Vergleich von Fallbeispielen zum Nutzen von Elektrostimulation bei Sexualfunktionsstörung bei Männern mit Querschnittlähmung

Die eventuelle Verbesserung der Sexualfunktion hat für viele Männer mit Querschnittlähmung hohe Priorität. Anhand zweier Fallberichte wird dargestellt, dass die funktionelle Elektrostimulation der Bauchmuskeln einen positiven Effekt haben könnte. 

Die Fähigkeit zur Erektion und Ejakulation kann bei Querschnittlähmung in unterschiedlichem Maß beeinträchtigt sein. Nicht nur die Vollständigkeit der Querschnittlähmung sondern auch die Lähmungshöhe spielen dabei eine Rolle. Männer mit Lähmungen oberhalb von Th11 können reflektorische Erektionen haben, Männer mit Lähmungen von zwischen Th11 und L2 können psychogene Erektionen haben. Siehe hierzu: Sexualität bei Querschnittlähmung.

Die Behandlung kann unterschiedliche Formen haben. Ansätze werden in den Beiträgen Erektionsstörungen bei Querschnittlähmung und Medikamente zur Behandlung der erektilen Dysfunktion bei Querschnittlähmung aufgezeigt. Ein neuer Ansatz könnte die funktionelle Elektrostimulation (FES) –  die elektrische Stimulation eines Muskels zur Durchführung einer Muskelkontraktion bei fehlenden Nervenreizen – sein, wie zwei Fallbeispiele aus den USA zeigen. Zwei Männer mit unterschiedlichen Lähmungshöhen führten über Monate hinweg regelmäßig eine funktionelle Elektrostimulation der Bauchmuskeln (Bauchmuskeln = Abdominal Muscles (AB) / funktionelle Elektrostimulation der Bauchmuskeln = ABFES) durch und berichteten über langfristige Verbesserungen der Sexualfunktion. 

Fallbeispiel I 

Ein 74-jähriger Mann (seit 46 Jahren Tetraplegiker mit einer Lähmungshöhe C5/C6, inkomplett) verwendete die ABFES zur Behandlung einer Darmfunktionsstörung. Der Mann hatte seit 17 Jahren FES zur Stimulation seine unteren Gliedmaßen und Gesäßmuskeln zur Verbesserung der Gehfähigkeit eingesetzt. Zudem hatte er seit 16 Jahren FES zur Stimulation der oberen Gliedmaßen erhalten. Zum Zeitpunkt der Behandlung erhielt er keine Medikamente zur Behandlung der Sexualfunktionsstörung und berichtete über eine eingeschränkte Erektionsfähigkeit und -dauer. Dem Mann wurde erklärt wo die Elektroden platziert werden sollen (über dem äußeren schrägen und transversalen Abdomen); die Stimulationsstärke wurde so eingestellt, dass eine sichtbare Kontraktion der Bauchmuskeln erreicht wurde. Die ABFES sollte zu Hause sechs Wochen lang täglich zweimal je 30 Minuten durchgeführt werden. Der Mann berichtete über eine unerwartete Verbesserung der Sexualfunktion, insbesondere in Bezug auf die Stärke und Dauer der Erektion. Er berichtete auch über eine Verbesserung des ästhetischen Aussehens des Bauchraums ( sowie über die beabsichtigte Verbesserung der Darmfunktion). Er führte die Verbesserungen auf die Anwendung des ABFES über drei Wochen zurück und berichtete, dass er die elektrische Stimulation während der sexuellen Aktivität nicht einsetzte. Bei weiteren Untersuchungen stellte sich heraus, dass die Elektrodenpositionierung gegenüber dem ursprünglich vorgeschlagenen Setup für die Darmkontrolle verändert war. Die beiden unteren Elektroden waren weiter unten im Blasenbereich positioniert worden.  

Fallbeispiel II

Ein 36-Jähriger, der 24 Monate zuvor bei einem Verkehrsunfall eine komplette Querschnittlähmung auf Höhe von T4/T5 davongetragen hatte, konnte durch ABFES ebenfalls Veränderungen der Sexualfunktion feststellen.

Im Vorfeld hatte er häufig Harnwegsinfektionen und Probleme mit unvollständiger Urinentleerung gehabt. Einer Behandlung mit FES hatte er sich bereits zur Verbesserung der Dorsalflexion, zur Verbesserung des Blutflusses und zur Steigerung der Muskelmasse an den oberen und unteren Extremitäten unterzogen. Zum Zeitpunkt der Behandlung mit ABFES hatte er noch keine Behandlung zur Verbesserung der Sexualfunktion erhalten.

Der 36-Jährige berichtete von unerwarteten Verbesserungen der Sexualfunktion durch die Anwendung von ABFES über 26 Monate. Insbesondere berichtete er über eine Verbesserung der Ejakulation und eine Straffung der Bauchmuskeln und des Aussehens, die seiner Meinung nach zu seinem sexuellen Körperbild beitrugen. (Er berichtete auch über eine Verbesserung der Colon-Transitzeit und einen verbesserten Urinfluss). Der Mann die Position der Elektroden nicht verändert. Zudem gab er an, die ABFES nicht während der sexuellen Aktivität verwendet zu haben.

Diskussionen

Die berichteten Verbesserungen der sexuellen Funktionsfähigkeit nach der Anwendung von ABFES waren unerwartet, und die Gründe dafür bleiben unklar, da diese nicht formell gemessen wurden. Beide Teilnehmerinnen berichteten, dass sie die ABFES-Behandlung während der sexuellen Aktivität nicht anwandten, was darauf hindeutet, dass die ABFES-Behandlung kein direkter sexueller Stimulus war. Die berichteten Verbesserungen der Ejakulationsfunktion bei dem 36-Jährigen und der erektilen Funktion bei dem 74-Jährigen sowie Verbesserungen bei Darm und Blase deuten darauf hin, dass die verbleibenden supraspinalen Verbindungen durch die elektrische Stimulation reaktiviert und verstärkt worden sein könnten.

Die Autoren vermuten als mögliche Erklärung die Innervation der neurologischen Bahnen, die an der erektilen Funktion beteiligt sind, entweder direkt oder z.B. durch die splanchnischen Nerven des Beckens oder den Plexus hypogatricus inferior, die ihren Ursprung bei den Segmenten T11 bis L2 haben.

Weitere Erklärungen sind ein verbessertes ästhetisches Erscheinungsbild des Bauchraums, das ein erhöhtes Selbstwertgefühl fördert, und eine verbesserte Vaskularisation des Bauchraums. Beide Teilnehmer führten die Verbesserungen auf eine Stärkung der Muskeln im Bauchbereich und ein verbessertes Körperbild zurück. Dies könnte als Hinweis darauf dienen, dass die berichteten Verbesserungen möglicherweise teilweise auf eine Kombination aus Stärkung und verbesserter Vaskularisation des Bauchraums und erhöhtem Selbstwertgefühl zurückgeführt werden könnten.

Diese vorläufigen Ergebnisse der berichteten verbesserten Ejakulations- und Erektionsfunktion deuten auf einen potenziellen therapeutischen Effekt der ABFES-Behandlung hin. Eine kontrollierte Studie mit standardisierten Maßnahmen zur Beurteilung der Anwendung von ABFES als Hilfsmittel neben anderen Interventionen zur Wiederherstellung der sexuellen Funktion ist erforderlich.

Inwieweit eine ABFES für die Sexualfunktion von Frauen mit Querschnittlähmung hilfreich sein könnte, ist nicht bekannt.