Querschnittlähmung und Coronakrise: Emotionale und soziale Nähe bei räumlichem Abstand

Nach Wochen der Isolation steht eine Lockerung der Maßnahmen bevor, doch von einer Rückkehr zu Normalität kann nicht die Rede sein. Vor allem für die Risikogruppen, zu denen Menschen mit Querschnittlähmung u. U. gehören können (siehe: Querschnittlähmung und das Coronavirus), wird das “social” bzw. “physical distancing” weiterhin ein Thema sein. 

Gesundheitsminister Spahn spricht von der „Corona-Starre“, Günther Jauch sagt zur Corona-Krise „Nichts ist mehr, wie es war“ „social distancing“ und „Kontaktsperre“ sind in aller Munde und diese Worte und Sätze erzeugen mächtige innere Bilder, die weder hilfreich noch zutreffend sind. Es ist wichtig, solche negativen Bilder durch positive hilfreiche Bilder zu ersetzen. Jörg Eisenhuth, Psychologe der Werner-Wicker-Klinik in Bad Wildungen, erklärt wie Menschen mit Querschnittlähmung mit der aktuellen Situation umgehen können.

Menschen mit Querschnittlähmung haben einen Vorteil

Die Menschen sollten wissen, dass in Krisenzeiten innere und äußere Flexibilität und die Umstellung auf die neue Situation der Schlüssel sind, um eine Krise erfolgreich zu meistern und eine „Starre“ eben nicht zur Überwindung der Krise führt. Menschen mit Querschnittlähmung haben hier einen entscheidenden Vorteil gegenüber der Allgemeinbevölkerung: Sie haben bereits die Erfahrung gemacht, dass Gesundheit nichts Selbstverständliches ist. Sie haben eine lebensbedrohliche Krise in ihrem Leben gemeistert. Sie wissen, auf wen sie sich verlassen können und mit welchen persönlichen Stärken, sie diese Krise gemeistert haben. Auch wenn man vielleicht anfangs den Eindruck hatte, dass „Nichts mehr ist, wie es war“, erkennt man mit der Zeit, dass es Kontinuität im Leben gibt: Der Zusammenhalt mit Familie und Freunden, der Lebensmut, die persönlichen Stärken und der Zusammenhalt in einer Gesellschaft oder in einem Staat.

Auch die Begriffe „social distancing“(Deutsch: soziale Distanz) und Kontaktsperre beschreiben nicht das, was man tun sollte. Die Weldgesundheitsorganisation (WHO) verwendet daher den Begriff physical distancing. Es geht um räumliche bzw. körperliche Distanz, die eingehalten werden soll. Man soll zu anderen Menschen mindestens 1,5 Meter Abstand halten und Menschenmengen vermeiden. Emotional und sozial ist es sinnvoll, wenn wir zusammenrücken und die Gemeinschaft stärken.

Über die Gefahren der Isolation

Die Gefahren der aktuellen Situation sind für alle Menschen, ob nun mit oder ohne Querschnittlähmung, ähnlich aber eben auch sehr individuell: Menschen, die extravertiert sind, werden schnell alle Möglichkeiten der Kommunikation nutzen, die jetzt noch zur Verfügung stehen. Introvertierten Menschen fällt dies schwerer.

Abstand halten und häusliche Isolation sind besonders für Menschen mit psychischen Vorerkrankungen eine große Herausforderung. Menschen mit Depressionen ziehen sich weiter zurück und schaffen es noch seltener von sich aus Kontakte aufrechtzuerhalten. Menschen mit Angsterkrankungen haben mehr Zeit zum Grübeln. Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen haben durch den veränderten Tagesablauf mehr Zeit für ihren Suchtmittelkonsum.

Menschen mit Querschnittlähmung haben in der Regel sehr guten Zugang zu Kommunikationsmitteln, mit denen dem Gefühl der völligen Isolation entgegengewirkt werden kann.

Maßnahmen, die helfen mit der (häuslichen) Isolation zurecht zukommen

Es gibt Maßnahmen, die helfen können, mit der Isolation umzugehen. Allen voran steht das Bewusstsein, dass die Isolation wichtig und richtig ist, im Kampf gegen die Ausbreitung des Virus. Jörg Eisenhuth erklärt:

Die aktuellen Empfehlungen einzuhalten, ist ein wichtiger Dienst an uns selbst und an der Gemeinschaft aller. Es fällt uns leichter eine solche Maßnahme zu akzeptieren, wenn wir uns deutlich machen, dass wir einen aktiven Beitrag leisten können und nicht nur passiv Befolgende sind. Für das Durchhalten wichtig ist u. a. Folgendes:

  • Die gewohnte Tagesstruktur beibehalten

Struktur hilft gegen Chaos und gegen das Gefühl des Ausgeliefertseins. Es ist sinnvoll, sich einen Tagesplan zu erstellen, mit den Dingen, die erledigt werden sollen. Sich realistische Ziele zu setzen, die auf jeden Fall erreicht werden können. Das Streben nach Zielen bewirkt ein Gefühl von aktiver Gestaltung und Selbstwirksamkeit.

  • Medienkonsum bewusst, gezielt und begrenzt

Unser Leben ist mehr als Corona. Es genügt, einmal am Tag Nachrichten zu sehen oder zu hören. Lassen Sie sich nicht durch die Nachrichtenflut mitreißen.

  • Soziale Kontakte intensivieren per Handy, PC und Telefon

Nicht „social distancing“ sondern soziale Nähe sind jetzt gefragt. Moderne Medien können jetzt ihre wirklichen Stärken ausspielen. Telefonieren und Videokonferenzen helfen, Kontakte zu halten. Und jetzt hätte man auch wieder mal Zeit einen „altmodischen Brief“ zu schreiben.

  • Persönlichen Stärken nutzen

Persönliche Stärken sind unsere Werkzeuge, mit denen wir bisher unser Leben gemeistert haben. Besinnen Sie sich auf ihre Stärken und schauen Sie, inwieweit diese ihnen in der jetzigen Situation helfen.

  • Gefühle zulassen

In einer außerordentlichen Situation ist es völlig normal, dass auch außerordentliche Gefühle auftreten. Angst, Stress und Unsicherheit sind angemessene Reaktionen auf die aktuelle Situation. Lassen Sie diese Gefühle zu, auch wenn sie Ihnen neu und unbekannt erscheinen. Mit Ihnen selbst ist alles in Ordnung nur die aktuelle Situation ist es eben nicht.

  • Entspannungsübungen helfen bei Angst und Stress

Bei Angst und Stress können verschiedenste Entspannungsübungen helfen. Progressive Muskelentspannung, Achtsamkeitsübungen, Autogenes Training oder Yoga können hilfreich sein. Wichtig ist regelmäßiges Üben, weil sich dadurch das Ergebnis verbessert. Anleitungen dazu finden sich im Internet(Links auf der-querschnitt.de). Ein weiteres einfaches und neues Verfahren ist die Body2Brain-Methode von Croos-Müller. Es basiert auf der Tatsache, dass Gefühle und bestimmte Körperhaltungen bzw. -bewegungen miteinander verknüpft sind und sich gegenseitig beeinflussen können. Durch einfache relativ kurze Bewegungsübungen können belastende Gefühle reguliert werden. Die App Body2Brain ist für Android oder IOS Handys kostenfrei. Es gibt die Methode auch dargestellt in kleinen Büchern mit Illustrationen (z.B. Nur Mut- Das kleine Überlebensbuch, C. Croos-Müller)

  • Körperliche Bewegung ist nötig für unser seelisches Gleichgewicht

Spazieren gehen, Handbikefahren oder Gymnastik zuhause sind gute Möglichkeiten, das persönliche Stresslevel herunterzufahren und ausgeglichen zu bleiben. Im Internet finden sich viele Anleitungen zum Heimtraining. Conny Runge bietet auf Facebook oder Youtube Zumba für Rollifahrer.

  • Denken Sie daran: die aktuelle Situation wird vorübergehen

Die Welt wird sich ändern durch die Corona-Krise, aber sie wird nicht untergehen.

 

 

Siehe auch: Zum Umgang mit Angst und Verunsicherung in unruhigen Zeiten: Vorsicht ja, Panik nein

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