Conny Runge über Rollstuhlfitness im Wohnzimmer

Es gibt verschiedene Gründe, warum Fitnessübungen und Rollstuhlsport im Wohnzimmer stattfinden muss, sei es schlechtes Wetter, Ausgangsbeschränkungen oder einfach das Fehlen eines rollstuhlgerechten Sportstudios. Trainerin Conny Runge erklärt, was im eigenen Wohnzimmer möglich ist.

Conny Runge ist seit einem Unfall vor 23 Jahren querschnittgelähmt und arbeitet als Projektmanagerin und Beraterin im Reha-Fachhandel. Sie ist außerdem die erste zertifizierte Rollstuhl-Zumba-Trainerin Deutschlands und hat es sich zur Aufgabe gemacht, Rollstuhlfahrern mit Zumba – einer Mischung aus Aerobic und lateinamerikanischen Tänzen – fit zu machen. Mit ihren Tipps und Onlinetutorials geht das auch im eigenen Wohnzimmer.

Conny, wie wichtig ist Sport Ihrer Meinung nach für Menschen mit Querschnittlähmung?

Runge: Bewegung ist für Rollstuhlfahrer sehr wichtig! Regelmäßiges Ausdauer- und Krafttraining schützt das Herz und beugt Dekubitus und Osteoporose vor. Dadurch, dass die Muskeln trainiert werden, beugt es Gelenkschäden vor – Schulter- und Handgelenke müssen geschützt werden, die sind ja quasi unsere Antriebsmotoren. Und vor allem ist Bewegung auch ganz wichtig für die Verdauung, da sie die Peristaltik anregt und so zu einem regelmäßigen, planbaren Ausscheiden beitragen kann. Außerdem ist regelmäßige Bewegung – am besten an der frischen Luft und im Sonnenlicht – wichtig für ein gut funktionierendes, starkes Immunsystem!

Und dann stellt sich ja auch die Frage nach dem Energieverbrauch. Rollstuhlfahrer verbrauchen wegen der Mobilitätseinschränkung meist eh weniger Energie als andere und wenn man dann auch noch, so wie ich gerade, viel zu hause ist, dann ist man immer in der Nähe vom Kühlschrank und man hat mehr Zeit ausgiebig zu kochen. Diese Kalorien, die man evtl. zusätzlich zu sich nimmt, müssen wieder verbraucht werden. Und da ist Training das Allerwichtigste.

Ich glaube, dass es besonders gefährlich werden kann, wenn man sich eigentlich viel bewegt, aber dann plötzlich, wie in der aktuellen Situation, dazu gezwungen ist, es nicht mehr zu tun. Klar, man kann derzeit noch mit dem Handbike und eine Runde fahren. Noch sind wir ja nicht im Hausarrest. Aber im Verein zu trainieren, das geht nicht mehr. Und auch die Termine bei der Physio- und Ergotherapie fallen aus.

Wie kann man mehr Bewegung in den Alltag integrieren?

Runge: Es gibt da eine Reihe von Möglichkeiten. Im Haushalt kann man da schon einiges machen. Beim Kochen, Aufräumen, Bügeln, Wäsche aufhängen usw. kann man sich schon ganz viel bewegen ohne dabei das Haus zu verlassen. Die Frage ist dann wie intensiv, wie bewusst man die Bewegungen ausführt. Staubsaugen kann ein gutes Oberkörpertraining sein… Wer einen Garten hat, kann sich vielleicht ein Hochbeet einrichten lassen. Hier käme zu der Bewegung auch noch die Faktoren „frische Luft“ und „Sonnenlicht“ hinzu. Oder wer sich an Karate Kid, den Kultfilm aus den 80ern erinnert, könnte das Auto putzen und polieren.

Oder man entscheidet sich die Freizeit, die man hat, für den Sport zu nutzen. Das geht auch im kleinsten Wohnzimmer. Es gibt Oberkörper-Workouts mit Hanteln und Therabändern. Oder wer so etwas nicht zu Hause hat, nimmt Wasserflaschen oder einen Besenstiel. Anleitungsvideos findet man im Netz ganz viele. Speziell für Rollstuhlfahrer gibt es sie z. B. vom Deutschen Rollstuhl-Sportverband (DRS) oder eben von mir.

Wenn man „im Wohnzimmer“ fit bleiben will, dann ist es entscheidend, dass man ein Training findet, das einem Spaß macht, und das man auch regelmäßig durchzieht. Ganz wichtig ist es dabei, finde ich, sich selbst Termine zu setzen. Man muss mit sich selbst ausmachen: Dienstags, Donnerstags und Samstag trainiere ich immer von 15 bis 16 Uhr. Das ist hilfreicher als eine allgemeine Regel, wie „dreimal die Woche eine Stunde Sport“, weil da die Gefahr nämlich groß ist, dass man dann plötzlich Ende der Woche dasteht und feststellt, dass man nicht trainiert hat.

Was ist Zumba für Rollstuhlfahrer?

Runge: Zumba ist eine supercoole Sportart, die durch Bewegung und Musik Körper und Seele ins Schwung bringt. Und sie ist wirklich für jeden geeignet. Jeder trainiert nach seinen eigenen Möglichkeiten. Wenn man den Arm nicht ganz so hoch kriegt, wie die anderen, dann ist das halt so und die Bewegungen, die beim Fußgänger-Zumba die Beine machen, setzt man mit Drehungen im Rollstuhl um. Damit ist Zumba ein tolles Oberkörper-Workout, mit dem man Kraft und Ausdauer trainiert und Kalorien verbrennt. Muskeln werden auf- und Verspannungen abgebaut. Und wenn man dazu an einem von meinen regelmäßigen Online-Workshops teilnimmt, dann fühlt sich das auch fast so an, als wäre man in der Gruppe live dabei und man tritt in Kontakt mit der Umwelt. Das ist ganz wichtig, finde ich, um dem Gefühl des Alleine seins vorzubeugen. Und durch die Endorphine, die beim Zumba freigesetzt werden, wirkt es auch noch wie ein ganz tolles Antidepressivum. Völlig ohne Nebenwirkungen.

Und umsetzen lässt sich das alles auf kleinstem Raum. Man muss nicht raus ins Sportstudio oder an einem Kurs teilnehmen. Man kann die Musik laut stellen und die Übungen zu Hause im Wohnzimmer machen. Über die Termine zu meinen Online-Zumba-Kursen informiere ich regelmäßig auf meinem Blog, meiner facebook– und meiner Instagram-Seite.

Vielen Dank für das Gespräch!

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Im Video: Das Fitnesstraining Zumba auch im Rollstuhl geht zeigt nicht nur Conny Runge sondern auch der chilenische Trainer Guillermo Aranguiz.