlähmung im Halswirbelbereich zu. Folge waren ein kompletter Funktionsverlust unterhalb der Lähmungshöhe. Nach einer operativen Versorgung sowie Physio- und Ergotherapie während der anschließenden Rehabilitation, erlangte er sowohl motorische als auch sensorische Funktionen in allen Extremitäten zurück. Dieser Trend setzte sich allerdings nach sechs Monaten nicht weiter fort.

Neun Monate nach Eintritt der Querschnittlähmung, nahm der Patient an der vorliegenden Studie teil. Eigenfett wurde entnommen und innerhalb von zwei Monaten wurden 100 Millionen Stammzellen gezüchtet. Schließlich wurden die Stammzellen auf Lendenwirbelhöhe in das Rückenmark eingebracht.

Die Behandlung erfolgte erst, als während der Physiotherapie keine Funktionsverbesserung mehr stattfand, denn die Verantwortlichen wollten nicht, dass die natürliche Erholung, die bei Querschnittlähmung häufig vorkommt, die Ergebnisse verfälschte, sagt Dr. Bydon und fügt hinzu. “In diesem Fall wurde dem Patienten fast ein Jahr nach seiner Verletzung Stammzellen injiziert.”.

Verbesserungen 18 Monate nach Stammzelleninjektion

Nach der Injektion der Stammzellen wurden die Funktionen des Patienten 18 Monate lang regelmäßig überprüft und es kam zu erheblichen Verbesserungen bei physiotherapeutischen Anwendungen, z. B. konnte der Patient nach 15 Monaten eine Strecke von 10 Metern zu Fuß in 23 Sekunden gehen statt in zuvor fast 58 Sekunden.

Auch ergotherapeutische Verbesserungen wurden z. B. Greifstärke und Fingerfertigkeit erzielt, und neben der psychischen Verfassung des Patienten verbesserte sich ebenfalls die sensorische Wahrnehmung.

Die Stammzellen wandern von der Injektionsstelle zur höchsten Stufe der Entzündung auf Läsionshöhe, jedoch ist nicht ganz klar, wie die Zellen mit dem Rückenmark interagieren, sagt Dr. Bydon.

Als Teil der Studie entnahmen die Forscher allen Patienten Cerebrospinalflüssigkeit, um nach biologischen Markern zu suchen, die Hinweise auf die Heilung geben könnten. Biologische Marker sind wichtig, weil sie helfen können, die kritischen Prozesse zu identifizieren, die zu Rückenmarksverletzungen auf zellulärer Ebene führen. Neue regenerativen Therapien könnten so gefunden werden.

„Die regenerative Medizin ist ein sich entwickelndes Gebiet“, sagt Dr. Wenchun Qu, Physiotherapeut und Schmerzspezialist der Mayo-Klinik und Senior-Autor der Studie. „Wir stellen sicher, dass Patienten, die Stammzellen erhalten, umfassend über die Risiken, Vorteile, Alternativen und Unbekannten dieser Therapien informiert werden. Durch unsere klinischen Studien mit Stammzellen können wir die bekannten Verfahren verbessern.“

Weitere Studien sind erforderlich, um die Wirksamkeit der Stammzelltherapie bei Querschnittlähmung wissenschaftlich zu überprüfen. Wann oder ob dieses Verfahren die Zulassung der Food and Drug Administration (FDA) für die klinische Routineversorgung erhalten wird, ist unklar.

Siehe auch: Erst Erfolge bei Stammzellentherapie und Über die Heilung von Querschnittlähmung

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