Training der sozialen Kompetenz

Eine Querschnittlähmung erfordert nicht zuletzt die Auseinandersetzung mit einer veränderten Rolle innerhalb der Gesellschaft, in der Menschen mit Behinderung in der Minderheit sind. In diesem Zusammenhang bedeutet soziale Kompetenz die Fähigkeit zum selbstbewussten Umgang Betroffener mit den Reaktionen anderer Menschen auf ihre Behinderung.

 shutterstock_119355484wavebreakmedia

 

Diese Begegnungen sind häufig von Unsicherheiten auf beiden Seiten geprägt. Der neu von einer Behinderung Betroffene hat noch kaum Erfahrung im Umgang mit Außenstehenden. In der Klinik und Reha-Einrichtung ist er vor allem Menschen begegnet, die den Umgang mit Querschnittgelähmten gewohnt sind. „Sich im Rollstuhl in der Öffentlichkeit zu zeigen und den Blicken der Mitmenschen auszusetzen ist oft ein Meilenstein in der Rehabilitation von seit kurzem querschnittgelähmten Menschen.“ (Roth/ Schwager/Wyss, 2012)

Und auch Passanten auf der Straße, Personen beim Einkaufen oder Menschen in anderen Bereichen des Alltags sind sich häufig unsicher, wie man mit Menschen mit Behinderung umgeht.

Problemlösetraining als Kernstück

In vielen Spezialkliniken können Betroffene ihre soziale Kompetenz trainieren, Beratung bekommen und Lösungsmöglichkeiten durchspielen. Kontaktfertigkeiten und Flexibilität in sozialen Situationen können so gestärkt, Selbstzweifeln und Rückzug entgegengewirkt werden.

Problemstellungen:

  • Hilfe zurückweisen
    Nicht immer ist für Außenstehende ersichtlich, wann jemand mit körperlichen Einschränkungen Hilfe benötigt und wann nicht. Manchmal möchten Betroffene hilfsbereite Unterstützung begrenzen, ohne andere vor den Kopf zu stoßen. Dieser Balanceakt taucht im Alltag immer wieder auf.
  • Hilfe einfordern
    Forderungen an andere bezüglich Tun und Lassen soll die eigene Situation positiv beeinflussen, ohne den anderen ungebührlich zu bedrängen. Die klare und direkte Aufforderung und ggf. ein weiterführendes Angebot an das Gegenüber kann aber selbst dann schwerfallen, wenn z. B. eine Assistenz oder Pflegekraft eigens dafür da ist zu helfen, und muss häufig eingeübt werden.
  • Auffallen
    Betroffene fallen durch ihr Erscheinungsbild auf und ziehen Blicke und Aufmerksamkeit durch einen Aspekt auf sich, den sie vielleicht lieber verbergen würden.

 Beispielhaft skizziert der Diplom-Psychologe Jörg Eisenhuth eine Problemsituation beim Einkaufen (nach Kennedy, 2009):

  • Problem: „Die Verkäuferin ignoriert mich und spricht mit meiner Begleitung.“
  • Folge: „Ich fühle mich wertlos und schlecht behandelt.“
  • Auswählen des besten Lösungsweges: Auf das unangebrachte Verhalten aggressiv zu reagieren oder wortlos das Geschäft zu verlassen, bringt Nachteile mit sich („Alle schauen auf mich“ / „Ich kann nichts einkaufen und gebe auf“).
  • Schlussfolgerung: Die Verkäuferin freundlich, aber bestimmt darauf anzusprechen, hat die beste Aussicht auf Erfolg („Wenn ich freundlich und bestimmt reagiere, erkennt die Verkäuferin vielleicht ihr Fehlverhalten und wendet sich mir zu.“)

Erst wenn sich eine solche Situation in der Praxis bietet, kann eine Lösung tatsächlich überprüft werden.  Daher werden schon in der Rehabilitation Aktivitäten außer Haus im sogenannten „Stadttraining“ angeregt: Ausflüge, der Besuch von Veranstaltungen oder Einkaufen im alltagsorientierten Training (AOT).  Mit dem Feedback durch die Außenwelt eröffnen sich Einsichten, Grenzen und Fehler, aber auch Handlungsspielräume, in deren Mittelpunkt ein selbstsicheres Verhalten steht:

  • Gefühle und Gedanken ehrlich äußern
  • Respektvoll und sensibel gegenüber anderen bleiben
  • Offen für Risiken sein
  • Verantwortung für das eigene Verhalten übernehmen

Zur Selbstsicherheit gehört natürlich auch das Recht, seine Meinung zu ändern, Ärger, Unverständnis oder Desinteresse zu äußern oder Fehler zu machen.