Leben mit Querschnittlähmung: Ermittler trotz Handicap – Polizist Herold kämpfte sich zurück

Uwe Herold war Hundeführer bei der Würzburger Polizei. Seit einem Sturz beim Training vor 14 Jahren ist er querschnittgelähmt. Trotzdem arbeitet er wieder für die Kripo.

Die Hand der Mutter schließt sich um die der Tochter. Finger verknoten sich, trösten. Uwe Herold erzählt. Leise. Erinnern tut noch immer weh. „Ich bin auf den Baum gestiegen, bei knapp drei Metern ist der Ast gebrochen und ich bin kopfüber gestürzt.“ Schlucken, vielleicht leises Schluchzen. Der heute 47-Jährige sitzt am Esstisch, draußen nieselt es. Seine Frau lässt die Hand der Tochter nicht mehr los, der Obstkuchen bleibt unangerührt. Das Zwitschern der Vögel im Käfig ist plötzlich zu laut. „Dann hab‘ ich gespürt, dass der Körper nicht mehr zu mir gehört.“ Herolds Augen suchen die Familienfotos an der Wand. Es war nur eine Sekunde, die alles verändert hat.

18. Juni 2005. Uwe Herold hat gerade die Ausbildung zum Hundeführer begonnen. Schon immer – bei der Bereitschaftspolizei, in München, später im Einzeldienst in Würzburg-Ost – war das sein Traum. Mit Kollegen und den Hunden übt der 33-Jährige an diesem Tag das Stöbern nach Personen. Einer der Männer soll auf einen Baum steigen, der Vierbeiner muss ihn finden, verbellen und der Einsatz ist erledigt. Routine. Herold übernimmt den Part des Störers. „Ich laufe auf den Baum zu, klettere hoch und danach weiß ich nichts mehr.“ Kurz ist der junge Polizeihauptmeister bewusstlos. Dann wacht er wieder auf. Am Boden. „Arme und Beine lagen da, aber ich konnte sie nicht spüren. Und ich habe gemerkt, dass ich langsam keine Luft mehr bekomme.“ Die Kollegen alarmieren den Rettungshubschrauber.

Mehr als ein Jahrzehnt später kann Herold über den 18. Juni reden. Stockend. Den Blick gesenkt. „Der Unfall gehört zu meinem Leben dazu.“ Seine Welt ist dadurch „kleiner geworden“. Beschwerlicher. Anders. Trotzdem: Er lebt. Er macht weiter. Er ist nach wie vor Polizist.

Herold kommt in eine Klinik nach Bayreuth. Zwei Monate liegt er auf der Intensivstation. Das Atmen übernimmt eine Maschine. Reden ist unmöglich. „Es ging nur Nicken und Kopfschütteln“, sagt Herold. „Das war schwer.“ Seine Frau Bianca wacht an seiner Seite, die Tochter, damals erst fünf, darf nicht mit rein. „Wir sind dann außen rum ums Krankenhaus und haben sie ans Fenster gehalten, damit der Papa sie gesehen hat“, sagt Bianca Herold. „Heute können wir darüber lachen.“

Damals war es quälend. „Im Schwimmbad der Klinik bin ich eingetaucht, meine Beine waren von Wasser umspült – aber ich habe fast nichts gefühlt“, sagt Herold. Diagnose: Querschnittlähmung, von der Brust abwärts, inkomplett.* „Das heißt, ich spüre meinen Körper, aber ganz weit weg.“ Berührt ihn eine Schwester am Fuß, „empfinde ich es als wenn ich drei, vier Hosen übereinander an hätte“. Laufen wird Herold nie wieder, die Arme kann er nur leicht heben. Aber nichts anfassen, nicht greifen, nicht allein essen oder trinken. Im Alltag bedeutet das Abhängigkeit, angewiesen sein auf Hilfe. „Ich brauche eigentlich rund um die Uhr jemanden bei mir.“

„Ich bin mit Leib und Seele Polizist.“ Uwe Herold über seinen Beruf

Für den jungen, sportlichen Polizisten ist das anfangs kaum zu ertragen. Vorher war er „den ganzen Tag unterwegs“. Radfahren, Schwimmen, vier bis fünf Stunden draußen mit dem Hund. Bogenschießen, Fußball, Basketball im Urlaub. „Es hat einfach Spaß gemacht, sich auszupowern.“ Herold war immer in Bewegung, Beschützer der Familie, starke Schulter – und plötzlich ans Bett gefesselt.

Statt um Bestzeiten, Tore, Punkte kämpft Herold im Sommer 2005 um „das Normalste der Welt“. Atmen. Sprechen. Sitzen. Mit den Krankenschwestern trainiert er das Luft holen. Die Maschine wird ausgesetzt, für 30 Sekunden, für eine, für fünf Minuten. Irgendwann schläft Herold wieder seine erste Nacht ohne Beatmung. Es klappt. Dann die ersten neuen Worte. „Die Schwester hat eines Tages gesagt, wir rufen jetzt mal Ihre Frau an und überraschen sie“, sagt Herold. „Bianca hat erst gar nicht geglaubt, dass ich das bin.“ Lange blieben die wenigen Worte auf dem Anrufbeantworter gespeichert. Als Erinnerung, als Symbol dafür, dass sich das Kämpfen lohnt. „Ich habe gemerkt, es geht wieder ein Stück vorwärts. Das hat gut getan.“

Drei Jahre nach dem Unfall wieder im Dienst: Polizist Uwe Herold.

Ihm selbst. Und der Familie. Gut ein halbes Jahr bleibt Herold im Krankenhaus. Der Körper, der vorher stetig Leistung brachte, ist kaputt. Der Kopf funktioniert, dreht Gedanken, viel zu viele. Und schnell setzt sich in ihm eine Idee fest: „Ich wollte gleich danach wieder arbeiten.“ Zurück zu den Kollegen, „wieder was Sinnvolles machen“.

Schon Herolds Onkel war Polizist, schon als Kind „war mein Gerechtigkeitssinn ausgeprägt“. Die Berufswahl schlicht Berufung, „ich wollte nie etwas anderes werden“. In Frage gestellt hat er sie nie, auch nicht nach dem Unfall. „Dazu hat es mir viel zu viel Spaß gemacht. Ich bin mit Leib und Seele Polizist.“ Die Rückkehr ins Büro war „ganz wichtig“. Sie bedeutet ein Stück Normalität. „Die Kinder konnten sehen, der Papa hat zwar ein Handicap, aber er geht immer noch auf die Arbeit.“

2008, drei Jahre nach dem Unglück, arbeitet Uwe Herold wieder. Unterstützt vom damaligen unterfränkischen Polizeipräsidenten Helmut Koch. Noch im Krankenhaus hatte der ihm versprochen, einen geeigneten Arbeitsplatz zu finden. Eine Chance. Herold nutzt sie.

Würzburg Zellerau, Kriminalpolizeiinspektion. Ein langer Gang führt zu Uwe Herolds Büro, ebenerdig. Rechts abbiegen, dann wieder rechts durch die weiße Tür. Jacke ausziehen. Es ist warm im Zimmer. Immer. Kollegin Jutta Springer dreht morgens als erstes die Heizung auf. „Durch die fehlende Bewegung friere ich schnell“, sagt Herold. Springer arbeitet Sommer wie Winter im T-Shirt. Kein Problem. Sie lacht viel und herzlich, hilft unaufdringlich. Herold und sie sind ein Team. Außer wenn es um Fußball geht. Über Springers Platz prangt das Borussia Dortmund Poster, bei Herold zuhause liegt die FC Bayern München-Fußmatte.

„Ohne meine Frau und unsere Kinder würde es mir mehr als schwer fallen, mit dem Handicap umzugehen.“

Der 47-Jährige rollt an seinen Tisch. Mit dem Kinn kann er über einen Joystick-ähnlichen Sensor seinen Rollstuhl bewegen. „Wach auf“, sagt Herold. Der Bildschirm des PCs reagiert, das Programm startet. Zu beiden Seiten flankieren Familienfotos den Computer, an der Wand hängen gemalte Kinderbilder. Daneben eine Urkunde der Hundestaffel Würzburg. Vergangenheit. Jutta Springer setzt Herold ein Headset und eine Spezialbrille mit Reflektor auf. Eine kleine Kamera am PC scannt jede Kopfbewegung, der Cursor der Maus bewegt sich synchron. Reine Kopfarbeit. Anstrengend. „Am Anfang war ich ziemlich verspannt“, sagt Herold und lacht. Der weiße Pfeil auf dem Desktop hüpft mit.

Bei Unterfrankens Polizei sei das wohl der einzige Arbeitsplatz dieser Art, sagt Kriminaldirektor Armin Kühnert, Leiter der Kriminalpolizeiinspektion Würzburg. „Wenn Kollegen nach einem Unfall zurückkommen wollen, versuchen wir das möglich zu machen. Besonders wenn sie so einen starken Willen haben.“ Wie Uwe Herold. Heute nimmt der 47-Jährige wieder Vollzugsaufgaben wahr. Zwar nicht mehr draußen, nicht mehr auf Streife. Über reine Verwaltungsarbeit gehe der Job dennoch hinaus, sagt Erster Kriminalhauptkommissar Alexander Losert.

Die Technik gibt Uwe Herold Selbstständigkeit zurück

Herold ermittelt am Computer. Recherchiert für Kollegen, überprüft Personen, informiert Behörden. Er bearbeitet Falschaussagen, Verstöße gegen das Ausländergesetz, Führerscheindelikte. Vor der Tastatur steht ein mobiles Telefon. Seine Hände quasi. „Sprachsteuerung“, sagt Herold. Ein Wählton erklingt, rotes Licht blinkt. „Tür auf.“ Die Schiebetür zum Nebenraum öffnet sich. „Licht an.“ Es wird hell. „Geh‘ schlafen.“ Der Computer schaltet ab. Besucher staunen. Ein bisschen Science-Fiction im Polizeialltag. Vor allem aber ein Stück Selbstständigkeit.

Drei Tage pro Woche ist Uwe Herold im Dienst. Vier Stunden jeweils. Ein Kollege muss allen technischen Wundern zum Trotz ständig in Rufweite sein. „Den Mehraufwand nehmen wir gerne in Kauf – das ist schließlich unser Kollege“, sagt Losert. Ungesagt schwingt mit: Ein Unfall, ein Sturz, kann jeden von ihnen in Herolds Situation bringen, sekundenschnell. Rund 25 000 Euro hat die Polizei in Herolds Arbeitsplatz investiert. Die Türe verbreitert, die Sprachsteuerung installiert. Selbstverständlich sei das, heißt es. Und doch plagt Uwe Herold manchmal die Angst, eine Last zu werden. Ein Klotz am Bein.

Halt gibt ihm die Familie. Bedingungslos. „Ohne meine Frau und unsere Kinder würde es mir mehr als schwer fallen, mit dem Handicap umzugehen“, sagt Herold. Auch wenn die Kinder längst erwachsen sind. An diesem Nachmittag sitzt nur die Tochter mit am Tisch, die beiden Söhne sind unterwegs. Es gibt Erdbeerkuchen und Obsttörtchen, die Kaffeemaschine gluckert. Santana ist mittlerweile 18. Im Frühjahr hat sie ihre Ausbildung begonnen. Bei der Polizei. Genau 30 Jahre nach ihrem Vater. „Das hat mich stolz gemacht“, sagt Herold. „Sehr.“ Eine Träne glitzert im Augenwinkel. Seine Frau wischt sie beiseite. Reicht ihm gleichzeitig das Wasserglas. Bitten ist nicht nötig.

„Von heute auf morgen musste sie unseren Part gemeinsam übernehmen“, sagt Herold. „Ich habe eine starke Frau.“ Eine, die auch mal wütend werden kann. Wenn Blicke ihren Mann im Restaurant verfolgen etwa oder der Verkäufer im Elektromarkt über seinen Kopf hinweg spricht. Die andererseits das Lachen nicht verloren hat. „Im Laufe der Zeit wächst man da rein“, sagt Bianca Herold. Lernt damit umzugehen. Worte, die den Kampf der Familie wirklich fassen können, fehlen.

„Jetzt müssen wir aufhören zu weinen. Auch wenn dieser Tag das ganze Leben verändert hat.“

Auch 14 Jahre nach dem Unfall gibt es gute und schlechte Tage. Gute, wenn die Familie ins Konzert geht. Oder alle gemeinsam in Urlaub fliegen, nach Gran Canaria etwa, in die Wärme. Schlechte, wenn Erinnerungen quälen. Am schlimmsten war lange der Jahrestag des Sturzes. Bis vor sechs Jahren genau am 18. Juni eine kleine Nichte geboren wurde. „Jetzt müssen wir aufhören zu weinen“, sagt Bianca Herold. „Auch wenn dieser Tag das ganze Leben verändert hat.“ Unter dem Esstisch sucht ihre Hand wieder die ihrer Tochter. Uwe Herold schaut auf, Blicke verhaken sich.

Meist ist es nicht das Laufen, der Sport, die Selbstverwirklichung, die dem Polizeihauptmeister am meisten fehlt. Sondern das Geben. Das Dasein für seine Familie. Einfach den Arm um seine Tochter legen zu können. Seine Frau zu pflegen, wenn sie krank ist. Einmal wieder die Rollen zu tauschen. Nicht für sich selbst. Für die anderen.

*Anmerkung der Redaktion: Herold ist inkompletter Tetraplegiker. Bei dem Sturz wurden sein vierter, fünfter und sechster Halswirbel angebrochen, das Rückenmark gequetscht.


Dieser Text wurde am 17. Juni 2019 in der (externer Link) „Main-Post“ erstveröffentlicht und erscheint auf Der-Querschnitt.de mit freundlicher Genehmigung der Mediengruppe Main-Post. Danke auch an die Autorin des  Artikels, Susanne Schmitt.