Testosteron und Querschnittlähmung

Männer mit Querschnittlähmung können einen niedrigeren Testosteronspiegel als gleichaltrige Geschlechtsgenossen haben. Damit steigt für diese Gruppe das Risiko die physischen und psychischen Symptome von zu wenig Testosteron zu erleben.

Testosteron ist ein Sexualhormon, das sowohl bei Männern als auch Frauen vorkommt, jedoch in unterschiedlicher Konzentration und Wirkungsweise. Es wird bei Männern in den Hoden produziert; in geringeren Mengen auch in den Nebennierenrinden. Bei Frauen findet die Produktion in den Eierstöcken und den Nebennieren statt.

Bei Männern ist Testosteron verantwortlich für die Ausprägung der Geschlechtsmerkmale sowie für das Wachstum generell, den Aufbau von Muskelmasse und Fettspeicher mitverantwortlich und sorgt für die Spermienproduktion.

Die Gesamt-Testosteronkonzentration im Blutserum solle bei 2,41 bis 8,27 µg/l liegen. Diese Werte gelten als normal bei erwachsenen Männern bei einer Blutentnahme zwischen acht und zehn Uhr morgens. Am Abend fällt der Testosteronwert um etwa 20 Prozent ab (Voss, 2019).

Ab dem dreißigsten Lebensjahr nehmen die Testosteronwerte im Körper langsam und kontinuierlich ab. Wenn allerdings eine traumatische Rückenmarksverletzung eintritt, können die Werte rapide sinken.

Symptome eines Testosteronmangels

Ein chronisch niedriger Testosteronspiegeln kann mit zahlreichen Symptomen und nachteiligen Veränderungen einhergehen:

  • Verminderte Muskelkraft
  • Abnahme der Knochendichte
  • Gewichtszunahme
  • Sexuelle Unlust und Potenzstörungen
  • Verminderte Spermienproduktion
  • Schlafstörungen
  • Schweißausbrüche (oberhalb der Lähmungshöhe)
  • Stimmungsschwankungen
  • Verminderte Leistungsfähigkeit
  • Antriebslosigkeit (Sommer, 2019)

Andere Quellen nennen zusätzlich

  • Verdauungsprobleme (Neigung zur Verstopfung)
  • Reflux des Magens
  • Blasenschwäche
  • Neigung zu Depressionen
  • Neigung zu Krampfadern (Müller, 2019)

Testosteron bei Männern mit Querschnittlähmung

Männer mit Querschnittlähmung haben niedrigere Testosteronwerte und der altersbedingte Rückgang der Testosteronproduktion beginnt früher als bei anderen (ISCoS, 2015). Studien der Universität von Missouri zeigen, dass 70 bis 80% der Männer mit betroffen sind; niedrige Testosteronwerte sind zudem keine Langzeitfolge, sondern scheinen früh nach Eintritt der Verletzung aufzutreten (Ducharme, 2019).

Die Folgen von Testosteronmangel und die Situation bei Querschnittlähmung

Folgen und Symptome eines chronisch niedrigen Testosteronspiegel, wie oben beschrieben, können den Umgang mit den Folgen und Begleiterkrankungen einer Querschnittlähmung und deren Auswirkungen noch zusätzlich verschlechtern. Der Verlust von Muskelmasse und damit der körperlichen Kraft erschwert z. B. Transfers, und kann die Mobilität und die funktionelle Unabhängigkeit beeinträchtigen

Auch Müdigkeit, Schlafprobleme (siehe: Schlafstörungen bei Querschnittlähmung), Energieverlust (siehe: Fatique bei Querschnittlähmung) und Lustlosigkeit können sich negativ auf das Durchhalten eines Gesundheitsregimes auswirken, z. B. bei der konsequenten Druckentlastung oder der Einnahme von Medikamenten. Zudem kann bei einem hormonellen Ungleichgewicht die Wundheilung beeinträchtigt sein, was zusätzlich zu dem bereits gegebenen Dekubitusrisiko (siehe: Entstehung von Druckstellen) beiträgt.

Eine große Frage stellt sich in Bezug auf Osteoporose: Menschen mit Querschnittlähmung entwickeln wahrscheinlicher als andere eine Osteoporose in Knochen unterhalb der Lähmungshöhe (siehe: Osteoporose und Querschnittlähmung) und es besteht der Verdacht, dass ein niedrigerer Testosteronspiegel zur Entstehung dieses Knochenschwundes beitragen kann. Es gibt Studien, die dazu beitragen sollen das Ursache/Wirkungsprinzip von Osteoporose, Testosteron und Rückenmarkverletzungen besser zu verstehen, doch liegen bislang keine eindeutigen Ergebnisse vor.

Für manche Männer vielleicht der wichtigste Aspekt ist die Auswirkung von Testosteron auf die sexuelle Aktivität. Niedrige Testosteronwerte können zu sexueller Unlust und Potenzstörungen sowie zu einer verminderten Spermienproduktion führen. Die Sexualfunktion bei Querschnittlähmung (siehe: Sexualität und Querschnittlähmung) und die Zeugungsfähigkeit (siehe: Vater werden bei Querschnittlähmung) ist meist ohnehin beeinträchtigt. Ein hormonelles Ungleichgewicht kann die ohnehin vorhandenen Probleme noch zusätzlich erschweren, wodurch auf querschnittgelähmten Männern und ihren Partnern bzw. Partnerinnen vor allem bei Kinderwunsch ein erheblicher Druck lasten kann (Ducharme, 2019).

Hormonersatztherapie: Den Testosteronspiegel ausgleichen

Eine medikamentöse Behandlung eines niedrigen Testosteronspiegels kann zur Verbesserung des Sexualtriebs, der Sexualfunktion, der Muskelkraft und -masse und zur Reduzierung des Risikos Osteoporose zu entwickeln in Betracht gezogen werden. Ein ausgeglichener Hormonhaushalt kann auch einen positiven Einfluss auf das Herz-Kreislauf-System haben. Da Menschen mit Querschnittlähmung u. U. auch ein gewisses kardiovaskuläres Risiko tragen, kann das Wiedererlangen durchschnittlicher Testosteronwerte hilfreich sein. Diese Vorteile einer Hormonersatztherapie bei Querschnittlähmung werden vermutet, doch stehen größer, randomisierte Studien nach wie vor aus (ISCoS, 2015).

Eine Hormonersatztherapie sollte immer erst nach einer entsprechenden Diagnose und in Absprache mit einem Arzt erfolgen. In Deutschland gibt es folgende Möglichkeiten:

Gel

Testosteronhaltiges Gel wird direkt auf die Haut aufgetragen, von wo sie nach und nach in den Blutstrom gelangen. (Zeitweise standen auch Pflaster zur Verfügung, deren Wirkstoff portionsweise abgegeben wurden. Wegen ihrer hautreizenden Eigenschaften wurden die Pflaster in Deutschland aber vom Markt genommen.)

Injektionen

Es stehen die Möglichkeiten von kurzwirksamen und langwirksamen Injektionen zur Verfügung, wobei bei der Methode kurzwirksamer Injektionen, die alle zwei bis drei Wochen verabreicht werden, zunächst ein Hormonhoch ausgelöst wird und der Hormonspiegel dann bis zu nächsten Injektion stark abfällt. Sinnvoller sind langwirksame Injektionen (Drei-Monats-Spritzen), mit denen ein 12 bis 16 Wochen anhaltender, gleichbleibender Testosteronspiegel erreicht werden können.

Orale Einnahme

Auch die orale Einnahme von Testosteron ist möglich, doch wird dieses schnell über die Leber abgebaut und steht im Körper nicht lange zur Verfügung (Sommer, 2019).

Testosteron und Ernährung

Neben der medikamentösen Behandlung kann der Testosteronspiegel durch Sport und Gewichtsreduktion positiv beeinflusst werden. Auch eine ausgewogene Ernährung und die Zufuhr verschiedener Mikronährstoffe kann hilfreich sein. Für die Testosteronproduktion wichtige Nährstoffe sind Ballaststoffe, Magnesium, Zink, Selen und Vitamin D (Özdemir, 2019).

  • Ballaststoffe sind in großen Mengen in z. B. Vollkorngetreide, Hülsenfrüchten, Nüssen und Saaten sowie in bestimmten Obst- und Gemüsesorten wie Himbeeren, Avocado, Brokkoli, Grünkohl oder Auberginen enthalten. Ballaststoffe können für einen ausgeglichenen Testosteron/Östrogenspiegel sorgen, indem sie die Ausscheidung von überschüssigem Östrogen fördern.
  • Viel Magnesium steckt in z. B. Sonnenblumenkernen, Sesamsaat oder Amaranth. Als magnesiumreich gilt auch die Banane, doch hat sie mit 30 mg Magnesium pro 100 g gerade mal 10% des Magnesiumgehalts von Sesam.
  • Mit viel Zink punkten z. B. Austern, Nüsse (wie Erd- und Paranüsse), Haferflocken, Rindfleisch und Hartkäsesorten.
  • Selenreiche Lebensmittel sind Eier und Rindfleisch (nicht zuletzt deshalb, weil Tierfutter in Deutschland oft mit Selen angereichert wird) sowie z. B. Nüsse und Saaten, verschiedene Kohlsorten und Hülsenfrüchte.
  • Vitamin D ist in nur wenigen Lebensmittel (z. B. in Pilze und Avocado (Vitamin D2) und Eier, Innereien und fettreiche Fische (Vitamin D3)) enthalten und muss vom Körper selbst hergestellt werden. Dazu benötigt er aber UV-Licht in bestimmten Mengen – in Europa ist in den Wintermonaten oft nicht genug Sonnenlicht vorhanden, sodass viele Menschen hier einen Vitamin D Mangel haben. Bei Verdacht auf einen Mangel sollten die Vitamin D Werte im Blut gemessen und ggf. Nahrungsergänzungsmittel verwendet werden.

Zudem sollen „Superfoods“ wie z. B. Maca (peruanischer Ginseng) und Ashwagandha (indischer Ginseng) den Testosteronspiegel positiv beeinflussen können. Für weitere Informationen siehe: Aphrodisiaka – Lustmacher aus der Natur

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