Gleichzeitig angewendete Elektro- und Magnetstimulation verbessert die Gehfähigkeit bei Patienten mit Querschnittlähmung

Finnische Forscher glauben mit der Kombination von Elektro- und Magnetstimulation eine Methode gefunden zu haben, mit der das Wiedererlangen bzw. die Verbesserung der Gehfunktion bei Menschen mit inkompletter Querschnittlähmung signifikant gefördert werden kann.

Die gleichzeitige Stimulation der motorischen Nerven des Gehirns und der Gliedmaßen (gepaarte assoziative Stimulation) hat zu vielversprechenden Forschungsergebnissen geführt. Studien an der Universität Helsinki, dem Universitätsklinikum Helsinki und der Aalto-Universität hatten schon zuvor gezeigt, dass die gleichzeitige Magnetstimulation des Gehirns und die elektrische Stimulation der Gliednerven eine geeignete Methode bei der Behandlung von Menschen mit Querschnittlähmung darstellen.

Frühere Fallstudien haben gezeigt, dass die synchronisierte Stimulation der Gehirn- und Gliednerven die neuronalen Verbindungen stärkt und so die Mobilität der Patienten wiederherstellen kann. Nun haben die Forscher erstmals das Potenzial der paarweisen assoziativen Stimulationstherapie bei der Behandlung inkompletter Querschnittlähmung betrachtet und untersucht, wie die Stimulationstherapie die Wiederherstellung der Gehfähigkeit fördern kann, wenn sie mit der Gehrehabilitation kombiniert wird.

Die Ergebnisse der kürzlich abgeschlossenen Fallstudie wurden im September 2020 in der Fachzeitschrift „Spinal Cord Series and Cases“ veröffentlicht.

„Wir zeigen zum ersten Mal, dass die paarweise assoziative Stimulation einem querschnittgelähmten Patienten beim Gehen helfen und seine motorische Rehabilitation fördern konnte. Die Stimulationstherapie hat sich bereits früher als eine mögliche Behandlungsmethode bei Rückenmarksverletzungen erwiesen. Diese Ergebnisse spornen uns an, die Untersuchung der paarweisen assoziativen Stimulation fortzusetzen“, sagt Studienleiterin Anastasia Shulga, Neurowissenschaftlerin und Ärztin an der Universität Helsinki.

Ein Patient mit Querschnittlähmung verbesserte seine Motorik in solchem Maße, dass selbständiges Gehen mit Gehhilfe möglich ist.

In der Fallstudie wurde die Stimulationstherapie bei einem 47-jährigen Mann durchgeführt, dessen untere Extremitäten aufgrund einer Rückenmarksverletzung inkomplett gelähmt waren. Das rechte Bein des Patienten hatte sich im Jahr nach der Verletzung spontan fast vollständig erholt, während sich die Funktion des linken Beins nur teilweise erholt hatte, so dass eine Gehfähigkeit nicht gegeben war. Ein Jahr nach Eintritt der Querschnittlähmung wurde sein linkes Bein drei Monate lang mit der Stimulationsmethode behandelt. Diese dreimonatige Behandlung wurde zwei Jahre nach Eintritt der Querschnittlähmung wiederholt.

Vor der Stimulationsbehandlung war der Patient nicht in der Lage ohne erhebliche Unterstützung zu stehen. Da keine Aussicht auf Erfolg gegeben war, wurde keine konventionelle Rehabilitation zum Erlangen der Gehfunktion eingeleitet.

Nach der ersten dreimonatigen Stimulationsperiode war der Patient in der Lage, 1,5 Minuten lang zu stehen und 13 Schritte am Gehbarren zu machen. Dank dieser Verbesserung wurde der Patient nach der Behandlungszeit in die Gehrehabilitation eingeschrieben und erreichte mit Hilfe eines Rollators eine unabhängige Gehfähigkeit.

Während der zweiten dreimonatigen Behandlungsperiode wuchs seine Gehstrecke 2,4-mal schneller im Vergleich zur vorherigen Periode, in der er keine Stimulation erhielt. Darüber hinaus hatte das linke Bein seine Kraft zu einem beträchtlichen Grad wiedererlangt, während sich keine unerwünschten Nebenwirkungen zeigten.

Studie zur gepaarten assoziativen Stimulation zur Behandlung von inkompletter Querschnittlähmung

Die meisten Querschnittlähmungen sind inkomplett, wobei keine Querschnittlähmung gleich ist und Funktionsausfälle variieren. (Siehe hierzu: Die inkomplette Querschnittlähmung.) Eine spontane Wiederherstellung von Funktionen ist bis zu zwei Jahre nach Eintritt der Verletzung möglich und hängt vom Grad und der Schwere der Verletzung ab.

Shulga und ihr Team haben vielversprechende Ergebnisse bei der Untersuchung der paarweisen assoziativen Stimulationstherapie bei Betroffenen mit inkompletter Para- und Tetraplegie erzielt. In den Studien wurde die Funktionalität der oberen oder unteren Gliedmaßen von fast 20 Patienten erfolgreich verbessert. Shulga weist jedoch darauf hin, dass im Falle einer kompletten Querschnittlähmung die untersuchte Methode keine geeignete Therapie ist.

Aktuelle Studien

Derzeit führen die Forsche eine randomisierte, doppelblinde, plazebokontrollierte Studie durch, mit Patienten, bei denen der Eintritt der Rückenmarksverletzung im Halswirbelbereich nur 1-4 Monate zurückliegt. Das Ziel der Studie ist es, die Funktion der oberen Gliedmaßen der Patienten zu verbessern. Eine ähnliche Studie für Patienten mit Verletzungen unterhalb der Halswirbelsäule ist geplant.

„Wir untersuchen die Wirksamkeit der synchronisierten elektrischen und magnetischen Stimulation, mit dem erklärten Ziel eine Technik für den klinischen Einsatz zu etablieren“, sagt Shulga.

Wann und ob die Methode bei der Rehabilitation bei Querschnittlähmung eingesetzt werden kann, ist derzeit noch unklar.


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