Leben mit Querschnittlähmung: „Was mir geholfen hat? Cannabis und Apfelessig.“

Es gibt verschiedene Komplikationen und Langzeitfolgen, die Menschen mit Querschnittlähmung treffen können. Paraplegiker Jörg Rosin hat nach fast 40 Jahren im Rollstuhl gelernt mit ihnen umzugehen.

Jörg Rosin zog sich bei einem Motoradunfall 1981 als 18-Jähriger eine Querschnittlähmung auf Höhe des 5/6 Brustwirbels zu. Aufhalten ließ er sich durch die Rückenmarksverletzung nicht, sondern führte und führt ein glückliches und erfolgreiches Familien- und Berufsleben. Es gibt allerdings Umstände, die die Querschnittlähmung mit sich bringt, auf die Rosin gerne verzichten könnte.

Die lange Suche nach einem Mittel gegen Harnwegsinfekte

Da Rosins Rehabilitation in den frühen 80er Jahren stattfand, lernte er das Triggern bzw. Beklopfen als Form des Blasenmanagements. Unter immer wiederkehrenden Harnwegsinfektionen litt er von Anfang an. Mit unschönen Zusatzerscheinungen: „Ich habe eine ziemlich starke Spastik, die ich an sich ja ganz gut nutzen kann, z. B. bei Transfers. Aber die Infekte verstärkten sie immer, und das kann unter solchen Umständen schon stressig sein. Und dann lief ich ja auch immer Gefahr eine autonome Dysreflexie zu bekommen. Am Anfang wusste ich gar nicht was das ist!“

Zusätzlich verursachten die Antibiotika, die er zur Behandlung der Blasenentzündungen erhielt, bei jeder Einnahme Chaos in seinem Verdauungstrakt. „Sie können sich nicht vorstellen, was ich da mitgemacht habe“, sagt Rosin. „Von jeder Art von Antibiotika, bekomme ich sofort Durchfall. Und der dauert dann drei Tage. Drei Tage, in denen ich praktisch nicht von der Toilette komme.“ Im Hinblick auf auch aber nicht nur seinen Beruf – Rosin arbeitet als Telefonist bei der Stadtverwaltung – waren dies Ausfälle ein großes Problem, denn gegen Ende erwischte es ihn, so Rosin, alle 14 Tage.

Antibiotikabehandlung via Blasenspülung

Bei der Behandlung der häufigen Blasenentzündungen setzte Rosin schließlich auf das Verabreichen des Antibiotikums direkt in die Blase. Er sagt:„Diese Blasenspülungen funktionieren ganz gut und haben keine Nebenwirkungen.“ 

Doch trotz dieses Erfolges bei der Behandlung, wünschte sich Rosin ein Vermeiden der Harnwegsinfekte. Auf der langen Suche nach einem prophylaktischen Mittel probierte er so einiges aus.

„Ich hab wirklich alles durch“, erklärt er. „Natron, D-Mannose, Zitronensaft, Cranberrys, Preiselbeeren… Ich habe mich beim Urologen gegen E-Coli-Bakterien impfen lassen. Nach langem Hin und Her übernahm diese StroVac-Impfung sogar die Krankenkasse.“ Doch diese Maßnahmen wirkten, wenn überhaupt, nur kurzfristig. Die größte Verbesserung erlebte Rosin als er vom Triggern auf den intermittierenden Katheterismus umstellte. „Da hatte ich ein Jahr Ruhe.“

Erfolg mit Apfelessig

Vor ca. anderthalb Jahren wurde Rosin von einem Heilpraktiker geraten, Apfelessig zu verwenden.

„Ich  trinke tagsüber, egal wann, ein Glas Wasser mit einem Esslöffel Apfelessig drin. Schmecken tut das überhaupt nicht. Mir jedenfalls. Meine Frau kann es trinken ohne mit der Wimper zu zucken. Und es hilft! Keine zwei Wochen, nachdem ich mit der Einnahme angefangen habe, wurde es besser. Und seither hab ich keine Blasenentzündung mehr gehabt.“

Cannabis bei Spastik und Schmerzen

Wiederkehrende Harnwegsinfektionen waren für Rosin zwar die problematischste aber nicht die einzige Folge der Querschnittlähmung.

„Mein Ellbogen ist völlig hinüber. Schon vor 5-6 Jahren hat eine Kernspintomographie gezeigt, dass da eine Gelenksartrose ist. Jetzt kann ich den Arm weder richtig beugen, noch richtig strecken. Vor allem bei Transfers schränkt mich das ein. Aber ich fahre eh lieber mit dem Vorspannrad herum als mit dem Auto. Bei uns hier oben,“ – Rosin wohnt in Kempen – „kann man das gut machen, hier ist ja alles flach.“  

Rollstuhlbasketball, seine Wahlsportart für viele Jahre, habe er aufgeben müssen. „Sich gar nicht zu bewegen, ist aber Gift“, sagt Rosin. „Ich gehe wöchentlich zur Physiotherapie und ins Fitnessstudio – seit über 30 Jahren. Und dann natürlich Handbiken. Jeden Tag, bei Schnee und Regen.

Nicht nur der Ellbogen machte Rosin zu schaffen. „Mal zwickte es in der Schulter, mal im Daumen.“  Doch seit Mai sei Ruhe, sagt Rosin. Seit Mei verwende er nämlich ein Cannabis-Spray, das er eigentlich wegen seiner starken Spastik verschrieben bekam.

Kostenübernahme durch die Krankenkasse? Nicht locker lassen!

„Das war auch ein langer Weg. Jahrelang wurde meine Spastik mit allem Möglichen behandelt und nichts hat geholfen. Dann hat mein Hausarzt mir Cannabis verordnet. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen hat das natürlich sofort unter die Lupe genommen und erst einmal abgelehnt. Aber man darf da nicht locker lassen. Ich hatte dokumentiert, was ich schon alles versucht hatte und hab Widerspruch eingelegt. Und jetzt nehme ich das Spray seit Mai.“

Bei der Spastik merke er noch keine großen Verbesserungen, aber die Schmerzen in den Gelenken, vor allem den Ellbogengelenken, seien verschwunden.

„Ich nehme 12 Sprühstöße pro Tag. Erst gegen Abend, denn das Cannabis soll ja vor allem gegen die Spastik helfen, die mich nachts nur ein paar Stunden schlafen lässt. Noch merk ich da nichts, aber vielleicht muss man da ein bisschen länger warten, als drei Monate, bis es hilft“, sagt Rosin. „Gerechnet hatte ich mit einer Verbesserung nach zwei Monaten, denn das hatte man mir so gesagt. Die Dosis erhöhen kann ich nicht. Das Cannabis macht ja alles langsamer, auch die Peristaltik im Darm – und dann kann ich nicht richtig ausscheiden, obwohl die Stuhlkonsistenz so ist, wie sie sein soll….“

Sie hat also gerade erst begonnen, die lange Suche nach einem Mittel zum Vermeiden von Spastik. Eine Suche, die bei dem Mittel zur Vorbeugung von Blaseninfektionen für Rosin bereits abgeschlossen ist.

Auf die Frage, was er Menschen mit Querschnittlähmung rät, die unter Harnwegsinfektionen leiden, sagt er vehement: „Die Antibiotika weglassen! Die machen den Darm kaputt und irgendwann helfen sie gar nicht mehr. Besser ist es Alternativen zu suchen, so wie ich es gemacht habe. Vielleicht hilft der Apfelessig nicht jedem, aber einen Versuch ist es wert.“


Ein Leser hat der Redaktion folgenden hilfreichen Kommentar zukommen lassen: „Ich habe das Sativex Spray auch ausprobiert. Es hat gegen meine Spastik kaum geholfen und schmeckt scheußlich. Nun verwende ich schon seit 9 Monaten CBD Öl (20%).  Dies hilft mir sehr gut und es hat außer etwas Müdigkeit keine Nebenwirkungen.“

Vielen Dank für den Hinweis.