Leben mit Querschnittlähmung: „Geschoben habe ich ihn noch kein einziges Mal.“

„Das kannste selber!“ Diese drei Worte klingen weder zärtlich noch romantisch, aber bestimmt. Sie sind vermutlich das Glücksgeheimnis von Daniela und Werner Vogt. Seit 30 Jahren sitzt er wegen einer Querschnittlähmung im Rollstuhl – und seit 30 Jahren tut sie vieles, aber „den Hintern trage ich ihm ganz bestimmt nicht hinterher.“

Selbstbewusst und selbstbestimmt: Daniela Vogt genießt den Alltag und Auszeiten.

Daniela Vogt begleitete ihren Mann durch die erste schwere Zeit nach seinem Unfall und durch die vielen schönen Jahre danach, aber niemals betüddelte sie ihn – „geschoben habe ich ihn in seinem Rollstuhl noch kein einziges Mal“.

Wenn die heute 57-Jährige von ihrer Rolle in der Beziehung spricht, klingt alles einfach. Aber man ahnt: Eine wichtige Zutat im Glücksrezept dieser Ehe ist die Bereitschaft, auch die eigenen Bedürfnisse zu respektieren und die Fähigkeit, dem anderen etwas zuzutrauen.

Wie das aussehen kann, erklärt sie anhand eines typischen Dialogs, wie er in den ersten Jahren nach dem Unfall häufig im Hause Vogt zu hören war:
Er: „Kannst Du mir mal schnell das und das bringen?“
Sie: „Nein, das kannste selber!“
Er: Aber Du bist viel schneller!
Sie: Ja, aber Du kannst es selber!

Schon in der Klinik, in der ihr Mann zur Erst-Reha war, wurde ihr zu dieser Haltung geraten, auch um zu verhindern, dass ein Betroffener sich in die Unselbstständigkeit fallen lässt. Vielleicht einer der wichtigsten Tipps, die Daniela Vogt den Partnerinnen von Frischverletzen geben kann: „Kein Mitleid „spenden“, sondern nach wie vor gleichberechtigt (und gleichverpflichtet) zusammenleben, soweit dies in der jeweiligen individuellen Situation möglich ist.

Querschnittlähmung als Cut auch für die Partnerin und die Familie

Wenn der Partner plötzlich querschnittgelähmt ist, bedeutet das auch für die Partnerin und die Familie einen tiefen Cut. Daniela Vogt war 27, als ihr Mann, damals Bau- und Kunstglaser, verunglückte: Er stürzte mit der Feuerleiter, auf der er sich befand, zu Boden, als diese mitsamt Schrauben und Dübel aus der Wand gerissen wurde. Seither ist er ab Höhe L2/L3 inkomplett querschnittgelähmt.

„Ich bin am Anfang in ein tiefes Loch gefallen“, erzählt die heute 57-Jährige. „Ich wusste nicht, wie es weitergehen soll, auch wegen der finanziellen Unsicherheit. Ich war Hausfrau, die Kinder waren noch ganz klein, so einen Luxus wie heute mit Betreuungsplätzen für Kleinkinder gab es noch nicht. Ich habe zwar nicht komplett mit dem Schicksal gehadert, aber ein paar Tränen habe ich schon geweint.“

Reiselustig: Daniela Vogt und ihr Mann sind viel in der Welt unterwegs – hier am Bodensee.

Geholfen hat ihr der Rückhalt in der Verwandtschaft, vor allem der Schwiegermutter, die ihr viel abnahm und die Kinder versorgte, wenn sie selbst zu ihrem Mann in die Klinik wollte. Fast jeden Abend kam auch die Frau des Kollegen vorbei, der mit auf dem Gerüst stand, als Vogt verunglückte: „Die haben gedacht, sie müssen uns auffangen … das war wirklich gut, da konnte ich mich austauschen, mit der konnte ich über alles reden.“
„Hilfe von außen auch annehmen“

Dass viele Menschen sie aufgefangen und gestützt haben, hat Daniela Vogt in der Zeit nach dem Unfall ihres Mannes sehr geholfen. Und sie wünscht auch jeder anderen Partnerin eines Frischverunfallten derartige Unterstützung: „Wenn man keine Familie hat oder nur den Partner, dann braucht man Hilfe von außen. Und die sollte man auch annehmen. Ich war damals auch froh um jede Hilfe.“

Auch ihr Mann hat die Erfahrung gemacht, dass nach Eintritt einer traumatischen Querschnittlähmung Einzelkämpfertum kein Daseinszustand ist, der einem künftig das Leben erleichtert: Ein Netz aus nahestehenden Menschen hält er für „extrem wichtig“ und rät deshalb jedem Betroffenen, dieses Netz nicht zur zu benutzen, sondern vor allem auch zu hegen und zu pflegen: „Schließlich muss nicht jeder meine Anfängerfehler machen.“

„Ich habe ja auch noch ein eigenes Leben“

Auch Werner Vogt ist gerne auf Tour. Seit deutlich mehr als 30 Jahren teilt er sind Leben mit Ehefrau Daniela.

Einer seiner Anfängerfehler bestand zum Beispiel darin, seine Frau vereinnahmen zu wollen. Die ersten Jahre nach dem Unfall waren „wirklich hart. Als Werner nach der Klinik nach Hause kam, hätte er gerne gehabt, dass ich immer bei ihm gewesen wäre“, erinnert sich Daniela Vogt. Dass er sich damals nicht völlig korrekt verhalten hat, weiß Vogt seit langem selbst: „Mein Umgang mit ihr war schlimm. Ich wurde zum Kontrollfreak. Ich saß da allein in der Wohnung, meine Frau konnte raus, wann immer sie wollte, darauf war ich neidisch. Der Tiefpunkt war gekommen, als sie regelrecht Rechenschaft darüber ablegen sollte, warum sie gerade nicht in der Wohnung war, wo ich sie doch für irgendetwas gebraucht hätte.“

Daniela Vogt kamen zwei Dinge zu Hilfe: Erstens ihr Naturell – sie selbst beschreibt sich als quirliges Stehaufmännchen. Und zweitens ihr Selbstbewusstsein: „Er war verärgert, wenn ich länger weg war, aber ich wollte mich nicht einsperren lassen. Das habe ich so nicht mitgemacht. Ich lasse mich nicht anbinden. Ich habe ja auch noch ein eigenes Leben.“

Den Vogts hat es gut getan, dass beide auch auf ihre eigenen Bedürfnisse geachtet haben. Seit 37 Jahren sind sie glücklich miteinander. Und manchmal auch ohneeinander: „Wir unternehmen sehr viel zusammen“, sagt Daniela Vogt, „wir biken, lesen abends auf der Terrasse, feiern richtig gern und legen auch mal ganz gemütlich Puzzles. Aber manchmal bin ich auch weg und mache eine Mädelstour mit meinen Freundinnen. Das ist mir wichtig.“

Und auch ihr Mann kann ganz gut ohne seine Daniela, zum Beispiel, wenn er als Peer der FGQ in der BG-Unfallklinik Duisburg Frischverletzte berät. Welche Tipps und Hilfestellungen er dabei gibt, schildert der Beitrag „Leben mit Querschnittlähmung: Fünf positive Lebensstrategien“, in dem Werner Vogt über seine Fehler spricht, vor allem aber auch darüber, wie man als Mensch mit Querschnittlähmung sein Leben neu und positiv ausrichten kann.