Nerventransposition kann bei Tetraplegikern Muskeln unterhalb der Lähmungshöhe re-aktivieren

Der Transfer von Nerven ist in der sogenannten Plexuschirurgie schon seit längerem etabliert – „jetzt müssen wir nur noch dafür sorgen, dass es sich herumspricht, dass diese Methode auch Tetraplegikern zu mehr Mobilität in den oberen Extremitäten verhelfen kann,“ sagt Dr. Jörg Bahm, PhD. Nach einer Transposition von Nerven könnten sie zum Beispiel einen Arm, die Hand oder Finger wieder willentlich bewegen.

Dr. Bahm leitet die Sektion Plexuschirurgie an der Klinik für Plastische Chirurgie, Hand- und Verbrennungschirurgie des Universitätsklinikums Aachen. Dort werden seit über 20 Jahren zerrissene oder durchtrennte periphere Nerven unterm OP-Mikroskop oder der Lupenbrille wieder zusammengenäht, größere Lücken mit Transplantaten überbrückt. Schwerpunktmäßig geschieht dies vor allem bei Nerven, die sich im Hals- und Lendenbereich zu einem Geflecht organisieren, dem sogenannten Plexus brachialis (aus dem lateinischen: Plexus = Geflecht, brachialis = zum Arm gehörend). Daher die Bezeichnung Plexuschirurgie.

Funktionalität der oberen Extremitäten aufwerten

Der-Querschnitt.de wollte von Dr. Bahm wissen, ob und in welchem Umfang auch Menschen mit Querschnittlähmung von den Erfahrungen auf diesem hochkomplexen medizinischen Gebiet profitieren könnten.

„Für Leute mit eher tiefem Querschnitt, also ungefähr ab den Brustwirbeln abwärts, können wir nichts wirklich Sinnvolles machen,“ sagt der Experte für Plexuschirurgie. „Aber bei Tetraplegikern, die obenrum noch etwas Steuerungsfähigkeit haben, können wir in den oberen Extremitäten die Funktionalität durchaus aufwerten.“

Das Prinzip, mit dem Bahm und seine hochspezialisierten Kollegen arbeiten, erinnert an einen Technikbaukasten, in dem es nur zwei Bauteile gibt: Nerven und Muskeln. Um im Bild zu bleiben: Die Nerven dienen als Stromleitungen, die Muskeln sind der Motor, der einzelne Körperbewegungen antreibt.

„Überflüssige“ Nerven werden umgeleitet

Bei einer Querschnittlähmung sind manche Nervenbahnen unterbrochen, eigentlich noch voll funktionsfähige Muskeln bekommen keinen Strom mehr und können deshalb nicht mehr bewegt werden. Genau dort setzten die Chirurgen an: „Wir leiten ein paar gesunde Nervenbahnen, die nicht unbedingt gebraucht werden, um. Und zwar zu Muskeln, die unterhalb der Lähmungshöhe liegen, noch immer voll funktionsfähig sind, aber eben keine Befehle mehr bekommen und deshalb stillgelegt sind.“

Ist das Rückenmark zum Beispiel auf Höhe C7 geschädigt, können die Chirurgen ein paar Nerven aus C6 und C5 abzwacken und mit der Ellbogen-, Handgelenk- oder Fingermuskulatur verbinden. „Für Tetraplegiker ist das natürlich ein Quantensprung, wenn sie dadurch plötzlich wieder ihre Hand aktiv steuern können“, sagt Dr. Bahm. Im nächsten Satz bremst er allzu große Erwartungen jedoch gleich wieder ein: „Mit einer Nervenumlegung schaffen wir die Voraussetzung dafür, dass Körperfunktionen zurückkehren können. Wir legen quasi die Kabel, aber der Muskel muss sich selbst wiederaufbauen. Wie viel Kraft er letztendlich entwickeln wird, kann man nicht voraussagen, da darf man auch keine Versprechungen machen. Wir können nur sagen: Wir kriegen es besser hin als es jetzt ist, aber ob ein Faustschluss wirklich möglich sein wird, weiß niemand.“

Hirn muss Muskelsteuerung neu lernen

Nach der Nerventransposition muss der querschnittgelähmte Patient üben, üben, üben. Immer wieder, bis die Bewegungen sitzen. Schließlich muss das Hirn erst lernen, den neu verkabelten Muskel anzusteuern. Dazu liefert Dr. Bahm ein Beispiel: Ein Patient mit Lähmungshöhe C7 kann Arme und Handgelenk bewegen, die Finger jedoch nicht mehr. In diesem Fall könne es sinnvoll sein, den Musculus brachialis vom Netz zu nehmen, denn den Armbeuger-Job bekommt der Bizeps notfalls auch alleine hin. Die Nerven des Brachialis-Muskels würden dann an die Fingerbeuger angeschlossen. Für den Patienten bedeutet das: Jedes Mal, wenn er einen Finger krumm machen will, muss er denken: „Jetzt will ich meinen Ellbogen beugen“, um die richtigen Nerven zu aktivieren.   „Aber irgendwann wird es eine spontane Geschichte“, sagt Dr. Bahm. „Und dann bewegt der Patient einfach so seine Finger.“

Derartige Nerventranspositionen werden seit etwa sechs Jahren durchgeführt, vorher, so Bahm, legte man ganze Muskelpartien um. Heute sind die Chirurgen weiter und können in Feinstarbeit Nerven transponieren – und damit eben auch Tetraplegikern helfen, sofern deren Lähmungshöhe nicht zu hoch ist und sie noch über eine gewisse Funktionalität im Schulterbereich verfügen.

Vor einem derart komplexen Eingriff stehen aufwendige Voruntersuchungen an. Zunächst, um zu klären, ob eine Nerventransposition überhaupt möglich ist – und dann, um zu klären, welche Spendernerven verwendet werden können und welche Muskeln optimalerweise angesteuert werden sollten. Anders als bei der Akutversorgung zählt bei einer Nervenumlagerung nicht jede Minute, aber unbegrenzt warten sollte man auch nicht. Laut Bahm sollte ein derartiger Eingriff optimalerweise „in den ersten ein bis zwei Jahren nach Eintritt der Tetraplegie“ durchgeführt werden.

Vor allem für Tetraplegiker geeignet

Bleibt die Frage: Warum nur Tetraplegikern? Warum kann man mit dieser Methode nicht auch Paraplegikern in die Lage versetzen, ihre Beine wieder zu bewegen? „Bei den unteren Extremitäten funktioniert diese Methode kaum“, sagt der Spezialist. „Das liegt daran, dass wir einen Spendernerv runter bis zur Po-Muskulatur bringen müssten – dafür bräuchte man sehr viele Überbrückungskabel, das geht nur in sehr begrenzter Form.“ Die Ergebnisse derartiger Eingriffe hätten seines Wissens nach bisher nicht überzeugt: „Die Patienten konnten zwar kurzfristig stehen, hatten aber nicht auf Dauer die Kraft, stehen zu bleiben. Sie konnten maximal fünf Schritte gehen, dann war Schluss. Bisher scheint es nicht möglich, die Muskeln in der Po-Region so zu re-nervieren, dass eine neue Funktionalität entsteht.“ Dem Thema Nerventransfer bei Tetraplegikern widmet sich auch eine Studie der Universität. Mehr zu deren Ergebnissen im Beitrag Nerventransfer kann Tetraplegikern die Kontrolle der oberen Extremitäten ermöglichen.