Kreative Hobbys: Stärkung von Psyche und Resilienz

Malen, Töpfern, Zeichnen, Basteln, Handarbeiten: Menschen mit Querschnittlähmung haben viele Möglichkeiten, kreativ zu werden. Dabei steht nicht der Output an potenziellen Geschenken für Familie und Freunde im Fokus, sondern die wohltuende Wirkung auf Psyche und Resilienz, sobald Menschen schöpferisch tätig werden.

Kunst wirkt. Auf den Betrachter und auf den Schaffenden. Menschen mit Querschnittlähmung, die künstlerisch aktiv werden, können auf ihr Wohlbefinden-Konto einzahlen – egal, ob sie malen, zeichnen oder Skulpturen schaffen. Menschen mit hoher oder sehr hoher Lähmung haben die Möglichkeit, rezeptiv, also aufnehmend, aktiv zu werden: Das intensive Betrachten und Analysieren von Bildern gibt neue optische Impulse und stimuliert. Äußere visuelle, aber auch hörbare Impulse (z. B. bei einer geführten Bildbetrachtung) wirken dabei „auch auf organische Strukturen“ ein und beeinflussen „physische und psychische Genesungsprozesse“, sagen Experten (Zäch, 2006).

Dabei gilt es, zwei Bereiche zu unterscheiden: Kreativität als Hobby, das quasi als Kollateralnutzen die Psyche aufpäppelt, und Kreativität, die sich unter fachkundiger Leitung während eines kunsttherapeutischen Prozesses entfaltet und wirkt.

Unter kunsttherapeutischer Begleitung

Viele Menschen mit traumatischer Querschnittlähmung sind vermutlich in der Erst-Reha mit Kunst und Kunsttherapie in Kontakt gekommen und hatten dort die Möglichkeit, verschiedene Techniken auszuprobieren. Zahlreiche Querschnittzentren setzen auf die Kunsttherapie als ein Mittel, um im Patienten vitalisierende Kräfte zu wecken.

Das Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke zum Beispiel bietet vier anthroposophische Kunsttherapien an (Zeichnen und Malen, Plastizieren, Musik, Sprachgestaltung), um „neue und schöpferische Wege im Umgang mit der Umwelt und der eigenen Innenwelt“ zu eröffnen und damit den Weg frei zu machen „für die Bewältigung von Krankheit und seelischen Problemen“ (Herdecke, 2017). Um ein weiteren Ansatz zu nennen: Auch das Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil setzt auf Kunsttherapie zur emotionalen Unterstützung und Entlastung, zur Mobilisierung von Selbstheilungskräften, zur Traumaverarbeitung und um einen neuen Umgang mit dem Schmerz zu ermöglichen (Paraplegiker-Zentrum).

Wer sich außerhalb des klinischen Umfeldes einem Kunsttherapeuten anvertrauen möchte, sollte, so das Kunsttherapie-Netzwerk e. V., nach einem Psychotherapeuten mit Approbation Ausschau halten oder nach einem Therapeuten mit Heilerlaubnis für Psychotherapie nach dem Heilpraktikergesetz, der eine mehrjährige zertifizierte Ausbildung als Kunsttherapeut vorzuweisen hat. Die kunsttherapeutische Begleitung muss mit wenigen Ausnahmen privat bezahlt werden Die Kosten für eine Kunsttherapie übernehmen die Krankenkassen in der Regel nur, wenn sie im Rahmen eines klinischen, stationären oder teilstationären Setting stattfindet (Netzwerk).

Hobbykünstler stärken ihre Resilienz und senken den Cortisolspiegel

Kreativ zu sein wirkt auch ohne professionelle, therapeutische Begleitung. Allein im stillen Kämmerchen oder in der Gruppe kann das Erschaffen eines Gegenstands oder eines Gemäldes ebenfalls seine positive Wirkung entfalten und so für die Herausforderungen des Alltags stärken.

In schöpferischen Hobbys mit sichtbarem Ergebnis scheint besonders viel Kraft und befreiendes und stärkendes Potenzial zu liegen. Diese These vertritt eine Studie aus dem Bereich „Klinische Psychologie“ der Northern Arizona University, die die positiven Auswirkungen des textilen Handarbeitens mit denen von weniger schöpferischen Tätigkeiten wie Lesen vergleicht. Danach schnitten Weben, Häkeln, Stricken oder Basteln besonders gut ab. Frauen (nur sie fanden in dieser Studie Beachtung), die gerne handarbeiteten, fühlten sich auch über einen längeren Zeitraum betrachtet erfrischt, belebt und zufrieden (Futtermann, 2011). Und weshalb sollte dieses Ergebnis sich nicht auch auf andere schöpferische kreative Tätigkeiten transferieren lassen?

Zumal viele dieser Kreativ-Techniken durchaus einen messbaren positiven Effekt haben. Ein Beispiel: Sie senken den Cortisolspiegel. Die Drexel University in Philadelphia – genauer gesagt: deren College of Nursing and Health Professions (College für Krankenpflege und Gesundheitsberufe) – untersuchte, wie sich die Konzentration dieses Stresshormons im Körper während einer 45-minütigen Kunstsession verändert. Bei der Versuchsanordnung ging es relativ locker zu: Die 39 Probanden bekamen Stifte, Papier, Modelliermasse und Collage-Materialen, aber keinerlei Anweisungen. Sie sollten einfach nur ein beliebiges Kunstwerk schaffen, nur auf Wunsch schaltete sich ein Kunsttherapeut ein. Das Ergebnis: Bei drei Vierteln der Teilnehmer sank der Cortisolspiegel, die Kunststunde hatte sie entspannt, sie standen weniger unter Stress. (Kaimal, 2016).

Neben diesem kurzzeitigen Effekt kann ein schöpferisches, künstlerisches Hobby auch nachhaltig wirken: Regelmäßige kreative Tätigkeiten lassen Menschen tatsächlich aufblühen, ein Vorgang, den die Fachwelt mit dem schönen Begriff „Flourishing“ beschreibt. Optimalerweise versetzt der Betroffene sich in die Lage, seine Lebensaufgaben zu meistern, persönlich zu wachsen und in Krisen Resilienz zu entwickeln. Flourishing kann entstehen, wenn in einem selbst mehr Positivität als Negativität herrscht (Stangl, 2020).

Ein kreatives Hobby kann einer der Wege zu diesem Ziel sein. Eine Neuseeländische Studie belegt diese These. Die Autoren stellten sich die Frage: Fühlen sich Menschen durch alltägliche kreative Handlungen emotional besser? Die vereinfacht zusammengefasste Antwort: Aber Hallo!

Die 658 Probanden mussten 13 Tage lang protokollieren, wie viel Zeit sie mit kreativen Tätigkeiten verbrachten (zu denen die Autoren übrigens auch das kreative Lösen von beruflichen Problemen zählen). Dabei zeigte sich, dass ein klarer Zusammenhang bestand zwischen kreativer Tätigkeit und künftigem Wohlbefinden: Wer an Tag 1 kreativ war, war an Tag 2 in signifikanter Weise stärker  energiegeladen, begeisterungsfähig und angeregt als normal (Tamlin, 2016).

Vielleicht basiert der Effekt auf der Tatsache, dass man einfach keine Zeit hat, auf negative Gedanken zu kommen, wenn man gerade damit beschäftigt ist, das richtige Grün für die Wiese auszusuchen, die man gleich malen will. Vielleicht wird er unterstützt durch den Stolz, etwas geschaffen zu haben. Vielleicht geht es Hobbykünstlern einfach nur deshalb besser, weil sie Zeit verbracht haben mit etwas, das ihnen Spaß macht. Egal, worauf die Effekte basieren: Es ist auf jeden Fall einen Versuch wert, den Kreativen in sich zu entdecken.

Eine Möglichkeit, seine Kreativität zu entdecken oder auszuleben, bietet u. a. ein Besuch der Kreativ-Werkstatt der Manfred-Sauer-Stiftung. Dort kann an rollstuhloptimierten Werktischen gezeichnet und gemalt, mit Holz, Speckstein, Glas, Farben und Papier gearbeitet oder eigener Schmuck hergestellt werden. Über Workshops und Seminare der Werkstatt informiert auch das Kursprogramm der Manfred-Sauer-Stiftung, das hier zum Download bereitsteht.

Hinweis: Derzeit ist die Werkstatt aufgrund der Corona-Pandemie geschlossen. Die Manfred-Sauer-Stiftung informiert auf ihrer Homepage, wann es in ihren Räumen wieder kreativ weitergehen kann.


Weiterführende Informationen zum Thema Kunsttherapie in den Beiträgen:

Die positive Wirkung spezieller Hobby beschreiben die Beiträge: