Meine Querschnittlähmung und ich: Und mein Baby

Ich bin querschnittgelähmt, Sie erinnern sich? Trotzdem war der Eintritt dieser Querschnittlähmung nicht die größte und auch nicht die beängstigendste Veränderung in meinem Leben. Die größte und die beängstigendste (und natürlich auch die fantastischste) Veränderung in meinem Leben war es, Vater zu werden.

In dem Augenblick, in dem ich meinen Sohn das erste Mal auf dem Ultraschallbild sah, bekam ich so viel Angst wie noch nie zuvor in meinem Leben. „Das ist deiner“, flüsterte eine Stimme in meinem Kopf. „Du bist für ihn verantwortlich. Das darfst du auf keinen Fall versauen.“ Und: „Wie um alles in der Welt, willst du das mit deiner Tetraplegie schaffen?“

Wohlgemerkt: Ich machte mir keine grundsätzlichen Sorgen, wie: „Wird mein Kind einen Vater im Rollstuhl akzeptieren?“ Oder: „Wird er deswegen später aufgezogen werden?“ Ich hatte genug Kumpel in meinem Rugbyteam, die Kinder hatten, und da waren diese Punkte nie ein Problem gewesen. Nein, ich machte mir sehr spezifische Sorgen, wie: „Wie werde ich mein Kind mit meiner eingeschränkten Handfunktion versorgen können?“ Und: „Wie soll ich es vom Boden hoch oder aus dem Gitterbettchen kriegen?“

Natürlich beschäftigten meine Frau und ich uns schon vor der Geburt mit diesen Fragen und wir stellten fest, dass es für die meisten Problem auch Lösungen zu geben schien. Wir fanden Kindersitze, die man am Rollstuhl festmachen kann. Gurtsysteme, in die ich zum Hochheben meinen Arm haken konnte. Videos, die zeigten, wie und mit welchen Hilfsmitteln andere Eltern mit Tetraplegie ihre Kinder versorgten und stillten. Wir besorgten Strampler mit Klettverschlüssen, mein Schwiegervater baute uns einen unterfahrbaren Wickeltisch. Und das Wickeln selbst übte ich an einem Teddy.

Wir waren also vorbereitet und am Anfang halfen mir all diese Dinge ganz gut, meine Ängste unter Kontrolle zu halten. Aber dann kam der Tag, an dem meine Frau uns das erste Mal alleine ließ. Und ich die Windel wechseln sollte…

Wir haben das geübt, Sohn.

Kaum ist meine Frau aus dem Haus rolle ich ins Kinderzimmer und sehe meinem kleinen Schmusekater beim Schlafen zu. (Ach, kommen Sie! Welche neuen Eltern kennen das nicht?) Selig seufzend lege ich die Hände in den Schoss und wünsche mir fast ein bisschen, dass er bald aufwacht. Eine halbe Stunde später tut er das auch. Und von da an geht es abwärts mit der bindungsstärkenden Vater-Sohn-Zeit, denn der Kater ist etwas ungehalten – was darauf hindeutet, dass er die Windel voll hat.

„Kein Problem“, sage ich. „Wir haben das geübt, Sohn.“

Ich klappe, das Gitterbett auf, hieve meinen strampelnden Sohn auf meinen Schoß, fahre mit ihm zum Wickeltisch, wuchte in rauf und will tun, was ich schon mehrfach getan habe. Allerdings geht heute alles schief. Ungeschickt, als wäre es das erste Mal, fummle ich den Strampler auf und befreie mein Kind von der ziemlich vollen Windel. Das alles dauert natürlich viel länger als bei meiner Frau und heute scheint der Kleine mir das übel zu nehmen. Vielleicht merkt er aber auch wie nervös und gestresst ich bin, denn wenn ich jetzt versage, kann ich nicht, wie bei den vorherigen Malen, einfach um Hilfe bitten. Wir sind alleine. Heute muss es klappen. Meine Angst ist wieder da und ruft mir zu „Das darfst du auf keinen Fall versauen!“

Der Klebestreifen der vollen Windel beißt sich an meinem Ärmel fest, ich fluche, der Kater fährt seine Krallen aus und beklagt sich lautstark über Kälte und Verzögerung, ich sage „Sohn, wer schreit hat unrecht!“, schüttle die Windel ab und lasse sie dabei fallen – dann trifft ein Schwall warmen Babyurins mein Gesicht. Und die verdammten Feuchttücher stehen ganz oben im Regal… In diesem Augenblick hasse ich es querschnittgelähmt zu sein!

Das folgende wütende Weinen und verzweifelte Schluchzen sind herzzerreißend. Aber mein Sohn lässt sich von meinem Geheule nicht beeindrucken und zwingt mich dazu endlich Leistung zu bringen. Irgendwie schaffe ich es schließlich uns beide trockenzulegen und mit sauberen Kleidern zu versorgen.

Und Tschüss, liebe „Du kommst aus dem Gefängnis frei“-Karte.

Als wir eine gefühlte Ewigkeit später wieder halbwegs zufrieden ins Wohnzimmer rollen, wird mir eines klar: Für meinen Sohn ist meine Tetraplegie keine „Du kommst aus dem Gefängnis frei“-Karte. Keine Ausrede, mit der ich mir Ärger ersparen oder in unangenehmen Situationen „Ich kann nicht, ich bin querschnittgelähmt.“ sagen kann. Für ihn bin ich nicht der Typ im Rollstuhl mit der eingeschränkten Handfunktion. Für ihn bin ich Papa und ich habe zu tun, was Papas eben so tun.

Und wissen Sie was? Das werde ich!

Ich werde ihn füttern, ich werde ihn wickeln, ich werde ihn aufheben, wenn er hinfällt.

Und da wird es nicht aufhören: Wenn er Fußball spielen will, werde ich ihn anfeuern. Wenn er Rad fahren will, werde ich auf dem Handbike direkt hinter ihm sein. Wenn er mit sechzehn sein erstes offizielles Bier zischen will, werde ich ihm eines ausgeben! Ich werde alles mit ihm machen, was andere Väter auch tun. Vielleicht etwas langsamer, vielleicht mit Hilfsmitteln, vielleicht ein bisschen anders und in abgewandelter Form. Aber ich werde nicht nur Zuschauer im Leben meines Sohnes sein, sondern eine aktive Rolle spielen.

Auf keinen Fall werde ich zulassen, dass meine Tetraplegie mich daran hindert.

Und meine Angst auch nicht.


Die Kolumnenbeiträge sind inspiriert von Gesprächen der Redaktion mit Lesern. Alltagstipps, eine witzige Begebenheit, eine emotionale Begegnung, eine ärgerliche, aber typische Situation: Was die Leser von Der-Querschnitt.de beschäftigt, greifen die Redakteure gerne an dieser Stelle auf.

Einfach eine E-Mail an info@der-querschnitt.de schicken – die Redaktion freut sich auf spannende Ideen und Anregungen!