Querschnittlähmung und das Coronavirus

Weltweit steigen die Covid-19-Zahlen. Ob Menschen mit Querschnittlähmung ein erhöhtes Risiko haben, sich mit dem Corona-Virus zu infizieren, ist weiterhin unklar. Sicher scheint jedoch: Sie haben ein erhöhtes Risiko, einen schweren Krankheitsverlauf zu entwickeln. Wie können sie sich schützen? Wie ist der Stand von Wissenschaft und Experten? Zu diesen Fragen hat die Redaktion aktuelle Informationen aus offiziellen Quellen gesammelt und Linklisten zusammengestellt.

SARS-Coronavirus-2 (SARS-CoV-2, Isolat SARS-CoV-2/Italy-INMI1). Elektronenmikroskopie, Negativkontrastierung (PTA). Maßstab: 100 nm. Quelle: Tobias Hoffmann, Michael Laue, Robert Koch-Institut (RKI), 2020.

Kurz zur Begriffsbestimmung: Infektionskrankheiten können durch Bakterien, Viren, Pilze oder Parasiten verursacht werden, eine Ansteckung ist über direkten (z. b. Anhusten) oder indirekten (z.B. Händeschütteln) Kontakt möglich. Im Jahr 2019 wurde erstmals ein neuer Vertreter der Familie der Coronaviren (benannt nach ihrem Aussehen, corona = Kranz, Krone) beschrieben, der u. a. eine neuartige Lungenerkrankung hervorruft. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) benannte die Krankheit „Covid“, benannt nach den Anfangsbuchstaben der Worte Corona, Virus und Disease (engl., =Krankheit), ergänzt durch das Jahr des ersten Auftretens: 2019.

Das Virus selbst erhielt den Namen SARS-CoV-2, da es ein Severe Acute Respiratory Syndrom (Schweres akutes Atemwegssyndrom) hervorruft, ein Corona-Virus ist – und genetisch eng verwandt mit dem SARS-Virus ist, das vor einigen Jahren Schlagzeilen machte. Inzwischen hat sich die Bezeichnung Corona-Virus, bzw. -Infektion eingebürgert.

Erhöhtes Risiko eines schweren Verlaufs

Zu der Frage, ob querschnittgelähmte Menschen generell ein erhöhtes Risiko haben, sich mit dem Corona-Virus zu infizieren, liegen der Redaktion (Stand: November 2020) keine belastbaren Zahlen vor. Inwieweit die Immunabwehr bei Menschen mit chronischer Querschnittlähmung beeinträchtigt ist, ist Gegenstand der aktuellen Forschung (siehe auch: Das Immunsystem).

Aber es scheint Hinweise darauf zu geben, dass einige Menschen mit Querschnittlähmung ein erhöhtes Risiko für schwerere Krankheitsverläufe haben, falls sie sich mit Corona infizieren. Die britische Vereinigung von Querschnitt-Spezialisten (British Association of Spinal Cord Injury Specialists) weist in einem Papier (siehe: Management of SCI Patients During COVID-19 Pandemic) darauf hin, dass Patienten mit Rückenmarkverletzungen, insbesondere solche mit hoher Lähmung, im Allgemeinen ein höheres Ausgangsrisiko für die Entwicklung von respiratorischen Komplikationen und Sepsis-bezogenen Komplikationen als Folge einer veränderten Physiologie der Atemwege hätten. Dies sei auf die Multisystem-Dysfunktion zurückzuführen, insbesondere auf die Dysfunktion des Atemsystems (Verlust der Brustwandmuskulatur und Unfähigkeit zu Husten) im Zusammenhang mit einer Rückenmarkverletzung. Diese Personen haben daher auch ein erhöhtes Risiko, Komplikationen im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion zu entwickeln. Die überdurchschnittliche Häufigkeit (Inzidenz) medizinischer Begleiterkrankungen (Komorbiditäten) und die höhere Inzidenz in der älteren Bevölkerung, die eine Rückenmarksschädigung erlitten hat, erhöhe das Risiko weiter.

Auch die Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Deutschland (FGQ) sieht eine besondere Gefährdung dieser Personengruppe: „Menschen mit einer hohen Rückenmarksverletzung sind aufgrund von häufig bestehenden Einschränkungen bei der Atmung und des Immunsystems anfälliger für einen schweren Verlauf von Covid-19.“ (siehe auch: Europaweites Hilfsprojekt von 32 europäischen Selbsthilfeorganisationen).

Die Deutschsprachige Medizinische Gesellschaft für Paraplegiologie (DMGP), Deutsche Stiftung Querschnittlähmung (DQS)und FGQ geben in einem im November 2020 aktualisierten (externer Link) gemeinsamen Papier zu Bedenken: „Es gibt bisher wenig Erfahrungswerte, ob Menschen mit Querschnittlähmung ein erhöhtes Risiko haben, an Covid-19 zu erkranken bzw. einen schwereren Verlauf der Erkrankung durchzumachen. Basierend auf wenigen bekannten Fallberichten wurden – entgegen der ursprünglichen Vermutung – sowohl völlig asymptomatische Infektionen mit dem SARS-CoV-2 Virus bei Tetraplegikern als auch schwerere Verläufe bei Paraplegikern mit der Notwendigkeit der intensivmedizinischen Betreuung beobachtet. Ausgeprägtere Krankheitsverläufe korrelieren dabei v.a. mit bekannten Faktoren wie Alter und Begleiterkrankungen und nicht mit der Verletzungsschwere oder Verletzungshöhe der Querschnittlähmung.“ In eine etwas andere Richtung argumentiert die Schweizerische Gesellschaft für Paraplegie in ihrer „Empfehlung COVID-19 für Menschen mit Querschnittlähmung in der Schweiz“, die zum Thema individuelle Immunkompetenz zusammenfasst: „Die Immunabwehr und das daraus resultierende Risiko einer schweren Infektion werden nach heutigem Stand des Wissens durch das Alter, die Lähmungshöhe, die Lähmungsausprägung und durch Komorbiditäten (andere Erkrankungen) beeinflusst.“ Menschen mit einer Tetraplegie oder einer Paraplegie mit einer Läsionshöhe oberhalb von Th6 seien besonders gefährdet – zusätzlich sollte in die Risikobeurteilung auch das Risiko für sekundäre Komplikationen im Falle einer COVID-19 Erkrankung einbezogen werden – zum Beispiel Lungenentzündungen (Pneumonien) und Druckstellen (Dekubitus).

Es gibt also gute Gründe, weshalb es u. a. für einige Querschnittgelähmte, aber auch für Menschen mit anderen Behinderungen, so wichtig ist, sich selbst vor einer Infektion mit dem Corona-Virus zu schützen – und darauf zu bauen, dass auch andere etwas gegen die Ausbreitung der Pandemie tun. Und wer könnte diese Notwendigkeit besser erklären, als die Betroffenen selbst? Siehe zum Beispiel (externer Link) „Hi, wir sind´s. Die Risikogruppe“.

Wie können Menschen mit Querschnittlähmung sich schützen?

Auf vielen offiziellen Seiten gibt es Empfehlungen, wie Menschen sich und andere vor Corona schützen können und so dazu beitragen können, die Ausbreitung der Pandemie zu stoppen. Einige davon sind speziell an Menschen adressiert, die mit dem Risiko eines schwereren Krankheitsverlaufes leben.

Allgemeine Informationen und Handlungsempfehlungen

Informationen zu einzelnen Schutzmaßnahmen

Die empfohlenen Maßnahmen (Abstand halten, Maske tragen) wirken offenbar. Eine internationale Studie, finanziert von der WHO, hat untersucht, wie sinnvoll das Einhalten der entsprechenden Regeln ist: Ein Forscherteam um den Kanadier Dr. Derek K. Chu (McMaster University) analysierte dazu in einer Metaanalyse 172 Beobachtungs- und 44 Vergleichsstudien zu SARS, MERS, COVID-19 und den für diese Erkrankungen verantwortlichen Viren.

Die Ergebnisse in Kurzfassung:

  • 1 Meter Abstand verringert das Risiko einer Infektion um 82 %
  • Das Tragen eines einfachen Mund-Nasenschutzes reduziert die Ansteckungswahrscheinlichkeit um 67 %
  • Teilchenfiltrierende Masken (für Ärzte und Pflegepersonal) reduzieren das Risiko um bis zu 96 %
  • Mehrlagige Masken sind deutlich effektiver als einlagige – dies gilt auch für selbstgenähte Masken

Die Originalstudie kann unter Physical distancing, face masks, and eye protection to prevent person-to-person transmission of SARS-CoV-2 and COVID-19: a systematic review and meta-analysis abgerufen werden, über sie berichteten einige Publikationen, z. B. Maske und Abstand: Welche Maßnahmen schützen wirklich vor dem Coronavirus? (Medical Tribune), Was Abstandsregeln und Maskenschutz bewirken (Ärztezeitung).

Informationen zum Umgang mit der Corona-Krise aus psychologischer Sicht

Die European Spinal Psychologists Association (ESPA), die Vereinigung europäischer Psychologen für Querschnittlähmung, schrieb im November 2020 über die psychologischen Belastung von Menschen mit Querschnittlähmung während der Corona-Krise: „Dies ist eine herausfordernde Zeit, um Menschen mit Rückenmarksverletzungen psychologisch zu unterstützen.“ Und auch das medizinisches Fachpersonal stünde vor einer erheblichen Herausforderung. Die ESPA hat einige (englischsprachige) Ressourcen zusammengetragen, die helfen sollen die Corona-Zeit zu verstehen und zu überstehen.

  • Mental health outcome for health worker (mentale Gesundheit für Menschen in Gesundheitsberufen) https://jamanetwork.com/journals/jamanetworkopen/fullarticle/2763229

und

Ein animierter englischsprachige Kurzfilm von Therapeut Dr. Ross Harris zeigt, wie man erfolgreich mit COVID 19 umgehen kann.

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Die Methode heißt FACE COVID, wobei die Buchstaben für einzelne Strategien stehen, die in ihrer Gesamtheit helfen sollen mit Frucht und Anspannung angesichts ungewohnter Situationen umzugehen:

  • F = Focus on what’s in your control. – Konzentrieren Sie sich auf die Dinge, die Sie kontrollieren können.
  • A = Acknowlegde your thoughts and feeling. – Erkennen Sie Ihre Gedanken und Gefühle an.
  • C = Come back into your body. – Kehren Sie in Ihren Körper zurück.
  • E = Engage in what you are doing. – Tuen Sie das, was Sie tuen bewusst.
  • C = Commited action – Bewusste Aktionen
  • O = Opening up – Sich der Situation öffnen
  • V = Values – Eigene Werte in der Krise erhalten
  • I = Identify Ressources – Sich der Menschen, Situationen und Dinge bewusst werden, auf die man sich verlassen kann.
  • D = Disinfect & Distance – Desinfizieren und Abstand halten

Für mehr Details siehe obenstehendes Video (in englischer Sprache).

Für weitere Informationen auf Der-Querschnitt.de siehe: Zum Umgang mit Angst und Verunsicherung in unruhigen Zeiten: Vorsicht ja, Panik nein. und Querschnittlähmung und Coronakrise: Emotionale und soziale Nähe bei räumlichem Abstand von und mit Dr. Jörg Eisenhuth

Bei Assistenzbedarf

  • Medizinische Geräte gründlich und gemäß den Anweisungen des Herstellers reinigen und desinfizieren
  • Sorgfältig auf Wechsel der Filter achten
  • Vor und nach der Arbeit mit dem Beatmungsgerät und bei Kontakten mit einem zu beatmenden Menschen: Hände gründlich reinigen
  • Alle Beteiligten sollten darauf achten, dass Assistenten und/oder Pflegepersonen eine Atemschutzmaske tragen, wenn Sekrete abgesaugt werden. Siehe auch Beitrag: Empfehlungen für Rollstuhlnutzer mit Atemproblemen und/oder Assistenzbedarf während der Coronakrise.
  • Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Deutschland (FGQ): Im Rahmen eines europaweiten Projekts, an dem 32 europäische Selbsthilfeorganisationen beteiligt sind, stellt die FGQ Masken zur Verfügung. Mehr Infos im Beitrag: Bei Assistenz- und Pflegebedarf: Kostenlose Masken für Hilfspersonen. Warum diese Aktion so wichtig ist, schildert Maria-Cristina Hallwachs in einem Video der FGQ  – siehe Beitrag: Darum brauchen Assistenten von querschnittgelähmten Menschen eine Maske.
  • Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen (ForseA) und Netzwerk für Inklusion, Teilhabe, Selbstbestimmung und Assistenz (NITSA):  In Gebieten mit Ausgangssperre müssen die Assistenten natürlich trotzdem zu den Menschen mit Assistenzbedarf kommen. Sollte es zu Kontrollen kommen und damit ein Arbeitsnachweis erforderlich werden, können hier entsprechende Vordrucke heruntergeladen werden.

Informationen für pflegende Angehörige

Informationen für medizinische Fachpersonen

Informationen zum Thema allgemeine Immunstärkung

Folgende Beiträge informieren darüber, wie Menschen mit Querschnittlähmung ihr Immunsystem stärken und allgemein die Infektionsanfälligkeit einschränken können:


Dieser Text wurde im Oktober 2020 grundlegend aktualisiert. Er wurde mit größter Sorgfalt recherchiert und nach bestem Wissen und Gewissen geschrieben. Die genannten Produkte, Therapien oder Mittel stellen keine Empfehlung der Redaktion dar und ersetzen in keinem Fall eine Beratung oder fachliche Prüfung des Einzelfalls durch Fachspezialisten wie z. B. Ärzte oder Apotheker. Unter keinen Umständen ersetzt der Text zudem eine rechtliche oder fachliche Prüfung des Einzelfalls durch einen Rechtsanwalt, Steuerberater oder sonstige Fachspezialisten.