Traumaverarbeitung nach Eintritt einer Querschnittlähmung

Eine traumatische Querschnittlähmung stellt eine enorme Belastung im Leben Betroffener dar. Ihre Verarbeitung ist ein Prozess, der sich über mehrere Jahre hinziehen kann. Helfen können u. a. zwei Therapieformen der Traumaverarbeitung.

„Ein Trauma entsteht durch ein überwältigendes Ereignis, welches sich im Nervensystem abspeichert. Eine Situation wird dann als traumatisch empfunden, wenn sie von unserem Nervensystem als zu früh, zu stark und zu schnell wahrgenommen wird. Dadurch werden unsere normalen Orientierungsreaktionen behindert, der Reaktionszyklus kann nicht vollendet werden. Es kommt zu einer Spaltung von Denken und Fühlen und dadurch zu körperlichen und geistigen Störungen (Zäch/Koch, 2006).“ Beim Eintritt einer Querschnittlähmung ausgelöst durch Unfall, Krankheit oder Gewalteinwirkung, sind diese Merkmale gegeben, und in der Rehabilitation von Betroffenen muss ein besonderes Augenmerk auf die psychologische Aufarbeitung des Erlebten gelegt werden.

Betroffene erleben den schockierenden Bruch zwischen ihrem Leben vor und nach dem Ereignis, begleitet von Gefühlen wie Trauer, Zorn, Frustration und Angst. Der Verarbeitungsprozess kann vier bis fünf Jahre (oder länger) dauern und grenzt die traumatisch bedingte Querschnittlähmung von angeborenen Lähmungen ab (Eisenhuth, 2012).

Die traditionell verwendeten Phasenmodelle in der Psychologie Querschnittgelähmter gelten heute als überholt (siehe auch: Psychologische Aspekte bei traumatischer Querschnittlähmung), werden aber vielfach trotzdem noch als Orientierungshilfe herangezogen (Eisenhut 2012). Es herrscht jedoch weitgehend Einigkeit, dass Modelle den komplexen persönlichen Prozess im Umgang mit einer Querschnittlähmung nicht vollständig erklären können. „Jeder Mensch erlebt psychische Belastungen, Verluste und Enttäuschungen individuell und jeder geht auf seine Weise damit um. Deshalb muss die individuelle Bewältigungsstrategie eines Menschen unbedingt respektiert werden“ (Zäch/Koch, 2006).

Verarbeitung traumatischer Querschnittlähmung

Bei der Bewältigung nach Eintritt eines traumatischen Erlebnisses, können verschiedene Therapieformen eingesetzt werden. Neben der klassischen Gesprächstherapie (siehe auch: Psychologische Aspekte bei traumatischer Querschnittlähmung) können dies u. a. die somantische Traumatologie oder EMDR sein.

  • Somatische Traumatologie (auch: Somatic Experience (SE))

Die somatische Traumatologie nach Levine, Just und Goldmann wird seit Jahren erfolgreich im Schweizer Paraplegiker-Zentrum Nottwil eingesetzt. Ihr Ziel ist es, die Energie des Patienten, die im traumatischen Ereignis gebunden ist und dadurch den Lebensprozess erstarren lässt, wieder in den Lebensprozess zurückzuführen. Durch die Erfahrung, dass das Erlebte positiv genutzt werden kann, sollte es für den Betroffenen wieder möglich sein, Zukunftsperspektiven zu entwickeln (Zäch/Koch, 2006).

Im Mittelpunkt der Arbeit mit somantischer Traumatologie steht das Nach- und Aufspüren (tracking) von Körperempfindungen und -impulsen, Emotionen, inneren Bildern, Gedanken und Überzeugungen. Entscheidend ist, laut anwendenden Therapeuten, dass das Nervensystem eingefrorene Energie in kleinen Dosen „auftauen“ und schrittweise entladen kann. Tief verankerte Nachwirkungen des Traumas im Körper sollen sich so schonend auflösen können.

In der somantischen Traumatologie geht es darum, die Verbindung zu sich selbst und zum eigenen Körper wieder aufzunehmen, denn nach einem Trauma ist der Körper zum Gegner geworden. Er produziert Symptome, die unerklärlich sind und das Leben einschränken. Daher ist Aufklärung ein wichtiger Bestandteil einer Sitzung. Sie hilft zu verstehen, wie bestimmte Symptome mit erlebten Traumatisierungen zusammenhängen.

In einer Sitzung lernt der Betroffene in der Gegenwart verankert zu bleiben, während er über seine traumatische Erfahrungen spricht. Dabei werden Ressourcen aktiviert, die in der traumatischen Situation fehlten. Das körperliche Empfinden kann dadurch verändert werden. spüren ihnen im Körper nach. Die Therapeuten arbeiten mit einer Kombination aus Gesprächs-, Körper- und Bewegungstherapie oder auch kreativen Methoden. (SE, 2020).

Die somatische Traumatologie kann bei der Traumaverarbeitung, bei Dissoziation, Depressionen aber auch bei chronischen Schmerzen als Folge einer Querschnittlähmung helfen.

  • EMDR

Die EMDR Therapie wird, soweit der Redaktion bekannt, derzeit nicht in Querschnittszentren im deutschsprachigen Raum eingesetzt, es gibt aber internationale Studien*, die zeigen, dass sie sich zur Unterstützung bei der Traumaverarbeitung bei Querschnittlähmung eignet. Entwickelt wurde sie u. a. zu Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen.

EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing (dt. = Augenbewegung, Desensibilisierung und Wiederverarbeitung). Mit von einem Therapeuten mit der Hand geführten Augenbewegungen soll der Verarbeitungsprozess unterstützt werden. Es wird angenommen, dass die bilaterale Stimulation mittels bestimmter Augenbewegungen beide Gehirnhälften miteinander in Einklang bringt und ein Neubewerten der traumatischen Erfahrung ermöglicht. Auch besteht ein Bezug zu den REM-Phasen des Schlafes (REM = Rapid Eyes Movement; dt. Schnelle Augenbewegungen), in denen starke Augenbewegungen stattfinden, bei denen die Erlebnisse des Alltags verarbeitet werden sollen.

Bei der Behandlung wird der Patient gebeten, mit einem bestimmten Erinnerungsbild, den dazugehörenden Gefühlen und der negativen Wahrnehmung der Situation in Kontakt zu treten. Gleichzeitig erfolgt die erwähnte bilaterale Stimulation über geführte Augenbewegungen. Von diesem Zeitpunkt an läuft der Prozess eigendynamisch und individuell. Typisch ist eine schnelle assoziative Folge wechselnder Eindrücke, Affekte und Gedanken. Sie führt in der Regel zu einer spürbaren Entlastung des Betroffenen – auch wenn zwischenzeitlich intensivere Affekte anklingen können.

Die EMDR Therapie wird neben der posttraumatischen Belastungsstörung auch erfolgreich bei der Behandlung von Depressionen, Angststörungen, chronischen Schmerzen und Suchtverhalten eingesetzt (Hase, 2020).

*The Effect of Eye Movement Desensitization and Reprocessing on Depression and Anxiety in Patients with Spinal Cord Injuries

und

Cognitive Group Therapy, Stress Management, and Desensitization Through Eye Movement Reprocessing in Reducing Depression Severity AmongPatients with Spinal Cord Injury