Beatmungspatienten: Außerklinische Versorgung nur noch nach Facharzt-Verordnung?

Außerklinische Intensivpflege, zu der auch die Beatmung zählt, auf die viele Menschen mit Querschnittlähmung angewiesen sind, soll künftig an eine Verordnung durch besonders qualifizierte Ärzte geknüpft sein. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung zu Spahns geplanten Intensivpflegegesetz hervor.

Zum Hintergrund: Mitte 2019 stellte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn einen Entwurf für ein „Gesetz zur Stärkung von Rehabilitation und intensivpflegerischer Versorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung“ vor. Seither ist das geplante Gesetz in der Kritik. Im November 2019 legten einige Parlamentarier der Fraktion „Die Linke“ in einer sogenannten Kleinen Anfrage einen Katalog mit 25 Fragen vor, zu denen sie von der Bundesregierung Antworten forderten.

In ihrer Antwort betonte die Bundesregierung am 7. Januar 2020, dass eine Reform geplant sei mit dem Ziel, „die besonderen Bedarfe intensivpflegebedürftiger Patienten angemessen zu berücksichtigen sowie Fehlanreize zu beseitigen“. Ferner solle das Potenzial der Beatmungsentwöhnung im stationären Sektor ausgeschöpft werden, indem die Entwöhnung im Übergang zwischen akutstationärer zu ambulanter Behandlung gestärkt werde.

„Hinweise auf Fehlversorgung bei außerklinischer Behandlung von Beatmungspatienten“

Der Bundesregierung lägen, so die hier zitierte Vorabfassung der Antwort, „Hinweise auf eine bestehende Fehlversorgung im Bereich der außerklinischen Intensivpflege“ vor. Dies betreffe „insbesondere die ambulante Versorgung von Beatmungspatientinnen und Beatmungspatienten“. (Bitte beachten: Der Gesetzesentwurf, und damit auch die Antwort der Regierung, zielen auf die medizinische Versorgung aller Beatmungspatienten ab, nicht nur auf beatmete querschnittgelähmte Patienten).

So gehe laut Bundesregierung die Deutsche Interdisziplinäre Gesellschaft für Außerklinische Beatmung (DIGAB e.V.) in einem Positionspapier  zusammen mit anderen medizinischen Fachgesellschaften davon aus, dass „die Verordnung einer 24-stündigen ambulanten Intensivpflege wegen eines Tracheostomas mit oder ohne Beatmung in vielen Fällen nicht notwendig ist, da keine Indikation für ein Tracheostoma bzw. eine invasive außerklinische Beatmung“ bestehe. Nach Expertenansicht, so die Bundesregierung, werde „das Potenzial zur Beatmungsentwöhnung bzw. Entfernung des Tracheostomas (Dekanülierung) bei Patientinnen und Patienten, die außerklinisch intensivmedizinisch versorgt werden, derzeit nicht ausreichend ausgeschöpft“.

In diesem Punkt sieht die Regierung Handlungsbedarf: „Die Beatmungsentwöhnung im Übergang zwischen akutstationärer und ambulanter Behandlung soll deshalb gestärkt werden. Während die Diskussion über die Voraussetzungen und Anforderungen an die Entwöhnung medizinisch zu führen ist, wird die Vergütung längerfristiger Entwöhnungsprozesse durch die Möglichkeit zur Vereinbarung krankenhausindividueller Zusatzentgelte verbessert.“ Denkbar wären u. a. Abschläge für Krankenhäuser, die Entwöhnungspotenziale von Beatmungspatienten nicht ausschöpfen, da diese „einer voreiligen Überführung von Beatmungspatientinnen und Beatmungspatienten in die außerklinische Intensivpflege“ entgegenwirken könnten.

Verordnung durch besonders qualifizierte Ärzte

Außerklinischen Intensivpflege solle in Zukunft an eine Verordnung durch hierfür besonders qualifizierte Ärzte gekoppelt werden: „Vor jeder Verordnung ist zu erheben, ob und inwieweit bei den Versicherten Potenzial zur Reduzierung der Beatmungszeit bis hin zur vollständigen Beatmungsentwöhnung bzw. zur Entfernung der Trachealkanüle (Dekanülierung) besteht; dies sowie die hierfür erforderlichen Maßnahmen sollen künftig mit der Verordnung dokumentiert werden.“

Im derzeit diskutierten Gesetzesentwurf würden, so die Bundesregierung, beispielhaft einige Facharztrichtungen genannt:
• Innere Medizin und Pneumologie
• Kinder- und Jugendmedizin mit der Zusatzweiterbildung Kinder- und Jugend-Pneumologie
• Anästhesiologie/Anästhesie
• Neurologie,
• Zusatzbezeichnung Intensivmedizin.
Zudem trügen (Stand: Dezember 2018) rund 200 Haus-, bzw. Kinder- und Jugendärzte die Zusatzbezeichnung „Intensivmedizin“ und könnten an der Versorgung beteiligt werden. Schließlich verfügt Deutschland zudem über 48 zertifizierte sogenannte „Weaningzentren“, an die Patienten zur Beatmungsentwöhnung überwiesen werden könnten.

Regionale Unterschiede bei Versorgung

Die Antwort der Bundesregierung erlaubt es zudem, einen Blick auf die medizinische Versorgungsituation in Deutschland zu werfen: Jeder ambulant oder stationär praktizierende Pneumologe ist hierzulande für durchschnittlich 46.000 Einwohner zuständig. Auf Landesebene ergeben sich jedoch deutliche Unterschiede: In Hamburg komme auf 27.000 Einwohner ein Lungenfacharzt, in Rheinland-Pfalz müsse im Schnitt ein Facharzt rund 66.000 Menschen versorgen, rechnet das Ärzteblatt vor.

Etliche Fragen offen

Viele Fragen lässt die Antwort der Bundesregierung unbeantwortet: „Zahlen zu Erkrankungsfällen, bei denen die eigene Atmungsfähigkeit beeinträchtigt ist, können mit den derzeit in Deutschland vorhandenen Daten nicht präzise angegeben werden“, lässt die Regierung wissen, ähnlich lauten die Antworten bei Fragen nach der Anzahl der Menschen, der in den letzten Jahren Beatmung verordnet wurde, wie vielen außerklinisch beatmeten Personen eine dauerhafte invasive Beatmung und wie vielen eine intermittierende nicht-invasive Beatmung verordnet wurde oder für wie viele aller mit Beatmungsbedarf Entlassenenen Behandlungspläne zur Entwöhnung erstellt wurden. Ebenfalls fehlen laut Antwort der Bundesregierung belastbare Zahlen darüber, wie viele Patienten in den letzten zehn Jahren außerhalb des Krankenhauses Beatmung und wie vielen Beatmungspflege verordnet wurde. Insgesamt bleiben 14 der 25 Fragen wegen fehlender Daten unbeantwortet – was die Ärztezeitung zu der Schlussfolgerung bringt: „Der Gesetzentwurf zur Beatmungsentwöhnung aus dem Gesundheitsministerium steht auf schwacher Grundlage.”

Mehr zur Diskussion über das geplante Gesetz in den Beiträgen

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