Barrierefreie Angelplätze: Rollstuhltaugliche Spots für naturnahes Hobby

Rollstuhlgerechte Angelplätze sind vermutlich genauso selten wie der Fang eines 150-cm-Hechts. Aber beides gibt es. Die Internetpublikation Anglermagazin.de z. B. listet auf einer interaktiven Karte entsprechende Spots für Rollstuhlnutzer. Die Beauftragte für barrierefreies Angeln beim Landessportfischerverband Schleswig-Holstein hat zudem den Prototyp eines Angelplatzes entwickelt, den auch Menschen mit Querschnittlähmung bequem nutzen können.

Barrierefreier Angelspot am Elbe-Lübeck-Kanal

Männer sitzen in Tarnklamotten am Ufer und starren stundenlang aufs Wasser. Ansonsten passiert nicht viel – dieses Label der uferlosen Langeweile haftet in manchen Köpfen der Angelei nach wie vor an. Andere sehen in der Angelfischerei einen neuen Lifestyle-Trend. In Berlin beispielsweise kann man mitten in der Stadt und auch im gewässerreichen Umland allenthalben Angler aller Altersklassen beobachten.

Bei den neuen und alten Anglern steht nicht unbedingt nur der Wunsch nach dem dicksten Fisch im Mittelpunkt. Die Angler zieht es häufig auch einfach ins Freie. Und der Austausch mit Gleichgesinnten (vor Ort, im Verein oder in den sozialen Medien) scheint vielen genauso wichtig wie ein großer Fang.

Es gibt also viele gute Gründe, weshalb auch für Menschen mit Querschnittlähmung Sportfischen ein faszinierendes Hobby sein kann, das sich – abhängig von der Lähmungshöhe – auch vom Rollstuhl aus gut ausüben lässt. Allerdings müssen einige Rahmenbedingungen stimmen, damit Neulinge sich an die Angelfischerei heranwagen oder erfahrene Angler nach Eintritt einer Querschnittlähmung ihr Hobby weiterhin ausüben können.

Was einen Angelplatz rollstuhlgerecht macht

Was getan werden müsste, um möglichst vielen Menschen das Sportfischen zu ermöglichen, hat Sabine Hübner erforscht. Die Beauftragte für Barrierefreies Angeln beim Landessportfischerverband Schleswig-Holstein e. V. hat in einer Konzeptstudie ein ganzes Bündel an Ideen zusammengetragen, das die Grundlage für den Bau eines Netzes barrierefreier Angelplätze in ihrem Bundesland bilden soll. Dafür befragte sie 400 Menschen mit unterschiedlichsten Behinderungen und Beeinträchtigungen.

Dabei fand sie heraus, dass es „vergleichsweise wenige“ Ansprüche an den Angelplatz selbst gibt. Einige der für Rollstuhlfahrer vermutlich wichtigsten Aspekte:

  • Der Platz sollte auf jeden Fall größer als die in DIN 18040-3 vorgesehenen 1,8 x 1,5 m sein – sonst braucht eine begleitende Person schon sehr schmale Füße, und das gemeinsame, gleichberechtigte  Nutzen eines Spots mit anderen Anglern ist nahezu unmöglich.
  • Gerade auch Menschen mit Angelerfahrung betonten die Notwendigkeit von Radabweiser und sichernden Geländern, um ein Weg- bzw. Ins-Wasser-Rollen des Rollstuhls zu verhindern – gleichzeitig müssen diese Geländer jedoch so konzipiert sein, dass Rollstuhlfahrer beim Auswerfen der Angeln und beim Anlanden des Fanges noch genügend Bewegungsfreiheit haben.
  • Zwischen Wasserspiegel und Rollstuhlstellplatz sollten etwa 50 cm Abstand sein, damit Rollstuhlnutzer möglichst selbstständig ihren Fang keschern und anlanden können. Ein Wunsch, der nicht überall zu realisieren ist. Bei tideabhängigen Gewässern sollte laut Hübner der Abstand maximal 1 m betragen.
  • Der Weg zum Angelplatz sollte leicht befahrbar sein, mindestens 90 cm breit sein und eine maximale Steigung von 4 Prozent haben.
  • Nicht jeder fährt Auto, deshalb sollte der Platz, der ja meist der Naherholung dient, möglichst gut auch mit dem ÖPNV erreichbar sein.

Hübner beließ es nicht bei der Theorie: In mehreren Optimierungsschritten entstand der Prototyp eines für möglichst viele Menschen barrierefreien Angelspots.

Zehn dieser Plattformen wurden bisher (Stand: August 2020) realisiert. In der Konzeptstudie (externer Link) findet sich auch ein Bauplan dieses Spots. Beides – Studieninhalte und Bauplan – können Vereinen, die ihr Angebot für Menschen mit Handicap optimieren wollen, wertvolle Anregungen geben. Und vielleicht auch Gemeinden als Leitfaden dienen, wie sie ihr naturnahes Naherholungskonzept möglichst barrierefrei vorantreiben könnten.

Interaktive Karten mit barrierefreien Plätzen

Wer nicht in heimischen Gewässern, wo er die besten Stellen ohnehin schon kennt, sondern auch mal anderswo angeln möchte, kann z. B. auf die interaktive Karte von Angelmagazin.de (externer Link) zurückgreifen. Hier sind bereits etliche barrierefreie Angelspots – auch die Vorzeige-Plattformen aus Schleswig-Holstein – mit kurzen Beschreibungen eingetragen. Wer noch einen Geheimtipp hat, kann diesen dort öffentlich machen und ebenfalls in die Karte eintragen. Der Herausgeber freut sich auf weitere Fähnchen auf der Karte, behält sich jedoch vor, die Marker vor der Freischaltung zu prüfen.

Noch ein Tipp der Beauftragten für Barrierefreies Angeln: Auch im angelverrückten Dänemark gibt es rund 20 Angelplätze mit Fokus auf rollstuhlfahrende Nutzer, die auf einer interaktiven Karte (externer Link) gefunden werden können. Zusatz-Goodie: In dieser Suchmaschine können Angelspots auch nach Fischarten sortiert werden.