Leben mit Querschnittlähmung: „Türen schließen sich, Türen öffnen sich“

Aktive Teilhabe ist für Thorsten Ely kein Fernziel, sondern (Berufs-)Alltag. Der querschnittgelähmte Sportwissenschaftler wechselte vor drei Jahren zu einem Projekt des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), das Menschen mit Behinderungen in die Arbeit im gemeinnützigen Sport integriert. „Auch außerhalb des Sports bräuchten wir als Anschubhilfe für die Inklusion mehr solcher geförderten Maßnahmen“, findet er. „Damit kann man zunächst für sich selbst, in der Konsequenz aber auch für die gesamte Gesellschaft unglaublich viel erreichen.“

Ely ist seit einem Arbeitswegeunfall auf Höhe des dritten Brustwirbels querschnittgelähmt. Nach nur neun Monaten fing er wieder an zu arbeiten. Sein damaliger Arbeitgeber hatte die Zeit genutzt und ihm ein rollstuhltaugliches Arbeitsumfeld geschaffen: „Meine Schwerpunkte waren Prävention und Reha. Ich habe viele Menschen, die frisch operiert waren, durch Sport wieder fit bekommen.“ Insgesamt 14 Jahre arbeitete er in dem Gesundheitssportzentrum, bis er durch Zufall auf die Ausschreibung des DOSB stieß. „Qualifiziert für die Praxis“ nannte sich das Projekt, in dem über 20 schwerbehinderte Menschen sich eine Zukunft als Inklusionsmanager für den gemeinnützigen Sport aufbauen konnten. Finanziert wurde das Projekt vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS), Arbeitgeber waren Vereine und Verbände.

„Es braucht Mut und Unterstützung“

Mit Ende 40 etwas Neues zu wagen und die eigenen Perspektiven zu erweitern – dazu gehören Courage und Selbstvertrauen. Ely hat das Glück, „durch die Unterstützung von Familie, Freunden und Berufsgenossenschaft den Mut und die Motivation zu gewinnen, beruflich neue Wege zu gehen.“ Zudem kann er bei seiner neuen Tätigkeit auf viele Fähigkeiten und Erfahrungen aufbauen: „Als Diplom-Sportwissenschaftler hatte ich entsprechende Vorkenntnisse. Außerdem war ich früher selbst in der Turnerjugend sehr aktiv. Da hat es super gepasst, dass ich bei der Deutschen Turnerjugend anfangen konnte. Das Restrisiko, nach dem befristeten Projekt nicht übernommen zu werden, bin ich eingegangen. Ich hab` mir gedacht: Irgendetwas wird sich auf jeden Fall ergeben.“

„Im Leben schließen sich Türen und andere öffnen sich“ – das ist Elys Lebensmotto und seine Motivation. Nachzulesen auch in seinem Steckbrief auf den Seiten des DOSB (siehe externer Link: Steckbrief Sport-Inklusionsmanager in der Deutschen Turnerjugend und im Deutschen Turner-Bund e. V.). Stillstand war noch nie seine Sache: „Wenn man drei Kinder hat, will man sie in ihrer Entwicklung unterstützen, wozu auch ein eigenes Einkommen gehört, damit man mal Campen gehen oder Ausflüge machen kann. Natürlich hätte ich nach meinem Unfall 2009 auch zu Hause zu bleiben können. Aber das würde niemandem helfen, wenn ich daheim bin und mir die Decke auf den Kopf fällt.“

Mit seiner Frau teilt er sich im alten wie im neuen Job Haushalt, Kinderbetreuung und Geldverdienen. Beide arbeiten in Teilzeit. Damit bleibt Zeit für die Familie, für „all die Probleme und Nebenbaustellen, die ein Querschnittgelähmter so mit sich rumschleppt“ und für die ehrenamtliche Arbeit als Übungsleiter im Verein. „Leider hab` ich so viel um die Ohren, dass ich selber kaum noch Sport treiben kann, nur ein bisschen Handbiken und Fitness.“

„Wer sich für Sport begeistert, sitzt nicht gern zuhause“

Aktiv für den Sport: Thorsten Ely, hier bei einem Fachforum.

Die Freude am Aktiv-Sein, am Sport und am Neuen war der gemeinsamen Nenner der Projektteilnehmer: „Da gab es keine Typen, die zu Hause sitzen. Die waren ohnehin schon motiviert. Jemand, der sich vergraben will, den holt man auch durch Projekte nicht raus. Jemand, der sich für den Sport engagiert, ist niemand, der zuhause sitzt.“ Andererseits war die Truppe bunt gemischt: Menschen mit Glasknochenkrankheit oder Diabetes, Bürokaufleute oder auch ein Mechatroniker waren dabei. Zu Elys Jahrgang gehörten elf Leute, acht wurden nach Ende der geförderten Maßnahme übernommen.

Die Anforderungen des Projektes waren anspruchsvoll: „Ich habe in den zwei Jahren unwahrscheinlich viel gelernt, zum Beispiel habe ich an der DSOB-Führungsakademie Fortbildungen gemacht im Bereich Verbandsmanagement mit über 240 Lerneinheiten, das war sehr intensiv. Aber die Schulung hat viel für den Bereich Projektmanagement gebracht, da habe ich gelernt, wie man neue Inklusionsideen im Verband angehen und auch umsetzen kann.“ Heute arbeitet er weiterhin als Inklusionsmanager bei der Deutschen Turnerjugend und in Teilen auch für den Gesamtverband. Zwei Bereiche, „in denen es noch sehr viele spannende Dinge zu tun gibt“.

Das große Ziel: Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung sollen völlig selbstverständlich zusammen turnen. Die Deutsche Turnerjugend als Dachverband will dazu den Landesverbänden Impulse geben, um die Inklusion innerhalb der Sportfamilie weiter voranzubringen. Ely und seine Kollegen sammeln Ideen, sorgen für die Vernetzung möglichst vieler Akteure und geben Anschubhilfen, indem sie zum Beispiel Vereine ermutigen, sich aktiv um Kooperationen mit Kitas, Schulen oder auch Einrichtungen für Menschen mit Behinderung zu bemühen. Parallel dazu werden Sportarten inklusiv weiterentwickelt und neue Formen der Veranstaltungsorganisation unter dem Aspekt der Barrierefreiheit erarbeitet. Im Jahr 2020 sollen zudem möglichst viele junge Menschen für die Inklusionsarbeit gewonnen werden.

Geförderte Maßnahmen als Impulsgeber

Für Ely war der Switch weg vom aktiven Umgang mit Menschen hin zum planerischen, projektorientierten Bereich Verwaltung genau das Richtige. Möglich wurde ihm die berufliche Neuorientierung durch die Unterstützung des DOSB. Ohne die gesponserte Initialzündung hätte er vermutlich keinen Neustart gewagt. Auch deshalb wünscht er sich auch außerhalb des Sports mehr solcher geförderten Maßnahmen. „Im sportlichen Bereich hat sich durch dieses Projekt immens viel geändert. Es wäre toll, wenn auch andere Bereiche –durch geförderte Maßnahmen – nachziehen würden. An meinem Beispiel sehe ich, dass durch gesponserte Einstiegsprojekte für behinderte Menschen längerfristige Engagements entstehen können, die dann wiederum in der Breite sehr viel in Sachen Inklusion bewegen können.“


Der Text wurde in Ausgabe 2/2020 der Zeitschrift  PARAplegiker (Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Deutschland e. V.) erstveröffentlicht.