Mit dem Rollstuhl: Rundreise in Florida

Frank Hüttenberger hat schon ein paar Mal über seine Reisen auf Der-Querschnitt.de berichtet (siehe: Frankie goes to Hollywood – Ein Rollstuhlreisebericht und Marathon, Miami und Mexiko: Ein Rollstuhlreisebericht). Jetzt berichtet er – mit einer gewissen Wehmut – von seiner letzten abenteuerlichen Reise.

Es gab tatsächlich noch Zeiten, in denen man problemlos und ohne Quarantäne-Maßnahmen verreisen und einreisen durfte – diese sind auch noch gar nicht so lange her. Vor zwei Monaten, im Februar 2020 machten meine Frau und ich uns auf in Richtung Florida. Nach den guten Erfahrungen im Januar 2018 bei der gleichen Veranstaltung, dem Miami Marathon, wollten wir dieses Erlebnis wiederholen; diesmal stand anschließend noch eine Rundreise in Florida auf dem Plan.

Handbike auf Abwegen

Die Vorbereitungen liefen gut, zumal das Prozedere mit Marathon-Anmeldung, Transport des Handbikes usw. ja schon bekannt war. So starteten wir am 7. Februar von Frankfurt Richtung Miami. Nach elfstündigem Flug kamen wir an und erlebten sofort die erste kleinere „Überraschung“. Die Box mit dem Handbike wurde zunächst nicht zur Gepäckausgabe gebracht. Und das Personal konnte mit der Nummer auf dem Aufkleber, den ich hatte, kein Gepäckstück finden und die Maschine sei leer. Letztlich dauerte es bis zwei Stunden nach Landung, bis die Box dann doch noch auftauchte. Sie war in einen Container geladen und darin beinahe weiterverschifft worden… Schließlich konnten wir aber dann doch das bei der Autovermietung vorbestellte Auto mit Handgas-Umbau übernehmen und ins Hotel fahren.

Der Miami-Marathon

In den USA sind alle Veranstaltungen für Handbiker vom Team „Achilles International“ organisiert – eine Vereinigung, die es Menschen mit Behinderung ermöglicht, an solchen Events teilzunehmen. Alle Handbiker sind im gleichen „Teamhotel“ untergebracht. Am Tag vor dem Rennen war jeder Teilnehmer mit dem Zusammenbau seines Bikes und den letzten Vorbereitungen beschäftigt. Nachdem das Rad startklar war, wurde es in einen LKW verladen, in dem es dann am Sonntagmorgen zum Start des Rennens gebracht wurde. So musste man sich am Renntag um nichts mehr kümmern und konnte „entspannt“ mit dem barrierefreien Bus (mit Hebebühne) im Polizeikonvoi zum Start-Zielbereich gebracht werden, wo das Handbike dann bereitstand.

Eine Besonderheit beim Rennen in Miami ist, dass es früh morgens im Dunkeln um 5:50 Ortszeit startet (dementsprechend Abfahrt am Hotel um 3:30…). Dank der Aufregung und des Adrenalins war aber keine Müdigkeit zu spüren. Der Marathon lief gut und ich konnte letztlich eine etwas bessere Zeit als 2018 erreichen. Das Wetter meinte es auch gut mit den Athleten, es war bestes Wetter bei morgens schon 22 Grad. Einzig der Wind war mal wieder ein Faktor, aber damit muss man in Miami aufgrund der geografischen Lage sicherlich rechnen.

Kein Handgas

Nachmittags fuhren wir dann mit dem Auto nach Miami Beach und erlebte, auf der an dieser Stelle fünfspurigen Autobahn, die nächste ungeplante „Überraschung“. Das Handgas gab seinen Geist auf und es war mir nicht mehr möglich, den Wagen weiter zu beschleunigen. Bremsen ging noch…Ich befand mich gerade auf der mittleren Spur und rollte mit Warnblinker auf den Standstreifen aus. Meine erste Panne in meiner Autofahrerkarriere ausgerechnet an dieser Stelle in Miami auf der Autobahn! Nach kurzer Ratlosigkeit wollte ich angesichts der vorbeifahrenden Fahrzeuge nicht unbedingt auf der Fahrerseite mit dem Rolli aussteigen. Also transferierte ich mich irgendwie über die Mittelkonsole vom Fahrer- auf den Beifahrersitz, meine Frau konnte ja etwas „ungefährdeter“ aussteigen und die Fahrerposition einnehmen. Da „nur“ das Handgas defekt war, konnte sie den Wagen aus dem Gefahrenbereich bringen.

Wir steuerten direkt die Autovermietung an, um den Schaden zu reklamieren. Man gab uns ersatzweise einen anderen Wagen ohne Umbau und versprach, sich um die Reparatur zu kümmern. Am nächsten Tag erhielten wir allerdings die Info, dass das defekte Ersatzteil derzeit nicht lieferbar ist. Etwas ernüchtert mussten wir eine neue Reservierung machen und der Disability Service der Autovermietung (schön, dass es dort so etwas gibt) nahm sich der Sache an. Letztlich bekamen wir 48 Stunden später in Fort Lauderdale (unsere nächste Reisestation) einen neuen Wagen mit funktionierendem Handgas zur Verfügung gestellt. Angesichts der langen Strecken, die noch bevor standen, war es sehr beruhigend, dass wir jetzt beide wieder fahren konnten. Am Ende der Mietzeit gab es für die Unannehmlichkeiten auch noch einen beachtlichen Nachlass auf den Mietpreis.

Mit dem Rollstuhl in Florida

In Fort Lauderdale geht es etwas ruhiger als in Miami zu und es sind weniger Menschen unterwegs, was es eigentlich auch ganz angenehm macht. Bemerkenswert ist, dass man am dortigen Strand kostenfrei einen Strandrollstuhl zur Verfügung gestellt bekommt. Der Lifeguard organisierte einen solchen auf Nachfrage für uns und „zauberte“ ihn aus einem abgeschlossenen Häuschen in der Nähe seiner Station. Perfekt. So konnten wir die angenehmen Temperaturen um 25 Grad in der Sonne am Strand liegend genießen.

Am nächsten Tag lag eine größere Strecke vor uns, entlang der Küste von Fort Lauderdale bis Cape Canaveral und dann nach Orlando, wo unser Hotel war. Tags darauf ging es von dort aus in das ca. eine Stunde entfernte Kennedy Space Center. Hier war (selbstverständlich) alles barrierefrei gestaltet, wir konnten uns Raketen ansehen und einen Eindruck von dem Wettrüsten der USA mit der Sowjetunion in den 1960er-Jahren gewinnen. Auch die erste Mondlandung wurde natürlich entsprechend gewürdigt. Sogar ein (hoffentlich) echtes Stück Mondgestein konnte man berühren. Die Rundfahrt auf dem Gelände war in den mit Hebebühnen ausgestatteten Bussen auch für Rollstuhlfahrer möglich.

Die nächste Station unserer Reise war der Everglades National Park. Faszinierende Einblicke in die Natur konnten wir hier erleben. Allerdings gab es auch traurige Eindrücke – einige größere Teile des Parks wurden beim Hurrikan Irma 2017 zerstört. Es waren immer wieder Schneisen der Verwüstung zu sehen. Vögel saßen teilweise auf kahlen und zerstörten Bäumen und hielten nach Futter Ausschau.

Eine Bootsfahrt entlang eines Kanals im Park konnte per Rampe für mich ermöglicht werden. Wichtig zu beachten ist beim Besuch hier definitiv der Schutz vor Moskitos. Wir hatten uns vor Ort im Supermarkt mit Schutzspray eingedeckt und trugen trotz 29 Grad lange Klamotten. Wir blieben so auch von Stichen verschont. Gegen Ende des Tages bekamen wir auch noch einen Alligator aus nächster Nähe zu sehen – da hatten wir Glück, dass dieser unter einem Steg vorbeischwamm und für unsere Kamera posierte…

Der weitere Reiseverlauf führte uns nun nach Key West. Hier ist der südlichste Punkt des amerikanischen Festlandes zu finden. In Key West geht es sehr relaxt zu. Es ist zwar sehr touristisch, war aber zum Zeitpunkt unseres Besuches keineswegs überfüllt (könnte aber auch an den recht hohen Preisen selbst für Standardhotels gelegen haben). Wir besuchten ein Schmetterlingshaus, das absolut sehenswert war. Zelebriert wird hier täglich der abendliche Sonnenuntergang mit einer großen Party, bei der die Leute zusammenkommen.

Schwimmen mit Delfinen – Auch für Menschen mit Querschnittlähmung

Fast am Ende der Reise stand nun noch ein Highlight bevor. Der Besuch des Dolphin Research Centers in der Nähe des Ortes Marathon auf den Florida Keys. Hier hatten wir vorab per Mail Kontakt aufgenommen und uns nach der Barrierefreiheit erkundigt. Es wurde ermöglicht, dass ich per Lifter ins Wasser transferiert werden konnte und wir so mit Delfinen im Wasser unter Anleitung einer Trainerin spielen konnten. Ein unvergessliches und faszinierendes Erlebnis.

Am letzten Tag vor der Abreise machten wir noch eine Glasbodenbootstour zu einem Riff. Zwar war es mit dem Rollstuhl kein Problem an Bord zu kommen, doch schaukelte das Schiff im Stillstand über dem Riff trotz moderaten Wellengangs derart stark, dass es über der Hälfte der anwesenden Touristen schlecht wurde – inklusive uns. Und wirklich was erkennen konnte man trotz Glasboden auch nicht.

 

Als Rollstuhlfahrer in den USA – Eine ganz andere Wahrnehmung

Insgesamt war der Urlaub in den USA erneut ein tolles Erlebnis. Die guten Erfahrungen aus den Reisen 2014 und 2018 haben sich für uns wieder bestätigt. Die öffentliche Wahrnehmung als Rollstuhlfahrer ist eine ganz andere und wirkt einfach respektvoller. Außerdem wird wirklich überall alles Menschenmögliche getan, um Barrierefreiheit herzustellen und öffentliche Bereiche zugänglich zu machen. Daher wird es bestimmt nicht unsere letzte Reise über den „Großen Teich“ gewesen sein. Bleibt zu hoffen, dass die momentan geltenden Reiserestriktionen möglichst bald aufgehoben werden.

Für mehr Berichte von und über Frank Hüttenberger siehe:

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