Über das Leben mit Querschnittlähmung in Zeiten der Coronakrise: „Die Ausgangsperre muss kommen.“

Amelie Ebner ist Jurastudentin und lebt seit 2013 nach einem Skiunfall mit einer Tetraplegie. In Zeiten der Coronakrise gehört sie zur Risikogruppe; zu der Gruppe von Menschen, die durch das Virus besonders gefährdet sind.

Dabei ist vielen Menschen in Deutschland gar nicht bewusst, was es bedeutet zur Risikogruppe zu gehören. Während man den meisten Menschen ihr Alter durchaus ansieht, sind chronische Erkrankungen oder eine geschwächte Immunabwehr nicht notwendigerweise offensichtlich. Die Aktionsgruppe #Risikogruppe, zu der auch Ebner gehört, will auf die Situation von Betroffenen aufmerksam machen.

„Eine Ansteckung mit dem Coronavirus bringt mich in Lebensgefahr.“

Im Falle einer Querschnittlähmung ist es die Mobilitätseinschränkung, die am offensichtlichsten ist. Doch viele weitere Aspekte bleiben im Verborgenen. Bei einer Lähmungshöhe von C6, z. B., ist nicht nur das Immunsystem beeinträchtigt sondern auch die Atemfunktion.

In einem Gespräch vom 20. März 2020 erzählt Amelie Ebner (siehe auch: Lesenswert: Willkommen im Erdgeschoss): „Wenn ich mich anstecke, dann werde ich das nicht so einfach wegstecken können. Für mich bedeutet eine Ansteckung mit dem Coronavirus tatsächlich Lebensgefahr. Schon eine einfache Erkältung ist für mich problematischer als für andere Menschen. Das Coronavirus, das ja die Lungen angreift, wäre fatal.“

Auf die Frage, ob sie sich als Mitglied der Risikogruppe ausreichend ernstgenommen und geschützt fühle, findet Ebner deutliche Worte:

„Ganz klar, nein. Meine Freunde wissen natürlich, dass ich zur Risikogruppe gehöre und wollen mich schon gar nicht mehr besuchen. Meine Physiotherapie, zu der ich eigentlich zweimal in der Woche gehe, wurde abgesagt, weil meine Therapeutin, die ja täglich mit vielen Menschen zu tun hat, Angst hat mich anstecken zu können.“

„Aber die Normalbevölkerung nimmt die Situation und was sie – nicht nur, aber an erster Stelle – für mich und andere Betroffene bedeuten könnte, einfach nicht ernst genug. Sie stehen z. B. beim Bäcker in der Schlange dicht nebeneinander. Als ob nichts wäre! Kein Abstand wird da eingehalten, schon gar nicht der von ein oder zwei Metern, wie es ja empfohlen wird. Diese Sorglosigkeit entsetzt mich schon ein bisschen, denn es geht ja darum, die Ausbreitung des Virus zu verhindern oder zumindest zu verlangsamen. Dass da gewisse Maßnahmen ergriffen werden müssen, scheint bei vielen Leuten einfach nicht angekommen zu sein.“

Das liege, Ebners Meinung nach, u. U. auch an den verfügbaren Informationen in den Medien. „Es wird natürlich überall über Corona berichtet“, sagt sie. „Es gibt ja kein anderes Thema mehr. Aber wer genau in der Risikogruppe ist und wie ernst – wirklich ernst – die Folgen einer Ansteckung wären, darüber wird nicht gut genug aufgeklärt. Auf unser Initiative #Risikogruppe haben sich jetzt aber viele Medien – Zeitungen, Radio, Fernsehen – gemeldet, um mehr von uns zu erfahren. Vielleicht erreicht das ja doch den einen oder anderen.“

„Ich erledige alles von zu hause aus.“

Im Alltag ist die Tetraplegikerin auf Hilfe angewiesen. „Kochen, putzen, einkaufen. Das macht zum Glück alles meine Familie für mich. Ansonsten brauche ich im Alltag keine Assistenz. Dadurch bin ich klar im Vorteil gegenüber allen, die Assistenz brauchen und dadurch ja ständig anderen Leuten ausgesetzt sind.“

„Da die Physiotherapie abgesagt wurde, mach ich jetzt eigentlich alles von zu hause aus. Ich lerne die meiste Zeit für die Uni, räume ein bisschen auf. Ich verbringe auch viel Zeit mit meinem Bruder mit Kartenspielen oder meinem Hund, Spike. Ich trainiere mit meinen Fitnessgeräten und Therabändern oder ich rolle über die Terrasse. Den Kontakt mit meinen Freunden und Mit-Aktivisten halte ich über die Social Media.“

„Die Ausgangssperre muss kommen.“

Für Ebner und andere Mitglieder der Risikogruppe ist es von außerordentlicher Wichtigkeit, dass die Ausbreitung des Coronaviruses eingedämmt wird. Alleine schon die Situation in den Krankenhäusern und des ohnehin schon überlasteten medizinischen Personals, lasse anderenfalls keinen zuversichtlichen Blick auf die kommenden Wochen und Monate zu. Sie sagt: „Ich wünsche mir ganz klar, dass die Menschen in Deutschland endlich den Ernst der Lage erkennen und die Situation mit mehr Respekt behandeln. Und wenn sie das nicht tun, brauchen wir ein Zeichen der Politik. Die Ausgangssperre muss kommen.“

Siehe auch: Querschnittlähmung und das Coronavirus