Pornographische Geschichten mit Rollstuhlfahrern

Menschen mit Behinderungen sind eher selten Protagonisten in Romanen und Kurzgeschichten. Dies gilt für die „salonfähigen“ Formen der Belletristik ebenso wie für pornographische Werken. Eine Ausnahme ist die Kurzgeschichtensammlung „Fuck [dis] ability“ von Franziska Appel und Benjamin Schmidt, die im Dezember 2019 erschien.

Es gibt Bücher, die hasst man auf den ersten Blick. Oder bei der ersten Berührung. Eines dieser Bücher ist „Fuck [dis] ability“, und das dürfte zumindest Menschen mit eingeschränkter Handfunktion ebenso gehen. Grund dafür ist das unhandliche Format (irgendwo zwischen A5 und Postkartengröße), das rutschige Material und die Buchklappe, die einem entgegenspringt, wenn man versucht durchzublättern. Man muss dem Buch den Rücken brechen, um es richtig lesen zu können und dann lösen sich auch schon die ersten Seiten aus der Verleimung….

Aber dann kommt man an den Inhalt, und der hat das Potential Liebhaber erotischer Geschichten über den unglücklichen Erstkontakt hinwegzutrösten.

Aus dem Inhalt

Die 17 Kurzgeschichten stammen von zwei verschiedenen Autoren, die sich in ihrem Schreibstil unterscheiden, das Thema Erotik aber konsequent verfolgen. Dabei ist von flüchtigen sexuellen Begegnungen über homosexuelle Liebe und Sadomaso für jeden Geschmack etwas dabei. Allen Geschichten gemein ist, dass mindestens einer der Protagonisten eine Körperbehinderung (oft eine Querschnittlähmung) hat – und dabei Aufreißer, Lustobjekt oder Domina sein kann.

In Appels „Auf Augenhöhe“ geht es um den Lustgewinn durch Dominanz bzw. Unterwerfung, in „Das erste Mal“ um die (tabuisierte) sexuelle Beziehung zwischen einer Pflegeperson und ihrem Arbeitgeber und in Schmidts „Rebellion“ dreht ein Opfer sexueller Gewalt den Spieß mächtig um.

Wie liest es sich?

Erotische bzw. pornographische Geschichten sind nicht jedermanns Sache. Solche Menschen sollten daher nicht zu einem Buch greifen, dessen Untertitel lautet „Schönheit, Sinnlichkeit und Sexualität erleben“. Alle anderen können sich auf ein 175 Seiten langes voyeuristisches Vergnügen voller erotischer Phantasien (und voller Adjektive) freuen, die evtl. als Augenöffner hinsichtlich der eigenen Sexualität dienen können. Disability (Behinderung) und Fuckability (sexuelle Anziehungskraft/sexuelle Fähigkeiten) werden – nicht erstmals aber erstmals so facettenreich – unter einen Hut gebracht.

Inklusionsbotschafterin Jennifer Sonntag zeigt sich im Vorwort zu „Fuck [dis] ability“ begeistert von Appels und Schmidts Werk. Es mache „… Einzigartiges und Eigenartiges spannungsvoll spür-, schmeck- sicht-, erlausch- und erlebbar. Der Körper, der Geist, alles beginnt sich neu zu verleiben, da ist diese Aufregung, etwas zu kosten, was sich jenseits abgedroschener Gewohnheiten entspinnt.“

Die Illustrationen

Die schwarzweißen Illustrationen stammen von Künstlerin Franziska Appel und zeigen Menschen in Situationen, die mehr oder weniger explizite Sexualakte darstellen. Teilweise handelt es sich bei den gezeigten nackten Körpern um welche, die nicht dem konventionellen Verständnis von Attraktivität entsprechend und teilweise zeigen die Bilder Menschen im Rollstuhl. Doch letzteres eher unaufdringlich im Hintergrund. Der Fokus liegt weder auf etwaigen Deformationen noch vorhandenen Hilfsmittel: Eine sexuelle Begegnung findet statt – rein zufällig eben im Rollstuhl.

Appels Illustrationen sind konkret aber ästhetisch. An das Thema Pornographie kann man jedenfalls deutlich unappetitlicher herangehen. Leser, die gerne nackte Menschen betrachten, werden ihre Freude an den Bildern haben.

Das Buch

  • Fuck [dis] ability
  • Von: Franziska Appel und Benjamin Schmidt
  • Seiten: ca. 175
  • ISBN: 978-3-95915-124-5
  • Preis: 14,90 (Stand: Jan. 2020)
  • Preis E Book: 5,99 (Stand: Jan 2020
  • Zu den Downloadmöglichkeiten geht es hier:  https://www.feiyr.com/y/M4XWF

Über die Autoren

Franziska Appel ist Malerin. Durch Kontakte mit Menschen mit Sehbehinderung beschäftigt sie sich seit mehreren Jahren mit der Barrierefreiheit von Kunst. Sie illustrierte auch das Buch „Seroquälmärchen“ von Inklusionsbotschafterin Jennifer Sonntag.

Benjamin Schmidt arbeitet seit mehreren Jahren als Graphiker, Musiker und Schriftsteller. Er ist selbst inkomplett querschnittgelähmt und hat seine Erfahrungen in einem semi-biographischen Roman verarbeitet. Siehe: Schon immer ein Krüppel

 

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