Schulprojekt informiert über Leben mit Querschnittlähmung

Der Paraplegiker Peter Müller besucht mit seinem „Rollstuhl-Schulprojekt“ Kinder und Jugendliche im Unterricht und spricht mit ihnen über alle Aspekte, die ein Leben mit Querschnittlähmung mit sich bringt. So will er sie sensibilisieren und locker machen im Umgang mit behinderten Menschen.

„Wieso stehst Du denn nicht auf?“ Auf diese Kinderfrage antwortete Müller lange Zeit flapsig mit einem „Weil ich einfach zu faul zum Laufen bin“. Irgendwann fühlte er sich mit derartigen ironisch-distanzierten Antworten nicht mehr wohl: „Als meine Tochter in die zweite Klasse kam, wurde mir zum ersten Mal so richtig bewusst, dass die meisten anderen Kinder – anders als meine – keine Chance haben, ganz selbstverständlich mit dem Thema Behinderung vertraut zu werden. Da hat es bei mir Klick gemacht.“

Müller startete das Projekt „Rollstuhl Schulprojekt. Behinderung erleben und verstehen.“ Seither besucht er Schulklassen, spricht mit den Schülern über seine Behinderung und beantwortet jede Frage – auch die unausgesprochenen: „Ab der 10. Klasse spreche ich auch Themen wie Kontinenz oder Sexualität an. Das interessiert die Jugendlichen natürlich, das merke ich am Feedback, aber von sich aus trauen sie sich nicht, danach zu fragen.“

„Ich kann jeden verstehen, der Berührungsängste hat“

Mit dem Alter wächst auch die Hemmschwelle: Grundschulkinder fragen noch geradeheraus alles, was sie interessiert. Jugendliche halten sich mitunter höflich zurück – ein Verhalten, das Müller von sich selbst kennt: „Zwei Jahre vor meinem Unfall verunglückte eine Freundin. Da wusste ich überhaupt nicht, was ich mit ihr reden soll und wie ich mit ihr umgehen soll. Ich kann jeden verstehen, der Berührungsängste gegenüber Behinderten hat.“

Mit seinem Projekt will der 42-Jährige mithelfen, diese Berührungsängste abzubauen. Der gelernte Dachdecker erzählt seine Geschichte und wie es dazu kam, dass er heute ab dem 7. Brustwirbel querschnittgelähmt ist. Er erklärt, weshalb er sich als Hausmann prima um seine Kinder und den Haushalt kümmern, aber nicht mehr einer Erwerbstätigkeit nachgehen kann. Was es bedeutet, gelähmt zu sein, mit den meisten Menschen nicht mehr auf Augenhöhe zu kommunizieren. Wie er gerne von anderen behandelt werden würde. Und wie seine Zuhörer sich selbst vor Unfällen schützen können. (Über ähnliche Projekte und Kurse für Erwachsene informiert der Beitrag Sensibilisierungstrainings für Busfahrer, Beamte und Verkäufer)

Mit seinem Projekt will Peter Müller Schulkindern und Jugendlichen Berührungsängste nehmen.

Den Inhalt seines Programms – praxisbezogene Experimente, Theoretisches über das Krankheitsbild Querschnittlähmung, Rollenspiele und Gespräche – packt Müller in 3 bis 5 Schulstunden. Am liebsten besucht er 4. und 10. Klassen: Die Kleinen, um sie sensibel zu machen für die Unfallverhütung, die Größeren, um sie zusätzlich zu sensibilisieren für einen entspannten Umgang mit Behinderten.

Müller geht in seinem Projekt auf: „Vor dem Unfall war ich Dachdeckergeselle. Ich hätte mich nie getraut, vor so vielen Menschen zu sprechen und derart im Mittelpunkt zu stehen. Heute gibt mir genau das Kraft und Befriedigung. Ich habe es geschafft, aus meinem Leid eine Leidenschaft zu machen.“

Nähere Informationen und zu Peter Müllers Rollstuhl-Schulprojekt und seine Kontaktdaten finden sich auf der Homepage seines Projekts.

Auch die Deutsche Stiftung Querschnittlähmung veranstaltet unter dem Kampagen-Titel „no risk, no fun?“ Projekttage an Schulen. Laut Projekt-Flyer steht „umfangreiches Unterrichtsmaterial zur Verfügung, das den Schülern in Workshops mit Lehrern und Medizinern Grundkenntnisse über den menschlichen Bewegungsapparat bis hin zum Zusammenspiel von Nerven, Gehirn und Rückenmark vermittelt. Das Fahren mit dem Rollstuhl, Rollstuhlbasketball und ein Rollstuhlparcours mit Hindernissen sind ebenso im Programm wie Gespräche und Diskussionen mit querschnittgelähmten Personen. Das alles soll in einem ganzheitlichen Ansatz dazu beitragen, auf die Risiken und Folgen unüberlegten Handelns aufmerksam zu machen, aber auch über ein Leben mit Handicap und den Umgang mit behinderten Menschen zu informieren.“

Der Verein „Behinderte helfen Nichtbehinderten“ führt in Baden-Württemberg regelmäßig Aktionen an Schulen und in anderen Einrichtungen durch. Die Zielgruppe der Referenten mit Handicp sind vor allem Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene. Das von Menschen mit Behinderung ins Leben gerufene Projekt ist überzeugt, dass der Abbau von Berührungsängsten die Voraussetzung sei für eine Normalisierung im Zusammenleben und damit – so ein Zitat aus der Homepage – der „erste Schritt zu einem entspannten und von Kenntnis getragenem Miteinander zwischen Behinderten und Nichtbehinderten.“


Die genannten Organisationen sind nur Beispiele für viele. Gerne nimmt die Redaktion in den Text noch weitere Menschen oder Organisationen auf, die sich in ähnlicher Weise engagieren – bitte einfach eine Mail an info@Der-Querschnitt.de schicken.