Leben mit Querschnittlähmung: „Wenn Schwierigkeiten auftreten, kann man sie lösen.“

Im Winter 2019 machte sich Tetraplegiker Bernd Jost auf eine Reise nach Spanien auf. In seinem in Eigenregie umgebauten VW-Bus. Ein Aussteigerabenteuer auf Rädern:

Bernd Jost ist seit einem Unfall 1991 Tetraplegiker. An seiner Unabhängigkeit ändert dies nichts. Völlig auf sich allein gestellt fuhr er Ende Dezember 2019 in seinem umgebauten VW T6 nach Spanien, um im warmen Süden den kalten Wintermonaten in Deutschland zu entgehen. Recht abenteuerlich war laut Jost schon die Durchfahrt durch Frankreich. Hier warnte man ihn davor auf Autobahnraststätten zu übernachten, sondern abzufahren und einen etwas abgelegeneren Parkplatz zu suchen. Wegen marodierender Banden. Gesehen hätte er keine, doch am Anfang seiner Reise hätte er sich noch nicht die Abgebrühtheit zugelegt gehabt, die sich später einstellen sollte.

Die Reise

Zunächst war es nicht geplant gewesen, die Reise ganz alleine zu machen. „Ich weiß nicht, woran es liegt, aber je älter ich werde, desto ängstlicher werde ich. Und am Anfang waren da schon einige Bedenken“, so Jost. „In Spanien traf ich mich dann erstmal mit einem Bekannten, der in seinem eigenen Bus unterwegs war. Zusammen wollten wir dann durch Südspanien fahren, und zwar den ganzen Winter lang, aber nach drei Wochen war klar, dass wir kein so tolles Team waren und jeder von uns für sich alleine besser dran war. Wir gingen also getrennte Wege.“

Aber Ängsten begegne man ja am besten, indem man sich ihnen stelle, befand Jost, „und eine bessere Entscheidung hätte ich nicht treffen können. Der springende Punkt an einer Reise mit dem Camper ist ja, unabhängig und eben auf niemanden angewiesen zu sein.“

Und so richtig „alleine“ war Jost auch gar nicht. Wie sich zeigte, kann man in der kalten Jahreszeit an der spanischen Küste keinen Stock werfen, ohne damit deutsche Winteraussteiger zu treffen. Auf den Rast- und Campingplätzen kennt man sich – oder man wird ganz schnell bekannt gemacht. Die Worte „Hallo, ich bin Bernd. Ich bin der Neue.“ reichten schon vollkommen aus, um aus Jost ein Teil der Familie zu machen. Wobei Zusammenhalt zwar gegeben, Nähe aber in keiner Weise verpflichtend war. „Wenn man Kontakt wollte, dann bekam man den. Und wenn man seine Ruhe wollte, dann bekam man die auch.“ So kam es, dass Jost immer mal wieder mit verschiedenen Leuten zusammentraf, mit ihnen unterwegs war und sich Tage oder Wochen später aber auch wieder von ihnen verabschiedete. In diesen losen Gruppen war es auch, in denen Jost zu der Erkenntnis kam, dass es für jedes Problem eine Lösung gab.

„Wenn Schwierigkeiten auftreten, kann man sie lösen“, sagt er. „Das gilt für eine Reise im VW-Bus genauso wie für alles andere im Leben auch. Als ich ein Problem mit dem Bus hatte, schickte mich jemand zu einem Spanier in einem Ort in der Nähe, der jahrelang in Deutschland gewohnt hatte und jetzt eine Autowerkstatt hat. Problem – Lösung. So läuft das. Nichts kann passieren, was das endgültige Aus für irgendwas ist. Es sei denn natürlich, man will das dann so.“

Unterwegs in Spanien

„Der Rollstuhl war für mich in Spanien überhaupt kein Thema. Die Bordsteine sind in der Regel abgesenkt und die meisten Supermärkte sind ebenerdig, da gibt es höchstens mal eine Stufe. Toiletten brauchte ich keine, ich hatte ja immer meine eigene dabei. Und am Strand blieb ich auf der Promenade. Zum Baden war es eh echt zu kalt.“

Einzig die Mautstation waren manchmal ein bisschen tückisch. „Wenn ich an einer Schranke mal nicht weiterkam, konnte ich ja schlecht aussteigen und das Problem lösen. Wenn ich vom Hintermann schon so zugeparkt war, dass ich nicht rückwärts rausfahren konnte, habe ich halt so lange gewinkt, bis jemand kam und mir half. Um Hilfe bitten kann auch eine Lösung sein.“

… und dann kam Corona

Mitte März 2020 war Jost an der spanischen Ostküste unterwegs und in einem sehr entschleunigten Urlaubsmodus, als er von anderen Reisenden – die trotz eigener Entschleunigung regelmäßig die Nachrichten verfolgten – von einer um sich greifenden Pandemie erfuhr. „Als es hieß ‚Dänemark hat die Grenzen dicht gemacht‘ war mir klar, dass das überall passieren kann“, so Jost. Am nächsten Tag machte er sich auf gen Heimat, obwohl es sein eigentlicher Plan gewesen war, bis Anfang April in Spanien zu bleiben.

Die Heimreise verlief problemlos, so Jost. Spanien und Frankreich hätten ihn ja dringend loswerden wollen. Und an der Grenze zu Deutschland hätten ihm die Zollbeamte auch nur kurz in die Augen geleuchtet und dann durchgewunken. Sozusagen per Corona-Schnelltest auf Sichtkontakt.

„Ein paar der Leute, die ich in Spanien kennengelernt hatte, sind trotz der Warnungen geblieben. Sie wurden keine drei Wochen später von den spanischen Behörden aufgefordert das Land zu verlassen. Da bin ich froh, dass ich gleich freiwillig gegangen bin.“

Der Wohnbus

Jost hatte sich mit dem Umbau des VW Bus einen lang gehegten Traum erfüllt, in dem viel Arbeit und noch mehr Planung steckte. Mehrere Jahre und Werkstattwechsel hat es gedauert, von der Idee bis zum Aufbruch gen Süden, aber das Endergebnis kann sich sehen lassen.

In Josts Wohnbus gibt es auf wenigen Quadratmetern ein Bett, ein Waschbecken, eine Dusche, eine Trockentoilette (funktioniert wie ein Katzenklo für Menschen), einen Kühlschrank (wo eigentlich der Beifahrersitzt sein sollte), eine Kochplatte und jede Menge Stauraum. Platz bietet der Wohnbus für genau eine Person, nämlich Jost selbst, obwohl „es mir manchmal schon ein bisschen leid tat, dass ich keine Anhalterinnen mitnehmen kann…“

Alle Komponenten sind so clever aufeinander abgestimmt, dass auf einem Minimum an Platz, maximaler Komfort ermöglicht wurde. Und das alles rollstuhlgerecht und ausgerichtet für eingeschränkte Armkraft und Handfunktion.

In folgendem Video zeigt Jost, wie er in den Bus reinkommt (Spoiler: er verwendet ein Kran-Lift-System), welche Komponenten im Bus verbaut sind und wie sie funktionieren.

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Für einen besonderen Wow-Effekt sorgt die Dusche. Sie ist direkt neben dem Bett, wobei der hochklappbare Duschsitz auf gleicher Höhe angebracht ist, was einen leichten Transfer gewährleistet. Auf der anderen Seite ist das Waschbecken mit ausziehbarem Wasserhahn, der als Duschkopf verwendet wird. Es gibt einen 10-Liter Warmwasserboiler, insgesamt stehen aber 60 Liter Wasser zur Verfügung, wenn der Frischwassertank (hinter der Dusche) ganz voll ist.

Vor dem Bett gibt es einen Klapptisch, der als Büro, Küche und Esstisch dient. Gekocht wird auf einem Gaskocher. Und das entweder im Bus oder draußen. Jost erklärt: „Wenn es hochsommerliche Temperaturen hat, willst du echt nicht im Bus kochen, weil es da drin dann nämlich sehr schnell sehr warm wird. Dafür hab ich eine Außenküche.“ Die Außenküche ist auch ein Gaskocher.  Dieser befindet sich auf einer ausziehbaren Platte unter dem Bett, an die man kommt, wenn man die Hecktür öffnet.

Das Gepäck, mit allem, was man für eine lange Reise so braucht, findet unter dem Bett (in Kisten sortiert) Platz. Und ebenfalls mit an Bord ist da auch noch ein Rollstuhlzuggerät für die kleinen Spritztouren am Urlaubsort.

Damit ist wirklich für alles gesorgt! Nichts, was man auf Rollstuhlreisen so braucht, fehlt. Und da der T6 nicht allzu groß ist, steht er auch nach dem Roadtripping nicht monatelang unbenutzt in der Einfahrt herum, sondern kommt im Alltag zum Einsatz, wie jedes andere Auto auch.

Für einen Besen muss noch Platz sein

Ob er noch einen Tipp hat, für Leute, die sich in ein ähnliches Abenteuer stürzen wollen? „Ja“, sagt Jost. „Nehmt einen Besen mit. Ich hatte einen dabei, den meine Mutter mir aufgenötigt hat. Und ich war für das Ding echt dankbar. Was ich täglich an Sand rausgekehrt habe, darauf wäre ich im Vorfeld im Leben nicht gekommen.“

Wann und wohin die nächste Reise geht, ist derzeit (u.a. coronabedingt) noch unklar, doch eines steht fest: Lange wird es den Teilzeitaussteiger nicht im kalten Deutschland halten.