Immunstimulation: Mit Bakterien gegen chronische Blasenentzündungen kämpfen?

Die spezifische Immunstimulation will das Immunsystem zielgerichtet auf Trab bringen: Es wird mit aufbereiteten Erregern konfrontiert und soll dadurch lernen, eine Abwehr gegen diese Stoffe zu organisieren. Bei chronischen Blasenentzündungen z.B. wird mit Escherichia coli, also Kolibakterien, gearbeitet.

Aufgrund ihrer Neurogenen Dysfunktion des unteren Harntrakts leiden viele Menschen mit Querschnittlähmung unter häufig wiederkehrenden Harnwegsinfektionen – sie werden mindestens drei Mal im Jahr oder mindestens zwei Mal in einem Halbjahr von dieser Krankheit heimgesucht. Häufig greifen Arzt und Patient dann auf Antibiotika zurück, die als effektive Methode zur Therapie von akuten Infektionen, aber auch zur Vermeidung von chronischen Harnwegsinfekten gelten. So kann eine niedrigdosierte Dauertherapie über drei bis sechs Monate wiederkehrende (rezidivierende) Infektionen um annähernd 95 % reduzieren. (Leitner, 2016). Die Nachteile: Der Körper kann Resistenzen entwickeln sowie die Darmflora negativ beeinflusst werden. (Für weitere Informationen zum Thema Nebenwirkungen siehe Beitrag Antibiotika & Probiotika – Auswirkungen auf den Darm.)

Eine Möglichkeit, rezidivierende Harnwegsinfektionen und somit die regelmäßige Einnahme von Antibiotika zu reduzieren, könnte eine spezifische Immunstimulation sein. Ihr Ziel ist es, das körpereigene Immunsystem gezielt gegen die Erreger zu mobilisieren, die häufig Blasenentzündungen hervorrufen – in vielen Fällen also gegen Bakterien, die im Darm heimisch sind, so z.B. Kolibakterien, auf deren Konto etwa 40 % aller Harnwegsinfektionen gehen. Durch die gezielte Immunstimulation soll langfristig weiteren Blasenentzündungen vorgebeugt werden.

Einige Studien belegen die Wirksamkeit dieser Methoden; allerdings waren diese Untersuchung nicht querschnittspezifisch ausgerichtet, sondern der Fokus lag auf andere Betroffenengruppen – z. B. jungen Frauen. Bei querschnittgelähmten Menschen sollte bei einer häufig wiederkehrenden Harnwegsentzündung die Suche nach den Ursachen nicht außer Acht gelassen werden. Möglicherweise ist ein geändertes Blasenmanagement oder eine Umstellung beim Katheterisieren ebenfalls zielführend. (Ausführliche Informationen u. a. in den Beiträgen Zur Durchführung des intermittierenden Selbstkatheterismus oder in den Leitlinien zu Management und Durchführung des Intermittierenden Katheterismus.)

Wer in enger Rücksprache mit seinem Arzt oder Therapeuten die spezifische Immunstimulation – auf eigene Kosten – ausprobieren möchte, hat dazu mehrere Möglichkeiten: Er kann auf fertige Präparate aus der Apotheke zurückgreifen, z.B. auf Kapseln mit einem Extrakt aus abgetöteten Kolibakterien (Escherichia-coli-Bakterien) oder einer Impfung. Seit 1984 ist ein Impfstoff auf dem Markt, der mehrere aufbereitete inaktive Bakterienstämme enthält. Oder er kann sich im Rahmen einer Autovaccinen-Therapie ein individuell hergestelltes Präparat aus körpereigenen Stoffen anfertigen lassen (mehr dazu im Punkt Autovaccinen-Therapie).

Impfung gegen wiederkehrende Harnwegsinfekte

Mit StroVac® (frühere Bezeichnung: Solco-UroVac®) ist in Deutschland ein Impfstoff gegen Harnwegsinfektionen auf dem Markt. In ihm stecken inaktive Exemplare der uropathogenen Erreger, die – solange sie aktiv sind – häufig Harnwegsinfekte hervorrufen. Durch sie soll das Immunsystem angeregt werden, aktiv gegen die entsprechenden Keime vorzugehen, sobald es sie im Körper entdeckt.

Laut Hersteller Strathmann enthält das Serum inaktivierte Darmkeime (Enterobakterien) wie Escherichia coli, Morganella morganii, Proteus mirabilis, Klebsiella pneumoniae sowie Enterococcus faecalis. Es diene der Therapie und Prophylaxe rezidivierender Harnwegsinfektionen bakterieller Herkunft. Das Präparat werde zur Grundimmunisierung verwendet (3 Injektionen), nach etwa einem Jahr solle eine Auffrischung (1 Injektion) erfolgen (siehe auch externer Link: Pflichttext zu StroVac®). Der Impfstoff kann auch parallel zu einer Akuttherapie gespritzt werden.

Das Ärzteblatt berichtet von mehreren kontrollierten Studien, in denen die Ausbruchrate unter Therapie gegenüber Placebo um 26 bis 93 % sank. Als Nebenwirkungen traten überwiegend traten lokale Reizungen oder Immunreaktionen auf (Vahlensieck). Andere Quellen sprechen von einer Verringerung der Infektionswiederkehr um 30 bis 50 Prozent (Ryu, 2019).

Auch wenn das Präparat als Impfstoff zugelassen ist: Eine Impfempfehlung gibt es nicht – weshalb eine Impfung mit StroVac® aus eigener Tasche bezahlt werden muss. Tipp: Nachfragen kann sich lohnen. Mitunter übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen oder Unfallversicherungen im begründeten Einzelfall die Kosten.

Immunstimulation zum Schlucken: Kapseln mit aufbereiteten E. coli-Stämmen

Das Immunsystem kann u.U. auch durch die orale Aufnahme von Präparaten stimuliert und gezielt auf die Erreger von Harnwegsinfekten programmiert werden. Ein Mittel aus diesem Bereich ist Uro-Vaxom®, das laut Fachinformation von Hersteller Vifor-Pharma mit aufbereiteten E. coli-Fraktionen arbeitet. 1 Hartkapsel enthalte 6 mg lysierte immunaktive Fraktionen aus ausgewählten Escherichia-coli-Stämmen. Das Präparat stimuliere die zelluläre und humorale Immunität, wodurch es zu einer verstärkten lokalen Immunantwort im Bereich der Harnwege komme (siehe auch externer Link Fachinformation zu Uro-Vaxom®).

Zwei Metaanalysen mit fünf doppelblinden, mit Placebos kontrollierten Studien belegen die Wirksamkeit der Kapseln mit den aufbereiteten E coli-Bakterien. Das Ärzteblatt berichtet, dass innerhalb eines halben bis ganzen Jahres die Wiederkehrraten der Infektionen im Vergleich zu den Placebo-Gruppen um 39 Prozent sank. Die Behandlung der Infektionen konnte verkürzt werden, die Infektionsrate war – wieder im Vergleich zur Placebo-Gruppe – nach Studienende verringert. In seltenen Fällen traten leichte Nebenwirkungen wie Schwindel oder Hautreaktionen auf (Vahlensieck).

Das Mittel dient der Prophylaxe und kann auch während einer – klassisch mit Antibiotika behandelten – Akutphase erstmals oder weiter eingenommen werden. Mitunter ist eine Auffrischung der körpereigenen Immunabwehr angeraten.

Autovaccinen-Therapie: Individuell hergestellte Präparate

Die Behandlung mit Autovaccinen wird häufig als Impfung bezeichnet, die Autovaccine selbst als Eigenimpfstoff. Bereits der Wortbestandteil „vaccine“ deutet darauf hin – denn „Vaccinen“ oder „Vakzinen“ ist als Bezeichnung für alle Impfstoffe mit toten oder lebenden Erregern gebräuchlich. Dennoch zählt die Therapie nicht zu den klassischen Impfungen, bei denen dem Körper in geringer Dosis ein Fremdstoff zugeführt wird, damit er gegen ihn spezifische Antikörper bildet. Bei der Autovaccinen-Therapie wird der Körper dagegen mit aufbereiteten Kolibakterien aus dem eigenen Stuhl oder Urin konfrontiert, um so eine Immunstimulation zu provozieren. Das Immunsystem soll auf diese Keime aufmerksam gemacht werden und dadurch lernen, wieder gezielt eine Abwehr gegen diese Stoffe zu organisieren (Augustin, 2017).

Durch Studien belegt ist diese Form der Mikrobiologischen Therapie bisher noch nicht ausreichend (Vahlensieck), jedoch wird eine kleinere Anwendungsbeobachtung zitiert, laut der nach einer alleinigen 3-monatigen Therapie mit Autovaccinen bei 20 von 21 Patienten die Zahl der Harnwegsinfekte von 3 auf 1 pro Jahr gesunken sei (Schulte, 2019).

Für die Autovaccinen-Behandlung werden in einem aufwendigen Verfahren aus einer Stuhlprobe Bakterien gewonnen und danach in Petrischalen vermehrt. Aus mehreren hundert Stämmen werden die ausgewählt, von denen man sich eine positive Wirkung verspricht. Und nur diese wandern in abgetöteter Form in das endgültige Präparat, das der Betroffene als Nasenspray aufnimmt oder sich spritzen lässt (Augustin, 2017). Die Behandlung mit Autovaccinen geschieht durch speziell geschulte Ärzte und Therapeuten – eine Hotline mit den Namen und Adressen dieser Spezialisten bietet SymbioVaccin an (siehe externer Link Autovaccine. Der individuelle Schlüssel zum Immunsystem), ein Arzneimittelhersteller, der Lösungen für die Vaccinen-Therapie herstellt und vertreibt. Auch diese Form der Prophylaxe von Harnwegsinfekten ist nur in seltenen Ausnahmefällen eine Kassenleistung – wer sicher gehen will, sollte vor Behandlungsbeginn mit seiner Kasse Kontakt aufnehmen (Schulte, 2019).


Die dargestellten Inhalte werden nach bestem Wissen und Gewissen weitergegeben. Sie bieten lediglich einen ersten allgemeinen Überblick. Unter keinen Umständen ersetzen sie die erforderliche medizinische, rechtliche oder fachliche Prüfung des Einzelfalls, die stets durch einen Arzt oder sonstige Fachspezialisten erfolgen muss.