Meine Querschnittlähmung und ich: Über das Leben in aufregenden Zeiten

Wie schütze ich mich als Tetraplegiker vor der aktuell grassierenden Pandemie? Wie gehe ich damit um, dass ich (und viele meiner Freunde) – nicht anonyme Fremde – die „Risikogruppe“ sind? Und ist es okay Angst zu haben, obwohl große Jungs der Gefahr doch eigentlich ins Gesicht lachen sollten?

Was ist der Unterschied zwischen Schmerzen und Scherzen? Ein Buchstabe

Ich betrachte mich selbst gerne als ein recht wortgewandtes Kerlchen. Mit gefällt es zu denken ich könnte andere mit meinem Witz und meiner Eloquenz beeindrucken. (Ich hoffe, Sie sind regelmäßig beeindruckt, wenn nicht: Willkommen auf der Kolumne.) Aber angesichts der derzeitigen Situation fällt es mir schwer, meine Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen, die nicht irgendwie hohl und abgedroschen klingen… Angst kann man durch Humor überspielen, Schmerzen durch scherzen erträglich machen. Die ganzen Memes und Videos, die zum Thema Corona kursieren beweisen, dass ganz viele Menschen das ähnlich sehen. Aber worüber ich gestern noch gelacht habe, bleibt mir heute wie Knäckebrotkrümel im Halse stecken – wobei ich bei meiner Lähmungshöhe leider gar nicht gut abhusten kann….

Und damit wären wir bei meinem Problem: Mit meiner Tetraplegie gehöre ich zur Risikogruppe. Meine Atemfunktion ist aufgrund der Lähmungshöhe eingeschränkt. Und mein Immunsystem funktioniert (auch lähmungsbedingt) wahrscheinlich nicht so gut, wie bei anderen Männern meines Alters. Das ist ein ganz schöner Scheiß. Und es ist beängstigend! Denn damit bin ich für Infektionskrankheiten nicht nur anfälliger, ich laufe auch eine größere Gefahr daran zu sterben. Ich gehöre zur Risikogruppe. Die Gruppe, die die „Normalbevölkerung“ zu schützen hat.

Wenn ich einigermaßen verblüfft auf die letzten zwei Wochen zurückblicke, muss ich sagen: Das ging mir alles viel zu schnell! Zunächst hatte ich dieses ganze Corona-Ding gar nicht ernst genommen („Mir wird schon nichts passieren“, dachte ich.), dann ließ ich mich auf Anraten meines Arztes hin gegen Pneumokokken impfen. („Kann ja nichts schaden“, dachte ich.) und dann wurde mir klar, dass ich als Mitglied der Risikogruppe darauf angewiesen sein würde, dass meine Mitmenschen auf Corona-Partys verzichten und einfach mal zuhause bleiben. („Jetzt bin ich geliefert“, dachte ich.)

Wie schütze ich mich?

Klar, dass ich die Verantwortung für meine Gesundheit nicht einfach so in die Hände anderer lege. Die Ausbreitung muss natürlich eingedämmt werden, aber es gibt auch ein paar Sachen, die jeder direkt beeinflussen kann. Zum Glück mache ich schon ganz vieles richtig:

  • Ich verzichte aufs Händeschütteln: Und das schon seit vielen Jahren, denn meine rechte Hand fühlt sich für andere an, wie ein leicht getoastetes Hamburgerbrötchen, weshalb auch Leute, die alle anderen gewöhnlich mit Handschlag begrüßen, mir nicht die Flossen entgegenstrecken, wann immer sie mich sehen. Hat sie doch mal einen Vorteil, die Querschnittlähmung.
  • Dass die Fitness-Studios alle dicht sind, betrifft mich nicht, denn ich habe ja mein hauseigenes in der Garage (ha, ha!).
  • Wir kochen und kaufen nach Wochenplan ein und Obst, Gemüse, Käse und Brot lass ich mir zustellen. Letzteres schon seit ein, zwei Jährchen. Da haben meine Frau und ich nämlich entdeckt, dass wir uns Bioprodukte direkt nach Hause liefern lassen können. Eine coole Sache, auch wenn wir im Winter verdächtig viel Rote Bete gekriegt haben…
  • Ich bin in den sozialen Medien gar nicht mehr unterwegs und guck nur zweimal am Tag die Nachrichten. Das schützt nicht nur vor Fake News, sondern auch vor einer gefühlten Übermacht von Hiobsbotschaften. Klar, will ich informiert sein, aber mein Leben besteht aus mehr als nur dem Virus.
  • Meine Frau und ich bleiben zu hause. Sie ist eh gerade in Elternzeit und ich mache Home Office.
  • Wir skypen bzw. facetimen mit unseren Familien und Freunden, statt sie zu besuchen und schicken den Omas und Opas täglich kleine Videos von unserem Sohn und seinen Errungenschaften (wie Spuckebläschen platzen lassen und sich auf den Bauch drehen).
  • Wir arbeiten uns durch unsere DVD-Sammlung und gucken abends all die Serien, die schon lange auf unserer Liste stehen. („Der Tatortreiniger“, „Back Sails“ anyone?)

Ich habe Angst. Und das ist okay.

All diese Dinge tue ich, um mich und meine Familie zu schützen. Und trotzdem bleibt da die Angst. Und es bleiben die Zweifel daran, dass es genug ist, was ich tue und daran, dass schon irgendwie alles gut werden wird.

Wird die Forschung ein Heilmittel oder einen Impfstoff gegen Corona finden?

Sicher. Irgendwann.

Schützen die vorgegebenen Maßnahmen, die Deutschland und die Welt gerade lahmlegen die Bevölkerung?

Sicher. Irgendwie.

Ist es trotzdem okay Angst zu haben?

Ja.

Zuversicht gewinnt man aus dem Wissen, dass man ähnliche Krisen schon einmal erfolgreich überwunden hat. Und nein: Das Überleben meines Unfalls und das Leben mit Querschnittlähmung zählen nicht. Die augenblickliche Situation ist so unbegreiflich, so unfassbar neu und überwältigend. Und sie betrifft alle Menschen, nicht nur mich. Wo sollen die Erfahrungswerte, die kollektive Gewissheit, dass alles gut werden wird, denn herkommen?

Es ist okay Angst zu haben, wenn man mit dem Unbekannten konfrontiert ist.

Ich bin gerade erst dabei das zu verstehen.


Die Kolumnenbeiträge sind inspiriert von Gesprächen der Redaktion mit Lesern. Alltagstipps, eine witzige Begebenheit, eine emotionale Begegnung, eine ärgerliche, aber typische Situation: Was die Leser von Der-Querschnitt.de beschäftigt, greifen die Redakteure gerne an dieser Stelle auf.

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