Prävention des Burnouts für pflegende Angehörige

Ein Burn-out kann jeden treffen – häufig sind es leistungsorientierte Menschen sowie Menschen in helfenden, heilenden und sozialen Berufen. Pflegende Angehörige schultern oft eine Doppelbelastung: Sie sind berufstätig und versorgen zudem zu Hause pflege- oder hilfebedürftige Partner, Kinder oder auch Eltern.

Die Übernahme der Pflege geschieht nicht immer nur freiwillig, sondern hängt auch von finanziellen Möglichkeiten und anderen (Versorgungs-)Problemen (z.B. als Ehefrau wird das von mir erwartet – in guten wie in schlechten Zeiten oder kein ambulanter Pflegedienst nach 18.00 Uhr ) ab.

Es ist bekannt, dass pflegende Angehörige mehr körperliche Beschwerden haben als der Durchschnitt der Bevölkerung. Da der Stress auch ein Auslöser für Burnout sein kann, spielt das Management der häuslichen Pflege eine große Rolle. Vom Burnout ist oft nicht nur ein einzelner Mensch, sondern meist ein ganzes Familiensystem betroffen. Burnout-Betroffene stellen immer größere Anforderungen an ihren Partner und geben selten etwas zurück. Es fehlt Geduld und Kraft, sich auf die Kinder einzulassen oder Zeit mit den Kindern zu verbringen

Burnout ist keine Modererscheinung

Sich ausgebrannt fühlen – die Übersetzung des Begriffs „Burnout“ beschreibt bereits die Symptome. Es handelt sich nicht um eine anerkannte medizinische Diagnose. Sie wird im Diagnosenschlüssel (ICD 10) als „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensführung“ bezeichnet. Ein Burnout ist nicht plötzlich da, sondern es ist ein schleichender Prozess, der mit Unzufriedenheit, zu hohem und ständigem Druck durch Arbeit, aber auch durchaus aufgrund von Stress im privaten Umfeld entstehen kann. Immer mehr und vor allem auch zunehmend junge Leute sind von dieser Diagnose betroffen.

Die Hauptmerkmale eines Burnouts können in unterschiedlichen Krankheitsphasen auftreten und von Mensch zu Mensch variieren. Prof. Matthias Burisch beschreibt das Burnout in einem Phasenmodell von 7 Phasen, die nicht alle auftreten müssen und häufig ineinander übergehen.

  1. Warnsymptome der Anfangsphase
  2. Reduziertes Engagement / Rückzug
  3. Emotionale Reaktionen / Schuldzuweisungen
  4. Abbau
  5. Verflachung
  6. Psychosomatische Reaktionen
  7. Verzweiflung

Abgrenzungen zur Depression aber auch zum chronischen Erschöpfungszustand (Fatigue) sind nicht immer eindeutig (siehe: Fatigue – Chronische Erschöpfung bei Querschnittlähmung).

Erschöpfung und anhaltende Müdigkeit

Dies geht oft einher mit Überforderung und dass man sich den Alltagsaktivitäten nicht mehr gewachsen fühlt. Mehr Pausen sind nötig und wenn man sich erholt hat, hält dieser Zustand nicht mehr so lange an. Antriebsschwäche kann dazu kommen. Die Abgrenzung zur Depression ist nicht klar gegeben.

Abnehmende Leistungsfähigkeit

Müdigkeit und Konzentrationsstörungen führen zu Leistungsabfall. Die Arbeit, die man bis dahin nicht geschafft hat, steht wie ein Berg vor einem und wird belastend. Es passieren mehr Fehler und Erfolgserlebnisse bleiben oft aus, weil Termine nicht zeitgerecht eingehalten werden können und die Arbeit nicht mehr dieselbe Qualität hat. Burnout-Betroffene könne nicht mehr abschalten und die Probleme nehmen überhand.

Soziale Isolierung

Um ihren Alltag zu bewältigen, ziehen sich Betroffene oft zurück, vernachlässigen soziale Kontakte und auch ihre Hobbys. Dadurch gewinnen sie zwar für den Alltag mehr Zeit. Es fehlt aber der Ausgleich zur Arbeit, also die Auszeiten. Die Work-Life-Balance gerät aus dem Gleichgewicht. So gewinnt das Burnout die Oberhand.

Psychosomatische Störungen

Mit diesen Symptomen können aber auch körperliche Beschwerden auftreten, die oft auch als psychosomatische Beschwerden bezeichnet werden. Dies können Verspannungen und Schmerzen von Kopf bis Rücken, aber auch Verdauungsprobleme von Durchfällen bis zu Verstopfungen sein. Die Infektanfälligkeit nimmt zu. Ein erhöhter Blutdruck, Herzklopfen oder Engegefühle in der Brust sind nicht selten. Starke Gewichtszunahme oder Gewichtsverlust, aber auch ein verstärkter Konsum von Genussmitteln wie Kaffee, Nikotin oder Alkohol treten auf, ebenso klagen die Betroffenen über  Schlafstörungen und sexuelle Unlust.

Und ganz zum Schluss: die Verzweiflung

Aus der Hilflosigkeit wird das Gefühl der chronischen Hoffnungs- und Sinnlosigkeit. Es entwickeln sich negative Einstellungen: Das Glas ist halb leer und nicht halb voll. Der Sinn des Lebens und die Zuversicht sind verloren gegangen. Suizidgedanken können auftreten im Sinne eines letzten Ausweges.

Strategien zur Vermeidung

Grundsätzlich: Fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist keine Schande, sondern kann dazu beitragen, dass die gesamte Versorgungssituation länger und besser funktioniert. Wer Auszeiten – von einen Nachmittag oder Abend pro Woche bis zu einem Wochenende im Monat – konkret plant und hierbei die Unterstützung weiterer Familienangehörige, Freunde oder auch professionelle Pflege in Anspruch nimmt, entlastet sich massiv. Kurzzeitpflege und Verhinderungspflege schaffen wichtige Freiräume. Den Effekt haben auch Haushalts- oder Reinigungshilfen. Nicht zu vergessen: Pflege ist körperlich anstrengend. Hilfsmittel wie etwa ein Lift, ein höhenverstellbares Pflegebett, Rutschmatten oder ein Drehteller helfen, körperliche Fehlbelastungen zu vermeiden. Pflegestützpunkte sind hierbei gute Ratgeber.

1. Körperliche Fehlbelastungen vermeiden, Entlastungen bei den Pflegetätigkeiten suchen

  • Kurse zu ergonomischem Transfer, aber auch Pflege besuchen (Kinästhetik) siehe: Kinästhetische Betrachtungsaspekte in der Pflege
  • Hilfsangebote in Anspruch nehmen
    • für Entlastung sorgen – mit der konkreten Planung von Auszeiten von einen Nachmittag oder Abend pro Woche bis zu einem Wochenende im Monat
    • weitere Familienangehörige, Freunde aber auch professionelle Pflege in Anspruch nehmen
    • Kurzzeitpflege, Verhinderungspflege in Anspruch nehmen – sodass auch hier Freiräume geschaffen werden können
    • Haushaltshilfe, Reinigungshilfe in Anspruch nehmen
  • Hilfsmittel einsetzen, die die körperliche Belastung reduzieren, wie Lift, höhenverstellbares Pflegebett, Rutschmatten, Drehteller.
  • Bei Pflegestützpunkten nachfragen, welche Unterstützungsmöglichkeiten generell bestehen.

2. Kontakt zu Selbsthilfeorganisationen suchen

Menschen in gleichen Situationen können oft hilfreiche Tipps und Tricks geben oder kennen kompetente Anlaufstellen. Betroffene in ähnlichen Situationen haben verschiedenste Probleme schon mal erlebt und erfolgreich gemeistert – und geben ihr Wissen gerne weiter. Von Anderen zu lernen, wird auch im Peer-Konzept der FGQ unterstützt. Und vielleicht hilft auch der Gedanke: Ich bin nicht allein.

3. Probleme ansprechen

Auftretende Probleme sollten angesprochen werden. Zum einen mit der Person, die man pflegt, aber auch in der Familie oder im Freundeskreis. Oft kann man gemeinsam gute Lösungen entwickeln oder auch professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

4. Stressabbau

Die eigene Psychohygiene spielt eine wichtige Rolle, um die Work-Life-Balance zu erhalten. Dabei geht es darum, die persönliche Balance zwischen Erhaltung der Leistungsfähigkeit und den Phasen der Entspannung, also des Auftankens, zu finden. Stress produziert man selbst, indem die eigenen Erwartungen nicht erfüllt werden. Dies hängt sehr eng mit der eigenen Persönlichkeit zusammen. Was kann und will ich ändern? Welche Dinge lassen sich nicht ändern? Wie schaffe ich es, dies zu akzeptieren? Siehe: Stressbewältigung – Wie kann ich Stress entgegenwirken?

5. Wellness? Wellness!

Eine Massage genießen, Schwimmen gehen, einen langen Waldspaziergang oder einmal wieder Yoga machen – es gibt so viele Möglichkeiten, es sich wieder einmal gut gehen zu lassen. Jeder Mensch findet eine andere Antwort auf die Frage: Was tut mir gut? Was brauche ich? Es ist wichtig und ganz und gar nicht egoistisch, sich hierfür Freiräume zu schaffen. Denn ein zu langer Verzicht auf Dinge, die man gerne tut, schafft Frust und Unzufriedenheit. Siehe: Entspannungsmethoden

„Wenn man eine Kerze an beiden Seiten anzündet, mag sie eine Zeit doppelt so viel Licht spenden, aber sie ist auch doppelt so schnell abgebrannt“
Myron Rush


Der Text wurde in Ausgabe 4/2019 des Paraplegiker erstveröffentlicht.