Ran an den Stoff! So können querschnittgelähmte Menschen Nähmaschinen steuern

Nähen als Hobby boomt. Aber wie können Menschen mit Querschnittlähmung (oder anderen Handicaps) an einer Nähmaschine Gas geben? Peter Lutz, Nähmaschinenmechaniker aus Baden-Württemberg, hat für dieses Problem eine Lösung: Er hat eine Handsteuerung mit Druckschalter entwickelt, die mit einem Finger bedient wird – der Rest der Hand kann weiterhin den Stoff greifen und führen.

Das Problem ist einfach umrissen: Querschnittgelähmte Menschen können mangels Beinfunktionen kein Fußpedal bedienen – und damit scheinbar auch keine Nähmaschine, denn die wird nun einmal per Fußdruck gestartet und auch ihre Geschwindigkeit wird so reguliert.

Echte Nadel-und-Faden-Heldinnen lassen sich von solchen Problemen aber nicht ausbremsen. Sie konstruieren sich zum Beispiel Vorrichtungen, mit denen sie mit der Fußraste ihres Rollis das Pedal bedienen können. Oder sie verlegen die Steuerung ein Stockwerk höher. So macht es Bloggerin Anouk. Auf ihrem (externer Link) Blog TH10 zeigt sie, dass und wie sie das Fußpedal mit ihrem Ellenbogen bedient. 

Handsteuerung statt Fußpedal

Der schwäbische Tüftler und Nähmaschinmechaniker Peter Lutz hat noch eine dritte Lösung parat: Er entwickelte eine Handsteuerung für Menschen mit eingeschränkter oder fehlender Beinfunktion. „Auf die Idee, dass dafür überhaupt Bedarf ist, hat mich eine MS-Kranke gebracht“, erzählt er. „Ihr fehlte irgendwann die Kraft, das Fußpedal zu treten. Die Nähmaschine mit dem Ellbogen zu steuern, kam für sie auch nicht in Frage.“.

Zwar gibt es einige Hersteller, die Nähmaschinen mit manueller Start- und Stopptaste anbieten, aber diese Lösung hat (falls sie wie bei querschnittgelähmten Menschen die einzig mögliche Bedienmethode ist) nach Meinung des Experten zwei Haken: „Erstens kann man damit die Geschwindigkeit nicht regulieren. Und zweitens ist eine Hand immer am Springen: Hoch zur Taste, runter zum Stoff, wieder hoch zur Taste.“

Damit auch Menschen ohne Fußfunktion beide Hände am Nähgut haben können, hat er deshalb als Nachrüstsatz eine (externer Link) Handsteuerung für Nähmaschinen entwickelt. Das Gerät ist etwa so groß wie eine Zündholzschachtel und wird mit einem Klettverschluss an der Hand fixiert.  Der Schalter liegt in der Handinnenfläche und lässt sich mit dem Mittelfinger der rechten oder linken Hand bedienen. Ringfinger und kleiner Finger halten den Schalter – Daumen und Zeigefinger sind frei und können den Stoff führen.

Lutz bietet die Steuerung für nahezu alle gängigen Nähmaschinenmarken an. An den Geräten selbst ist kein Umbau nötig: Die Steuerung wird einfach in die Buchse für das Fußpedal eingestöpselt.

Bei mechanischen und Overlock-Maschinen muss man mit ca. 220 Euro rechnen, bei elektronischen Maschinen mit etwa 100 bis 120 Euro, die Komplettlösung (neue „recht gute“ elektronische Maschine mit Handsteuerung) ist bei ihm für ca. 450 Euro zu bekommen.

Weitere Modifizierungen möglich

Je nach Einschränkung der Funktonalität und Beweglichkeit fertigt Lutz auch andere Nähmaschinensteuerungen an oder bietet Modifizierungen, zum Beispiel:

  • Kopfsteuerung
  • Kniesteuerung
  • verschiedene Formen und Größen des Geräts, individuell angepasst
  • verschiedene Tastengrößen